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Kritik

Das mythische New York

Jerome Charyns elfter Roman um den New Yorker Cop Isaac Sidel ist auf Deutsch erschienen, was es zu feiern gilt. „Unter dem Auge Gottes“ zeigt die nicht nachlassende stilistische Kraft Charyns
Hamburg

Der literarische Geschmack mag sich mit den Jahren und den zahlreichen Lektüren ändern, die ein Leserleben ansammelt. Dennoch gibt es einige Konstanten, die bleiben. 30 Jahre gibt es Charyn nun auf Deutsch – und keines seiner Bücher, keiner seiner Sidel-Romane war ein Flop für die Leser. Nun hat Thomas Wörtche Charyn verlegerisch unter seine Fittiche genommen (nicht ohne Konkurrenz), „Unter dem Auge Gottes“ erscheint so nicht mehr im Rotbuch-Verlag, den Charyns Romane lange Jahre geziert haben (nachdem sie von Heyne und Claassen betreut wurden), sondern bei Diaphanes in Berlin und Zürich.

Und Charyn ist zweifellos ein Solitär im Krimi-Genre, wie sie im so vielfältigen amerikanischen Markt ja nicht so selten sind. Elmore Leonard, Don Winslow oder der jüngst verstorbene Robert B. Parker zeugen davon, dass es auch Jahrzehnte nach Hammett und Chandler noch außergewöhnliche Autoren und Texte gibt.

Und unter ihnen ist Charyn vielleicht der sprachmächtigste, nie nachlassend und keineswegs auf den leichten Sprachwitz Leonards aus – gegen den damit nichts gesagt sein soll. Charyn schreibt sehr ernsthaft, und das will etwas heißen in einem Genre, das sich der leichten Unterhaltung verschrieben hat. Thema ist von Anfang an – seid „Blue Eyes“ und „Marylin The Wild“ - ein mythisches New York, in dem die Grenzen zwischen Recht und Kriminalität nie wirklich gezogen wurden, in dem Moral keine Existenzberechtigung hat, Mord und Gewalt hingegen als basso ostinato allen Handelns allgegenwärtig sind. Das ist keine schöne, friedliche Welt, in der man gerne leben würde (oder auch nur seinen Kaffee trinken). Hier geben Mafiosi, Geldleute und korrupte Politiker den Ton an. Diese Welt hat Könige und Königinnen, Herrscherinnen, denen ganze Kolonnen von kriminellen Handlangern zu Füßen liegen.

Ihre Welt ist ein New York, das sich in den heutigen Hochglanzbroschüren und Reisemagazinen nicht (mehr) finden lässt. Das New York bis in die achtziger Jahre, in denen Charyns neuer Roman spielt, war dreckig, heruntergekommen und voller Ruinen. Vor allem die Bronx war das Vorzeigeobjekt einer Stadt, die sich selbst aufgegeben zu haben scheint. Das Produkt einer Subkultur, die die Ausbeutung auf ein neues, radikales Niveau gehoben hat. Bestimmt von einer Elite, die Geld, Einfluss und Grundstücke sammelt, die Geschäft machen will, ohne Rücksicht auf die Verluste anderer. Die aber zugleich selbst so ruinös lebt, dass es ein Wunder ist, wenn ihre Exponenten das nächste Wochenende überleben.

Unter ihnen ist Isaac Sidel das missing link zwischen Ober- und Unterwelt. Er lebt in beiden Welten, er kämpft in beiden Welten, nicht um eine gerechtere Welt, nicht darum, die Bösen zu strafen, er kämpft statt dessen um eine angemessene Machtbalance zwischen den Mächten, die die Welt beherrschen. Eindeutige Verhältnisse gibt es hier nicht, statt dessen ein Ringen um Vorherrschaft, in dem nie klar wird, wer auf welcher Seite steht. Nicht einmal die Seiten sind klar definiert.

Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil der ganze moralische Schmuh, der viele Krimis belastet, hier völlig fehlt. Sidel, die Zentralfigur der elf Romane, ist keineswegs der Protagonist des Rechtssystems oder der Rächer der Enterbten, auch wenn seine Sympathien zweifellos denjenigen gelten, die unter den Machenschaften der diversen Eliten leiden.

Und auch alle Psychologie fehlt: Charyns Figuren folgen allen Obsessionen, die man sich vorstellen kann, aber sie tun dies, weil es so ist wie es ist. Es gibt keine Begründung, keine Ausdifferenzierung, keine Entwicklung. Da Charyn in seinen Sidel-Romanen Mächte aufeinander prallen lässt, sind Menschen bestenfalls Metaphern, Träger von Aktionen, aber keine lernenden Systeme (was wohl eine der Mythen der Gegenwart ist). Die haben in einer mythischen Welt auch keinen Platz. Hier agieren Prinzipien, Konzepte und Neigungen.

Gebäude gehören dazu – das Ansonia in diesem Fall, dem Charyn eine hymnische Beschreibung zukommen lässt  –, historische Personen – in diesem Fall der Ziehvater Sidels und seines Gegenspielers Daniel Pearl, Arnold Rothstein, der im Ansonia mit seiner Geliebten Inez lebte, bis er zu Fall kam. Pearl, der minderjährige Buchhalter, wird der Erbe Rothsteins, lebt im 17. Stock des Ansonia, heruntergekommen und in den abgelegten Klamotten Rothsteins, hält sich eine Wiedergängerin Inez‘ in einem Inez-Museum, kauft Bronx-Grundstücke auf und plant seinen großen Coup.

In dieser Welt agiert Sidel, wie es ihm zusagt und wie in Trance. Er bewegt sich zwischen den Fronten, ohne Schaden zu nehmen, er folgt seinen Neigungen, ohne Rücksicht auf irgendetwas zu nehmen, nicht einmal auf sich selbst.

Es ist denn auch weniger ein einzelnes Verbrechen, das den Roman bestimmt und die Handlung vorantreibt, sondern ein Bündel an Motivationen und Missetaten, unter denen das Initialvergehen beinahe untergeht. Wahrscheinlich könnte Jerome Charyn auch einen Roman um Isaac Sidel schreiben, in dem es um ein geklautes Schnitzel geht, und das Ergebnis wäre immer noch von ungeheurer Wucht.

In diesem Fall gerät Sidel an eine Horde von Militärs, die in die Bronx der achtziger Jahre Vermessungsarbeiten vornehmen. Das stört den Noch-Bürgermeister der Stadt – zumal niemand ihm sagen kann, was da eigentlich vorgeht. Also marschiert Isaac Sidel los, und ist nicht mehr aufzuhalten. Am Ende steht ein Komplott von Militärs, die einen Stützpunkt mitten in der Bronx bauen wollen, auf Land, das Pearl aufgekauft hat – ein Militärstützpunk mitten in der Bronx. Das hört sich absurder an als ein Angriff auf die Twin Towers. Aber redet hier von Absurditäten.

In elf Romanen ist Sidel vom einfachen Straßencop mit dem Ticket der Demokraten zum Bürgermeister New Yorks aufgestiegen und zum Vizepräsidenten der USA, dessen Vereidigung kurz bevor steht. Eine Karriere, die man nicht für möglich halten würde, zumal Sidels Weste keineswegs rein ist. Wenn amerikanische Politiker bevorzugt über ihr Vorleben stolpern – Sidel ist davor gefeit. Er hat keine Geheimnisse.

Aber als Politiker ist er ebenso eine Katastrophe wie als Polizist – nur, die Leute lieben ihn. Sein Präsident ist korrupt bis in die Knochen, und er wird fallen, so dass aus dem Polizisten eben auch noch ein Präsident werden kann, der unter den Augen aller alles tun darf. Das ist ein langer Weg, und man wird gespannt sein dürfen, wie Charyn diese Geschichte weiterspinnt.

Jerome Charyn
Unter dem Auge Gottes
Übersetzung:
Jürgen Bürger
Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche
Diaphanes
2013 · 288 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-03734-429-3

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