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Kritik

Inseln der verlorenen Zeit

Reiseberichte von Joachim Sartorius

Wer kann sich dem Zauber entlegener Inseln schon entziehen? Zumindest keiner, der in seiner Jugend „Robinson Crusoe“ gelesen hat. Allein der Name „Die Prinzeninseln“ weckt märchenhafte Vorstellungen, welche die vor der asiatischen Westküste der Türkei gelegene Inselgruppe Kizil Adalar jedoch nur teilweise einzulösen vermag.

Der  1946 geborene Lyriker Joachim Sartorius ist dem Lockruf dieser Inseln gefolgt, hat sich mehrere Wochen in einem mondän anmutenden Hotel eingenistet, die Inseln erkundet und darüber geschrieben. Dabei hat er sich – vermutlich ganz bewusst – die passende Jahreszeit für sein Buch ausgesucht, den Herbst, der dem langsamen Verfallen der Villen und der melancholischen Grundstimmung seiner Betrachtungen entspricht: „Die weiß, rosa oder gelb gestrichenen Villen wirken wie verschlossene Bonbonnieren. Die Jalousien sind heruntergelassen, die Gärten einsam und leer.“

Der Name der Inselgruppe gründet sich auf die Tatsache, dass sie lange Zeit ein Ort der Verbannung für in Ungnade gefallene Mitglieder der kaiserlichen Familie, Berater und Minister oder eben unliebsame Prinzessinnen und Prinzen war. Erst in der Spätzeit des Osmanischen Reiches entdeckten wohlhabende Familien die Inseln als Sommerresidenz, so dass Hotels, Cafés, Kasinos und Parks entstanden. Während seinerzeit viele Griechen die Inseln bevölkerten, sind es heute beinahe ausschließlich Türken.

Sartorius durchsetzt seinen Reisebericht mit historischen Reflexionen sowie zahlreichen Zitaten aus Reiseführern und Gesprächen mit Freunden oder Bekannten. Immer wieder ruft er den türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, der viele Sommer seiner Kindheit und seines weiteren Lebens auf den Prinzeninseln verbracht hat, als Kronzeugen auf. Sartorius behauptet zwar, den von Pamuk in seinem Buch über Istanbul beschworenen hüzün, diese spezifisch türkische Melancholie, gäbe es nicht mehr, doch lässt sich die Klangfarbe dieses Bandes am besten damit beschreiben. „Die Inseln sind für mich eine Chiffre für Gelassenheit, für Schönheit geworden, aber auch eine Chiffre für Verlust.“

Das Buch changiert zwischen poetischen, geografischen und historischen Betrachtungen und gelegentlich fragt man sich, ob eine Anthologie mit Originaltexten, wie sie Sartorius so famos vor einigen Jahren über die Stadt Alexandria herausgegeben hat, nicht vielleicht dem Gegenstand angemessener gewesen wäre. Es gibt nämlich keine einzige Abbildung in diesem Buch, sieht man von den beiden Karten auf dem Vorsatzpapier ab, so dass sich alles nur vor dem inneren Auge des Lesers abspielt. Vielleicht liegt darin aber eine explizite Absicht von Sartorius, die dazu führt, dass beim Lesen mehr und mehr eine Reisesehnsucht entsteht. Denn man erliegt schnell den morbiden Charme ausstrahlenden persönlichen Reflexionen.

Ein Wermutstropfen bleibt gleich wohl: Auch auf diesen beinahe paradiesisch anmutenden Inseln bleibt der Traum von einem friedlichen Nebeneinander der verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen langfristig ein unerfüllbarer Wunsch der Vergangenheit und der Gegenwart.

Joachim Sartorius
Prinzeninseln
mare
2009 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-866481169

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