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Kritik

Lückenschließer

Jörg Juretzka gehört zur Garde der Großen im deutschen Krimi. „Taxibar“ lesen, heißt das.
Hamburg

Der deutschsprachige Krimi hat einige Größen, die belegen, dass der Kriminalroman nicht nur dazu da ist, Erwartungen immer aufs Neue zu erfüllen, sondern dass er mehr kann. Zum Beispiel uns amüsieren, uns verärgern oder uns ganz gehörig in die Irre zu führen.

Wolf Haas gehört zu den Leuten, die das können, Heinrich Steinfest und eben auch Jörg Juretzka. Anders jedoch als seine beiden Kollegen hat sich Juretzka, der seine Krimis gern im Ruhr-Rheinischen ansiedelt, ganz und gar aufs Triviale verlegt. Wenn es jemanden gibt, der die vor allem amerikanisch geprägten Genreeigenheiten kennt und der keine Scheu davor hat, jedes hundsgemeine Klischee in seinem Text zu verwenden, dann ist das Juretzka. Das, was er mal für mal hinlegt – mit der Produktivität seiner Trivialliteratur schreibenden Kolleginnen und Kollegen – hat es in sich. Vor allem wenn es darum geht, das Genre durch den Wolf zu drehen und ein heiteres bis bissiges Spiel mit seinen Elementen zu spielen, bis dass das alles ausgereizt ist.

Wenn Stephen King einen seiner letzten Romane mit einem Schmachtmotiv hat versehen lassen - „Joyland“ heißt das Werk -, dann ist das immer noch ein Stephen King, der aber eben ein echter Großmeister des Genres ist und das auch so ausfüllt.

Anders dagegen Juretzka. Der hat zweifelsohne jedes Maß verloren, bleibt dabei auf solch unverschämte Weise souverän, dass einem die Spucke wegbleibt. Was seinen Romanen wunderbar bekommt und ihre Lektüre äußerst vergnüglich macht. Ließ er jüngst noch eine tatsächlich Pussy Cat genannte mörderische Schöne aus dem Text ins wirkliche Leben entkommen, so findet sich in Juretzkas „Taxibar“ Kristof Kryszinski (guter deutsche Name) wieder im Mittelpunkt des turbulenten Geschehens, das mittels einer furiosen Schreibe vorangetrieben wird.

Der gar nicht so mittlere Held hat einen schönen Drogenfund am atlantischen Ozean getan und will ihn jetzt – zurück im heimischen Mühlheim – dazu nutzen, sich den Lebensabend zu versüßen. Auch Detektive müssen an die Rente denken, und haben meist noch schlechter vorgesorgt als andere Freiberufler. Da kommen Drogen gerade recht, auch wenn man sich denken kann, dass sie nicht ohne weiteres vom wahren Besitzer aufgegeben werden.

Und so ist es denn auch.

Kryszinski, der zum Betreiber einer Bar auf- oder abgestiegen ist, wird von verschiedensten Seiten handfest bedroht. Alle wollen das, was er gar nicht mehr hat, weil ers einem Kollegen übergeben hat, der sich Geronimo nennt. Nur der kann den Kram unterbringen, aber der ist nun tot und erschossen, und an seinen Tresor kommt man nicht so gut heran. Was die ganze Sache sehr kompliziert macht.

Juretzka errichtet auf diesem Grund ein solides Gebäude von Mord- und Totschlag. Ein zigeunerhassender Hausmeister mit Knarre, ein Romapärchen, das als Lebensretter auftritt, ein paar Rocker und Kriminelle verschiedener Provenienz (Osten, Westen – alles ist dabei), dazu die Frauen, die Kryszinski in der Bar helfen und denen die pöttlerische Eleganz gut steht (auch wenn eine von ihnen aus Vietnam kommt). Da wird geballert, geprügelt und gemordet wie im wilden Krimi-Westen. Da feiert eine anarchische Gewalt ihren sinnlosen Urstand – und doch wird ein großartiger Roman daraus.

Man muss das alles nicht lustig finden und es wird genug Leser geben, die vor allem den literarischen Müll sehen. Nicht reflektiert genug, nicht sensibel, nicht subjektiv, nicht elaboriert. Keine hohe Kunst.

Aber ganz im Ernst, sind wir wieder soweit? Da gab es Ende der sechziger Jahre einen amerikanischen Literaturwissenschaftler, der nicht nur sein Fach dazu anmahnte, die Grenzen zwischen U- und E-Literatur zu überschreiten und die Lücke zwischen ihnen zu schließen. Das hat sich die Kunst nicht erst sagen lassen müssen, das hat sie eh getan. Aber in der deutschen Literatur sind jene eskapistischen Autorinnen und Autoren doch eher selten geblieben – und sollten doch demonstrativ die Vorhut einer neuen Literatur bilden. Stattdessen? Viel stilistisches Mittelmaß und ethisches Maßhalten, wenig Geschmacklosigkeit und viel viel Langeweile. Und in der Krimiliteratur ist alles noch viel schlimmer, auch wenn gerade die Außerordentlichen (Haas, Steinfest, Juretzka) sich dort herumtreiben.

Im Vergleich zum Mainstream sind die überzogenen Veitstänze, die die Romane Juretzkas aufführen, erfrischend und überaus labend. Ja, auch sie werden sich totlaufen, auch sie werden irgendwann gewöhnlich werden oder auch gewohnt. Aber nicht nur das Krimi-Genre, auch die Normliteratur kann ein bisschen Auffrischung vertragen, immer wieder.

Jörg Juretzka
TAXIBAR
Rotbuch
2014 · 192 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
9783867891974

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