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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Eine erstaunliche Mixtur im Zeichen des Experiments

Hamburg

Bespricht man „die Edit“, darf ein Hinweis auf das herausragende Layout nicht fehlen. Edit ist zudem die Zeitschrift, deren Format sich immer wieder mal ändert. Edit 57 hat ein ansprechend dunkelblaues Cover: Groß zieht sich eine weiße 57 von vorne nach hinten, die, wenn man nur das Cover betrachtet, angeschnitten wirkt, sodass es (natürlich ohne auch nur einen Anflug von Ironie) naheliegt zu sagen: auch ein schöner Bücherrücken kann entzücken. Edit 57 hat nun beinahe die Größe DIN A 5, nur minimal höher, frühere Ausgaben bis zur 55 waren größer. Die Coverinnenseiten sind leuchtend rot, daneben steht Fabian Bechtles Foto einer gleißend hell brennenden Fläche, das hinten als Negativ zu sehen ist – Ausblick aus einer Höhle auf den gleißenden Himmel? Eindrücke zum Portfolio finden Sie hier.  Edit 57 kommt, wie auch die vorherigen Ausgaben, aus der Leipziger Gestaltungsschmiede type-f.com um David Voss. Gestalterisch stimmt hier einfach alles. Liest man Edit 57 von vorne nach hinten, wirkt die Reihenfolge umgedreht; erst kommen Impressum, Editorial, Kurzbios, darauf folgt ein mit variierten Schriftgrößen recht interessant gestaltetes Inhaltsverzeichnis. Die Position des 8-seitigen Werbeblocks noch vor dem Textteil irritiert ein wenig, ist jedoch in der offensichtlichen Umkehrung des gewohnten Konzepts nur folgerichtig. Einzig das Editorial steht an der richtigen Stelle.

Edit 57 hat inhaltlich eine exorbitante Spannbreite. Neben einem Fotozyklus im Mittelteil ist literarisch so gut wie alles geboten: (anagrammatische) Lyrik, Prosa (miniaturen), ein Auszug aus einem Theaterstück, Experimentelles sowie eine Reihe amerikanischer Essays – insgesamt eine große Bandbreite von ungewöhnlichen Formen, Formaten und Inhalten. Über dem Essayteil steht im Editorial: „Der zweite Teil ist uns — nun ja — etwas aus den Händen geglitten“, vermutlich weil es allesamt keine Einsendungen zum Edit Essaypreis sind, sondern amerikanische Essays? Die Beiträge ergeben insgesamt eine eindrucksvolle Mixtur.

Der eigentlich literarische Teil beginnt mit einem Romanauszug von Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt, der auf äußerst satirische Weise alle Klischees bestätigt, wie man sich ein Ankommen am Flughafen in Tel Aviv vorstellt. Eine Frau wird von israelischen Sicherheitsbeamten nach allen Schikanen durchsucht.

„Wieso haben Sie meinen Computer erschossen?“, fragte ich ungläubig.
„Wir dachten, es wäre eine Bombe. Das ist ein normales Vorgehen bei einem vermuteten terroristischen Anschlag.“

Anschließend wird der Schlamassel der Verwandtschaftsgrade von Nichten und Cousinen humorvoll dargestellt. Es treffen sich Menschen, die mit einander verwandt sind und die sich nie zuvor gesehen haben. Das zeigt bei aller Komik einmal neu die Tragik jüdischer Exilfamilien.

Konstantin Ames‘ Texte sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen sehen rein formal aus wie Gedichte, werden in der Biografie auch so vorgestellt, und doch wirken die sehr heterogenen Werke wie ein mutiges und enthusiastisches Statement für experimentelle Kurztexte.

Dünne schreiben essigchips ess‘ ich jetzt mit andärm mund
(Kommentarintelligenzzäsur zum ersten August des Lehms« = 2.
    widergefundene [sic!] Stelle«2.8.2011)

Bezogen auf verschiedenste interne und externe Referenzen werden allerhand Diskurse (genauer: Fachsprachen) hochgradig durchmischt und sehr (selbst-?) ironisch kommen dann auch die „stolterfohtepigonen“ in einer der vielen Fußnoten vor. Aufgrund dieses Feuerwerks an Referenzen fühlt man sich in diesem überbordenden Demonstrieren von immer neuen Textmöglichkeiten, trotz brillantem Sprachwitz, (mit dem faszinierende neue Worte wie das „ichchen“ generiert werden) mitunter etwas alleingelassen. Es ist z. B. nicht so recht erkennbar, was durch das etwas beliebig wirkende Namedropping moderner Philosophen gesagt sein soll. Manchmal wirkt es, als habe es jemand im Zuge einer zweiten literarischen Pubertät einmal so richtig krachen lassen, und dabei, wenn auch recht intelligent und gewitzt, alle formal-artistischen und sprachlichen Register gezogen. Eine Schockwirkung von Textstellen mit fäkalem oder sexuellem Inhalt wie „freitag tag der / offenen muschi“ fällt vor einem hochentspannten und gesettelten 2012er Lesepublikum, das inzwischen literarisch sehr erwachsen geworden ist, freilich aus.

Die Gedichte des polnischen Dichters Miron Białoszewski, übersetzt von Dagmar Kraus, frappieren. Sie wirken auf den ersten Blick simpel und sehr reduziert.

STUDIUM DES SCHLÜSSELS

Der Schlüssel
riecht wie Nagelwasser
schmeckt nach Elektrizität
und als Frucht
            ist er herb
            unreif
            an sich ganz und gar
            Kern.

Oft auf lapidare Dinge wie Sinneseindrücke fokussiert geben sie alltägliche Dingen wieder, entfachen dennoch, meist zum Ende hin, in Texten wie Bemusung oder einer selbstironischen „Ode“ über einen bekommenen und wieder genommenen Ofen oft ihr ganzes sprachgewaltiges Potenzial.

