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Kritik

Mord im Alternativmilieu

Jesper Steins „Unruhe“ lässt ahnen, warum Alternativmilieu und Mehrheitskultur es schwer miteinander haben.
Hamburg

Sie erinnern sich? Christiania? Der Freistaat mitten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen? Eines der historischen Wahrzeichen der Alternativbewegung, dagegen ist der Mariannenplatz nichts. Die 1971 gegründete Alternativsiedlung besteht bis heute, wenngleich wohl unter veränderten Bedingungen. Sie ist immer noch ein Ärgernis, wird es wohl auch bleiben.

Die großen Auseinandersetzungen um Christiania und andere alternativen Siedlungs- und Gemeinschaftsexperimente sind lange vorbei. Die 1970er und 1980er – die Generation der damals Aktiven geht heut selbst in die Rente, wenn sie denn welche bezieht. Und der andauernde Erfolg politischer Parteien wie der „Grünen“ lässt darauf schließen, dass die Bewegung in der Mehrheitsgesellschaft angekommen ist. Nicht zuletzt weil sie selbst altert. Die Alternativen sind alt geworden. Dabei ist sie eine immer junge Bewegung?

Jesper Steins „Unruhe“ setzt auf der Annahme auf, dass beides stimmt, die Bewegung ist alt geworden und sie erneuert sich immer wieder, weil junge Leute nachwachsen, die mit dem, was um sie herum geschieht nicht einverstanden sind und alles anders machen wollen. Alles anders? Das macht unruhig.

So kann er in „Unruhe“ eben nicht nur zwei Kulturen aufeinander treffen lassen, die sich nicht verstehen, nicht mögen und die nichts voneinander wissen wollen (weil sie alles schon voneinander wissen). Das hat hier bereits Geschichte, was die Sache nicht einfacher macht, während das historische Aufeinandertreffen der 68er mit der Mehrheitskultur davon geprägt war, dass die eine Kultur nicht wusste, was sie wirklich wollte, und die andere nicht, was das denn da war, was da in ihrer eigenen Mitte entstand und Ärger machte. In Steins Szenario geht es darüber hinaus: Beide Seiten mögen sich nicht, reden nicht miteinander, außer mit Vorwürfen, und sie verstehen sich nicht.

Das wird an Steins Protagonisten Axel Steen besonders deutlich: Der Mordermittler in Diensten der Kopenhagener Polizei, wohnt genau da, wo es besonders unruhig ist, in Kopenhagens Bezirk Nørrebro, da wo sonst keiner seiner Kollegen lebt, weil Polizisten dort nicht gern gesehen werden. Aber Steen ist eben anders. Er ist, wie es sich ausstattungstypisch gehört, ein Eigenbrötler, nicht teamfähig, ein Relikt aus alten Polizeizeiten, jemand, der auch schon einmal Dinge tut, die ein Polizist nicht tun darf. Dabei ist er höchst erfolgreich, und nur das hält ihn noch in Polizeidiensten, denn selbstverständlich steht er dort schon lange auf der Abschussliste (was sich auch in diesem Roman nicht ändern wird). Seine Antriebsfeder ist, wie es auch nicht anders sein kann, die Suche nach der Wahrheit – was ein rares Gut geworden ist. Und was auch dazu führt, dass er schon einmal gegen die Polizei arbeitet, wenn es denn sein muss, oder auch – wie hier – gegen seine eigenen, sagen wir, Interessen.

Selbstverständlich hat Steen seine besonderen Laster und Belastungen. Er hat panische Angst vor einem Herzversagen, und vor allem war er in den 1990ern in einen Vorfall verwickelt, bei dem Polizisten auf Demonstranten aus dem Milieu geschossen haben. Einer der Schützen: Axel Steen.

Eines der Opfer aber war Martin Lindberg, der in der Zeit der Romanhandlung ein renommierter Journalist in der Alternativszene ist. Naheliegend, dass diese beiden Figuren sich in diesem Roman gleich mehrfach treffen? Sie können sich nur hassen, sie müssen einander bekämpfen – und doch müssen sie zusammenarbeiten. Irgendwann, irgendwie.

