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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Waggerl in der Wüste

Hamburg

Wir sind, wie der Marxismus weiß, entfremdet; auch wenn man nicht zu sagen wüßte, wovon man es sei, denn Natur ist das nicht, was „Natur” (zum Beispiel von sich, und sei’s ex negativo) sagt. Für Marx ist noch das „einzelne[n] Atom”, wo es sich verbindet, also „mit Qualitäten begabt wird”, entfremdet: „Durch die Qualität ist das Atom seinem Begriff entfremdet, zugleich aber in seiner Konstruktion vollendet.” Immerhin: vollendet..! Was der – unvollendet – unentfremdete Mensch sei, das ist aber jedenfalls offen, übrigens auch Marx: „Wir kennen bisher kein ökonomisches Verhältnis der Menschen außer dem von Warenbesitzern, ein Verhältnis, worin sie fremdes Arbeitsprodukt nur aneignen, indem sie eignes entfremden”, so Marx im Kapital.

Was Marx Mitte des 19. Jahrhunderts wußte, weiß auch Jérôme Ferrari im 21. Jahrhundert, mit den alten Aporien, hier aber verschlankt und eigentlich fast verschwunden. Das Buch ist ein Abschied, ein „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen”, von dem es auch handelt, der „stets nach seinem eigenen Kopf gehandelt” habe, wie jener Mensch, von dem es nun heißt, man denke „doch lieber, dass mit ihm auch du tot bist”. Wer? – Das erschließt sich langsam in dem dichten Roman, der sich um Verständlichkeit nicht übermäßig bekümmert. Man sei in einem Dorf, es sei die Wüste oder eben nicht, in die Wüste gehe man zur Gottsuche, um dann „aus Einsamkeit” zu weinen, „denn kein einziger Dämon” komme – man sei „der klaffende Raum” der Seele: und das sei „Gott”.

So der moderne Mensch, der dem Archaischen begegnet, der „vollkommen erfüllt von Hass und Liebe” vorm modernen Menschen einem Kind, das dieser mit Kaugummi kompromittiert hat oder hätte, eben die Beine bricht. Und der moderne Mensch schaut zu, er ist die Kompromittierung, dies die Antithese des Textes. In der „Lähmung des Garnisonslebens” bleibt diese bestehen, fast beeindruckend, aber auch das, was das Buch irgendwie falsch macht, es operiert eben mit Eigentlichkeiten, einerseits das Ereignis – „die Wahrheit des Lebens, einfach und strahlend”, andererseits das Denken.

Waggerl in der Wüste, ein wenig, wonach ich Lust auf die klügere Art, das Fremde zu finden, und zwar im Denken, bei Karl-Markus Gauß bekam: Wenn er „Serben, Mazedonier, Bulgaren, Kroaten, Rumänen” aufsucht, aber in Salzburg, wo die Minoritäten miteinander Fußballspiele austragen, wobei „die Inder und die Pakistani, die beide in Salzburg nicht viele gute Kicker aufzubieten haben, sich zur gemeinsamen Mannschaft »Indien-Pakistan« zusammenschließen, die dann, ohne dass es deswegen zum Krieg kommen würde, trotzdem gegen die iranische Mannschaft verlieren wird” (Der Alltag der Welt), dann ist das, was Ferrari auf 110 Seiten pathetisch beschwört – seinen ganzen Roman überflügelt diese Passage.

Ein Gott ein Tier: ein stures Buch, ein starres Buch, ein Buch, das in seiner Hitzigkeit kalt läßt.

Jerôme Ferrari
Ein Gott ein Tier
Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska
Secession Verlag
2017 · 110 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-906910-02-4

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