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Kritik

UNMÖGLICHES

Akzente 1 | 2015
Hamburg

Das Cover der neuen Akzente, der ersten unter der Herausgabe von Jo Lendle, erinnert an einen Sonnenaufgang, der einen wolkenlosen Tag einleitet, einen von diesen Tagen, an denen Unmögliches plötzlich denkbar wird.

Der Titel ist nicht nur spiegelverkehrt, sondern zudem kopfüber gedruckt, nahezu unmöglich, ihn zu entziffern. In diesem ersten Heft geht es um Unmögliches, oder vielmehr um die Möglichkeiten, die im Unmöglichen liegen. Im Vorwort erwähnen Lendle und Setz (denn Lendle plant, sich zu jeder Ausgabe einen Mitherausgeber zu suchen), berühmte Bücher der Unmöglichkeit, das Voynich Manuskript zum Beispiel, oder Henry Dargers Weather Report, ein Buch, das schlicht die Möglichkeiten herkömmlicher Editionsarbeit übersteigt.

„Auch das Vorhaben, die Akzente fortzuführen, erscheint angesichts ihrer längst legendären Stellung als Ding der Unmöglichkeit“, heißt es im Vorwort. „Gut sechzig Jahre nach der Gründung durch Walter Höllerer und Hans Bender und nachdem Michael Krüger uns Akzentionados fast vierzig Jahre lang mit dem Finden, Vorstellen und Begleiten neuer Stimmen beglückt und angeregt hat – was soll da noch kommen? Und doch sei es gewagt, im alten Entdeckergeist und im verlockenden Bewusstsein, dass die Aufgabe der Literatur fortbesteht: sich immer wieder aufs Neue zu erfinden.“

Und an Erfindungsreichtum mangelt es dieser Ausgabe der Akzente wirklich nicht. Das Spektrum reicht von bis zur Unlesbarkeit ausführlichen Reiseberichten, über alle Grenzen sprengende Science Fiction bis zu Klappentext und erster Seite eines unmöglichen Buches.

Clemens Setz ist es zu verdanken, dass ein Ausschnitt aus dem bislang nicht veröffentlichten (und vielleicht nicht einmal in Zukunft zu veröffentlichenden) Roman von Marjana Gaponenko zu lesen ist. Setz schreibt dazu in seinen einleitenden Bemerkungen:

„Immer wieder werde ich, wenn ich durch eine Buchhandlung gehe und die Berge von Neuerscheinungen betrachte, auf denen alle derselbe Sticker mit der Aufschrift „Ein Meisterwerk“ klebt, von einer beunruhigenden Fantasie befallen, nämlich dass die wirklich großen Werke unserer Zeit unveröffentlicht bei ihren Verfassern zuhause liegen bleiben, in einem Ordner ihres Computers – und der einzige Leser, den sie haben, sind die stetig schlauer werdenden Algorithmen der verschiedenen sich mit der Zeit einnistenden Überwachungsprogramme, die jeden entzifferbaren Winkel unserer Festplatten abtasten, auswerten und weiterleiten.“

Andererseits wird ein Ausschnitt des „eigentlich unmöglichen“ Science Fiction Werkes von Shozu Numa vorgestellt, dass aller vermeintlichen Unmöglichkeit zum Trotz in Japan längst ein Millionenpublikum erreicht hat. Zu Shozu Numa heißt es er sei „der große Unsichtbare der japanischen Literatur“. Sein Roman ist ein Spiel mit Mythen, Matriarchat, Masochismus und menschlichen Möbeln. „Der Roman dekonstruiert die Realgeschichte als Angriff aus dem vierten Jahrtausend“, schreibt Hans Hütt in seinem einleitenden Essay.

Tao Lin macht sich Gedanken über den Menschen als Werkzeug des Lebens. „Das Leben scheint das Universum betreten und einen Tunnel durch es hindurchgetrieben zu haben, um die Vorstellungswelt zu erreichen und es scheint den Tunnel mit üppigen, nicht endenden Fraktalen und Blüten dekoriert zu haben. Es hat einen Tunnel durch das Universum gegraben, und jetzt gräbt es einen Tunnel durch die Vorstellungswelt hindurch – auf ein weiteres Reich zu, wie ich glauben möchte, einen Ort, der dem modernen Menschen so unbekannt ist, wie die Vorstellungswelt frühen Lebensformen wie Chlorella- und Spirulina- Algen unbekannt war und vermutlich noch immer ist.“

Abschließend behandelt Robert Menasse das Unmögliche am Faust und Norman Manea spricht über die Bedeutung des Unmöglichen für Kafka. Völlig unterschlagen habe ich bis jetzt William Auld, den Esperanto Dichter, dessen Gedicht „Die kindliche Rasse“ Clemens Setz übersetzt hat, oder Mira Gonzalez mit ihren Gedichten. Ebenso wenig wie ich Clemens Setz Beitrag über ein Buch erwähnt habe, das man unmöglich lesen kann, außer mit zwei Leselupen.

Die partnerschaftliche Herausgeberschaft macht das Individuelle der Auswahl deutlich und ist gerade darum eine große Bereicherung. Clemens Setz erweitert das übliche Spektrum durch seine Vorliebe für ungewöhnliche Bücher, Autoren und Themen, und Jo Lendle lässt sich in dieser ersten von ihm verantworteten Ausgabe ein auf das Abenteuer, die Literatur von den Rändern zu betrachten, einen Fuß in das Unmögliche zu setzen und es damit in Frage zu stellen.

Eins der wenigen Dinge, die sich mit der Übernahme von Jo Lendle nicht geändert haben, ist das starke Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Stimmen. Aber es ist die erste Ausgabe, warten wir ab, wie sich das entwickelt, ohne gleich zu befürchten, dass ausgerechnet die Präsentation von weiblichen Autoren, die letzte nicht zu bewältigende Unmöglichkeit darstellt.

Jo Lendle (Hg.) · Clemens Setz (Hg.)
UNMÖGLICHES Akzente 1 | 2015
Zeitschrift für Literatur
Hanser
2015 · 96 Seiten · 9,60 Euro
ISBN:
: 978-3-446-24890-8

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