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Kritik

Aussparen, statt erzählen

Jim Nisbets „Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein Muster für eine geschickte Dramaturgie und erzählerische Ökonomie. Man muss nicht alles erzählen.
Hamburg

Irgendwann in diesem Roman beginnt einen die Ungeduld zu plagen. Genug bis dahin von diversen Praktiken und Verfahren, mit denen harte Drogen aufbereitet werden, damit sie verbrauchsfertig sind. Genug bis dahin von den tölpelhaften Versuchen des Protagonisten und seiner Assistenten, irgendwem nachzuspüren oder irgendwem Geld (dann gleich wieder für neue Drogen) abzuschwatzen. Genug vom dämlichen Herumgefuchtel irgendwelcher durchgeknallten Typen, die eine Knarre für irgendetwas Tolles halten. Genug auch davon, dass irgendwelche Leute irgendwelche coolen Sprüche loslassen.

Bitte endlich mal wieder ein bisschen normales Leben und – immerhin sind wir hier im Krimi – normales Verbrechen.

Aber Jim Nisbet weiß das, und „Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein souverän mit den Nerven seiner Leser spielender Text. Die Faszination, die durch die ellenlangen Beschreibungen der Zubereitungsarten von Heroin entstehen könnte, wird durch ihre Länge ähnlich durchbrochen. Und der eigentliche Verbrechen – das wird beinahe ausgespart.

Es dauert lange, bis es dahin kommt. Und wenn es dann soweit ist, stellt man mit einem Mal fest, dass die Lektüre atemberaubend war. Und das ist in der Tat das Erstaunlichste dieses Romans: dass er nämlich sein eigentliches Ziel, Leser auf die Folter zu spannen, nicht durch monströse Schilderungen erreicht, sondern indem das Monströse randständig bleibt.

Curly Watkins ist eine gescheiterte Existenz. Als Musiker ist er in einem Cafe gestrandet, in dem er seine Klampfe spielt, ohne dass es irgendjemand zur Kenntnis zu nehmen scheint. Er kommt mit Mühe hin, auch wenn er seine Miete und die Reparaturen der alten Karre nicht zahlen kann, die er sein Auto nennt. Mit ein bisschen Mühe – ist er sogar als zufriedener Mann zu beschreiben. Er hat seinen Ort gefunden. Was auch immer vor Jahren einmal seine Ziele gewesen sein mögen, Ruhm, Genie, Musikgipfel, spielt alles keine Rolle mehr. Er hat sich auf ein gutes Niveau gespielt. Das reicht, um seinen abendlichen Job zu machen.

Von den alten Zeiten ist ihm geblieben, dass er Musik macht, und die Glatze, auf die er sich einen Kraken hat tätowieren lassen. Das gibt ihm ein martialisches Aussehen, vor allem weil er ein großer Mann ist - harte Kerle eben, solche Musiker, hat aber nichts damit zu tun, dass er eigentlich ein ganz herziger und lieber Kerl ist. Und vor allem weiß, wovon er am besten die Finger lässt.

Aber er ist eben auch eine verführbare Gestalt. Das schlägt vor allem durch, als er seinen alten Kollegen Ivy Pruitt besucht, um ihn zu bereden, wieder zusammen eine Band zu gründen. Ivy ist – resp. war – Drummer. Heute ist er nichts anderes als ein Junkie, bei dem sich alles um seine Sucht und darum dreht, wie er sie am besten und schnellsten befriedigen kann. Bloß nicht arbeiten.

Damit beginnt denn auch Nisbets Roman: Mit einer minutiösen Beschreibung der Prozedur, zu der Ivy eben noch fähig ist. Die Idee mit der Band wird nicht einmal mehr ausgesprochen. Ivy und Curly reden über alte Zeiten und das, was sie gerade vorhaben. Curly entpuppt sich dabei als Drogen-Dilettant, während Ivy wirklich sehr fokussiert ist und alles sehr gekonnt herrichtet. Es bleibt davon zwar nur ein Hauch, aber genau das ist das Ziel der ganzen Aktion.

Ivy und Curly sind zusammen mit Lavinia, die zu den beiden stößt, eigentlichen den ganzen Rest des Romans stoned. Curly und Lavinia ziehen los, um die Schulden einzutreiben, die ein verkrachter Musiker bei einem Musikalienhändler hat. Sie finden den Mann tot auf. Nehmen das Geld und verschwinden.

Selbstverständlich wars damit nicht. Denn die Bullen kommen ihnen auf die Schliche. Und es bleibt noch die Frage, wo denn die ganzen Geräte sind, die der Musiker auf Pump gekauft hat.

Und das ist der Moment, in dem Nisbet zur wahren Größe aufläuft: Denn Curly und Lavinia – Ivy lässt beide laufen – stoßen auf den Vermieter des Musikers – und der entpuppt sich als durchgedrehter Serienkiller, die Snuff-Videos davon dreht, wie er seine Opfer langsam zu Tode foltert.

Nisbet folgt diesem Mann eine genüssliche Weile lang, zeigt seine Obsessionen, auch wie er Curly und Lavinia ausschaltet und zu seinen nächsten Opfern macht. Er zeigt den Verfall und Niedergang des Mannes, der für seine Morde sein Haus umfassend umbaut, ohne dass irgendjemand irgendetwas merkt.

Aber er zeigt nicht, wie sich das Ganze für Curly und Lavinia wieder löst, warum sie überleben und wie. Das Ganze ist mit ungemein großer Souveränität inszeniert, ohne dass je irgendetwas verheimlicht würde. Das, was ausführlich erzählt wird, ist noch das Uninteressanteste, das soll der Affe ruhig wissen. Es kommt vor allem darauf an, was nicht erzählt wird.

Jim Nisbet
Der Krake auf meinem Kopf
Pulpmaster
2014 · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-927734-48-7

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