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Kritik

Die Bar als Mittelpunkt der Welt

Hamburg

Auf Fotos erinnert Jérôme Ferrari an Franz Kafka. Zierlich, schmales Gesicht, verträumte Augen, wenngleich der Blick weniger schwermütig. Sieht man genau hin, erkennt man auf neuern Bildern sogar häufig ein verstecktes Grinsen; nur ganz leicht angedeutet, und vermutlich gar nicht bewusst aufgesetzt, aber dennoch, es ist da. Wahrscheinlich kann Ferrari es selbst nicht so recht fassen, was ihm da gerade widerfahren ist. Nach fünf Romanen in den letzten zehn Jahren, die überwiegend wohlwollend besprochen wurden, dann aber wie Blei in den Buchhandlungen liegenblieben, ist ihm mit seinem sechsten Buch, der „Predigt auf den Untergang Roms“, im vergangenen Jahr der ganz große Wurf gelungen. Das Buch entwickelte sich in Frankreich zu einem Bestseller, die Feuilletons überschlugen sich vor Begeisterung und Ferrari erhielt die wichtigste französische Literaturauszeichnung, den Prix Goncourt. Statt sich aber in Paris feiern zu lassen, lebt Ferrari weiterhin in Abu Dhabi, wo er als Philosophielehrer an einer französischen Schule arbeitet. „In Paris“, so erklärte er kürzlich in einem Interview mit der FAZ, „wollte ich tatsächlich nie leben“. Ihn habe es stets an die Peripherie gezogen. Bevor er nach Abu Dhabi ging, unterrichtete er in Algerien. 

An der französischen Peripherie, genauer in einem kleinen Dorf im Landesinneren von Korsika – der Insel, auf der Ferrari selbst aufgewachsen ist –, spielt auch die Handlung seines neuen Romans. Auf Deutsch ist das Buch im Schweizer Seccessions-Verlag erschienen. Die Übertragung aus dem Französischen hat Christian Ruzicska souverän vorgenommen.

Paris taucht nur am Rande der Geschichte auf. Dorthin waren die beiden Hauptfiguren, Matthieu und Libéro, zum Stolz des ganzen Dorfes für ihr Philosophiestudium gegangen. Beide brechen jedoch die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Lehren von Augustinus und Leibniz vorzeitig ab und kehren in ihr Dorf zurück, um, so ihre Hoffnung, im Sinne eines tätigen Lebens und zum Wohle der Gemeinschaft eine Bar zu betreiben. Das gelingt ihnen so gut, dass bald das halbe Dorf in der Spelunke verkehrt, und sich obendrein selbst in der Nebensaison Touristen in das abgelegene Nest verirren. Matthieu stürzt sich auβerdem in eine leidenschaftliche Affäre mit der Kellnerin Izaskun. Dabei sind die Kniffe, die Matthieu und Libéro zum Erfolg verhelfen, weder sonderlich kreativ noch außergewöhnlich: Alkohol im Überfluss, ein legerer Umgang mit der Sperrstunde und ebenso hübsche wie offenherzige Bedienungen – Annie z.B. hat die Angewohnheit, jeden männlichen Besucher der Bar „mit einer Zärtlichkeit von flüchtiger, aber dennoch nachdrücklicher Natur an den Eiern zu empfangen“ – lassen die Kasse klingeln. In dieser kleinen, aber selbstgeschaffenen Welt, der „besten aller möglichen Welten“, wie die beiden glauben, lässt es sich gut leben. So gut, dass ein geplanter Kurztrip nach Paris bereits am Flughafen im stillschweigenden Einverständnis abgebrochen wird, um schnellstmöglich in das vertraute Umfeld aus Kneipe und Dorf zurückzukehren.

Doch erweist sich auch die vermeintlich beste aller Welten als Lüge. Die betont lockere, testosterongeladene Atmosphäre des nächtlichen Barlebens schlägt um in Erniedrigung, Aggression und Gewalt („Du lässt sie arbeiten, und mit dem Ficken kannst Du warten bis nach Ladenschluss“). Hinzu kommen gegenseitiges Misstrauen und Verdächtigungen, als eines Tages Geld in der Kasse fehlt. Die überführte Diebin, ausgerechnet Annie, die den männlichen Gäste immer so viel Aufmerksamkeit widmet und nach der Sperrstunde die Bar für vermeintlich private Besucher offenhält, wird gefeuert – und geht zum Anschaffen in nächstgelegene Bordell. Matthieu legt sich eine Pistole zu, wobei ihm wohl selbst nicht ganz klar ist, ob aus Gründen der Sicherheit oder Imagepflege. Die Waffe kommt schlieβlich zum Einsatz, als Stammgast Virgile Ordione die fortwährenden Provokationen des jungen Bargitarristen Pierre-Emmanuel, der seine sexuelle Überlegenheit bei jedem sich bietenden Anlass zur Schau stellt, nicht mehr erträgt. Wie von Sinnen prügelt Virgile auf Pierre-Emmanuel ein – und wird erschossen; nicht von Matthieu, sondern vom eher zurückhaltenden Libéro. „Ein weiteres Mal“, so heißt es am Ende des Buches, „war die Welt von der Finsternis eingeholt worden, und nichts war von ihr geblieben, nicht eine einzige Spur“.

Flankiert wird die Geschiche von Matthieu und Libéro und ihrer kleinen Bar in einem kleinen korsischen Dorf von der großen Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Das geschieht über die Familiengeschichte Matthieus. Dessen Großväter haben Krieg und  die Gewalt am eigenen Leib erfahren; sie haben Leid ertragen und anderen Menschen Leiden zugefügt, in der Résistance, aber auch in den Kolonien, allen voran in Algerien.

Im Kleinen beschreibt Ferraris fulminanter Roman den Niedergang einer korsischen Bar. Im Großen wird daraus der Abgesang auf die einstige Kolonialmacht Frankreich. So gesehen ist sich die Jury des Prix Goncourt treu geblieben. „Predigt auf den Untergang Roms“ steht in einer Linie mit früheren Siegertiteln wie Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ und Alexis Jennis „Die französische Kunst des Krieges“, die verbindet, dass sie sich allesamt an den europäischen Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts abarbeiten.   

Jérôme Ferrari
Predigt auf den Untergang Roms
Übersetzung:
Christian Ruzicska
Secession
2013 · 208 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-905951-20-2

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