Und naheliegender Weise hat auch Lindberg ein paar Macken in seiner ansonsten untadeligen Oberfläche: Der Mensch, der für die gute Sache kämpft, ist nicht notwendiger Weise nur gut, was auch wiederum einem Muster folgt, das zutiefst literarischer Natur ist. Der Soziologe Rene König hat dafür in seinem hübschen, 1950 erschienen Sizilien-Buch ein paar treffende Worte gewählt: „Wer aber das Organ verliert für die dämonische Tiefe im eigenen Leben und in der Geschichte, ist ein verlorener Mann.“

Das mag der Grund dafür sein, dass die neuzeitlichen Helden, vor allem aber des Krimis des 20. Jahrhunderts, alles Gezeichnete sind (Männer meist zuerst, später auch Frauen), denn nur der Gezeichnete ist in der Lage, wirklich vollkommen zu  sein. Er muss sich und seine Untiefen überhaupt erst überwinden.

Und auf den ersten Blick wird erkennbar, dass Steen wie Lindberg homologe Helden sind, die als Gegensatzpaar konstruiert sind, das nicht zueinander finden darf, aber auch nicht voneinander lassen kann. Sieht Steen den Journalisten, der kurzzeitig zu den Verdächtigen gehört, dann kehrt er wieder zurück in jenen Moment der Konfrontation, der sein und das Leben Lindbergs seitdem bestimmt. Und umgekehrt.

Aber welcher Fall?

Während der von gewaltsamen Unruhen begleiteten Räumung eines Jugendzentrums, das von der Stadtverwaltung abgerissen werden soll, wird ein Ermordeter gefunden, der eine Sturmhaube trägt und deshalb ohne weiteres der Alternativszene und den Demonstranten zugeordnet wird. Der Mann ist erdrosselt worden. Die Polizisten, die den Friedhof, auf dem der Mord geschieht, hätten bewachen sollen, aber nichts gemerkt haben, haben vielleicht sogar den Mord gedeckt. Zumal auf eine Videoaufnahme, die zufällig gemacht wird, der Mörder eine Jacke mit Polizeiaufdruck getragen hat.

Dier Ermittlungen, die anfangs von Steen geleitet werden, beginnen noch während der Unruhen, umso größer ist die Sorge der Behörden, dass einerseits nicht sauber genug ermittelt wird, andererseits, dass am Ende wirklich etwas an dem sich aufdrängenden Verdacht ist.

Dass die Unruhe nicht nachlässt, liegt allerdings auch daran, dass das fragliche Video in die Hände eines der Autonomen gerät, der damit flieht und der es an Lindberg übergeben will, damit der es an die große Glocke hängt.

Die Polizei steht also unter Druck, die Szene hat ihren Skandal und einen naheliegenden Verdacht, dass hier Polizeiwillkür in Mord umgeschlagen ist, und die Protagonisten sind auch noch Kontrahenten aus alten Zeiten. Umgeben sind sie von karrieristischen Vorgesetzten auf der einen, die an der Wahrheit nicht interessiert sind, und einer Szene, die immer schon weiß, was auf der Gegenseite passiert. Das ist dem Fall und seiner Aufklärung nicht förderlich, weil das eben bei niemandem außer bei Steen im Vordergrund steht, selbst bei Lindberg nicht. So geht der Roman seinen, dann doch erwartbaren Gang.

Eine solche Handlung ist zweifelsohne stark aufgeladen und zu Beginn scheint es, als ob Stein ein wenig Geschichtsklitterung betreiben wollte. Aber das gibt sich glücklicherweise, so dass am Ende ein gut geschriebener, routiniert konstruierter, wenngleich nicht außergewöhnlicher Krimi daraus geworden ist. Davon soll es wohl noch mehr geben, eben nur der erste Fall.

Jesper Stein
Unruhe
Der erste Fall für Kommissar Steen
Titel der Originalausgabe: Uro. Aus dem Dänischen von Patrick Zöller
Kiwi
2013 · 480 Seiten · 12,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04579-6

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