Nyk de Vries‘ Prosaminiaturen, übersetzt von Ard Posthuma, stellen eine interessante Gattung vor. Gleich der erste Text Lippenherpes beinhaltet folgende Stelle: Blitzschnell machte ich einen Sprung nach vorne, und ehe ich mich versah, küssten wir uns so heftig, wie ich noch nie zuvor einen Menschen geküsst hatte. Ein besonderer Augenblick, der uns leider vermiest wurde, da im selben Moment Jesus Christus auf Erden wiederkehrte.

Eine eindrucksvolle Stelle, in der der Protagonist das punktuelle Glück mit einer Frau im Kuss der Wiederkehr Jesu Christi vorzieht. Die Textstelle beweist, dass Christen heutzutage, neben den Rauchern, die letzten „Prügelknaben“ der Nation sind, auf die man textuell noch völlig ungeniert eindengeln darf. Klar: wir haben hier einen belletristischen Text mit einem Ich-Erzähler, der keineswegs authentisch ist, was die Sache einigermaßen relativiert. Man stelle sich jedoch vor, da stünde nicht Jesus Christus, sondern der Name des Religionsstifters eines anderen Glaubens: da könnte man fragen, ob der Text in dieser Form geschrieben oder gedruckt worden wäre? Deshalb ist die Aussage, sagen wir mal, versteckt politisch. Ansonsten: Nyk de Vries‘ Prosaminiaturen thematisieren durchgängig so etwas wie „leicht“ überdrehte Absurditäten des Alltags, die meist auf ihre Schlusspointe hin geschrieben wirken. Jedem Text wird im Abgang noch einmal eine Note verliehen, die es in sich hat. Alle Texte haben in etwa die gleiche Länge, dazu einen teils plaudernden teils etwas kommentarhaften Tonfall und scheinen immer aus demselben Blickwinkel erzählt. Darin könnten sie noch zulegen.

Sehr gelungen ist Felicia Zellers Auszug aus dem Theaterstück Helme aus Holz. Man liest und schüttelt dabei den Kopf, wie deutsch doch diese ganzen Probleme sind, die hier in satirischer Überzeichnung ausgeführt werden. Der tagtägliche Sicherheitswahninn: In monologischen Passagen werden neben der allgegenwärtigen Möglichkeit der Hubschrauberrettung via Krankenversicherung auf der anderen Seite der Skala die elementaren Nöte und Aggressionen einer jungen Mutter geschildert, die sich in der tagtäglichen „Hölle“ inkompatibler Gurtsysteme, Kühlschrankriegel, Videosperren und Steckdosensicherungen befindet und sich dabei als Raucherin schlimmen Blicken ausgesetzt sieht. Die instrumentalisierte Sicherheit für überbehütete Königskinder:

das kind liegt bereits in der future-loop-schwenkschieberkombi
mit 360 grad rad inklusive adapter für cabrio und dreami.
es trägt einen sonnenhut mit einem speziellen filter.

Die Gedichte von Georg Leß sind unkonventionell. Wäre da nicht eine Überschrift wie If Nancy doesn’t wake up screaming she won’t wake up at all, könnte man das zugehörige Gedicht vielleicht als „Landschaftsbild mit Lemur“ bezeichnen. So werden urbane Erlebnisse mit Anklängen an Bukolik überschrieben, Kindheitserinnerungen zwischengeschnitten, alttestamentarische Wendungen angetäuscht und Landschaftliches verwoben mit Bildern aus der Tierwelt. Auch ein Titel wie Kondorlied täuscht ironisch an. Ein anderes Gedicht endet auf jetzt stellt sich ein Antwort aufrecht oder nie. Oft gibt es ein lyrisches Wir. Dazwischen stehen Gedichte mit unvermittelter Sie-Anrede. Doch auch das ist niemals Methode. Die spürbare Freude am Umgang mit Sprache ist dabei nur ein Nebeneffekt und man freut sich, dass bei Leß die Sprache selbst hochkreatives Spielareal ist.

Ebenfalls sehr spielerisch schrieben Elfriede Czurda und Ferdinand Schmatz je ein, Michael Lentz zwei Anagramme nach einem Text von Carlfriedrich Claus, rinde der bäume. Christian Steinbacher rundet mit einer „Anagrammfolge“ von gleich 6 Texten den Zyklus ab, von daher ist die Kapitelüberschrift „Vier Gedichte“ ein glattes Understatement. Es wären so gesehen 10 Einzelanagramme, nicht eingerechnet den Ausgangstext von Carlfriedrich Claus – jenes visionären experimentellen Künstlers, der die Grenzen von Stimme, Papier und Schrift zu Rändern werden ließ, zu Nähten, die die Wirklichkeit neu zusammensetzten, steht in einer Fußnote. Alle Texte lösen auf ihre Weise originell den Anspruch ein. Auch hier ist die Freude am Experiment und am verspielten Umgang mit Worten deutlich zu sehen.

Fidye von Matthias Senkel beginnt, wie man meint, mit jener Déjà-vu-Situation: Mann erwacht in fremdem Zimmer; hier ausnahmsweise mal in einem Bordell, und schon ist man auf der falschen Fährte, schon ist man im Raffinement der Geschichte gefangen: „Der Mann in dem Bordellbett war natürlich nicht ich, sondern der Antikenhändler Moreoukis“ – und so verheddert man sich als Leser immer mehr in den fein gesponnenen Erzählsträngen eines clever fabulierenden Autors, der zum großen Bogen anhebt. Die Wellen spülten mich mitsamt der rettenden Standuhr an den Strand. Jemand floh mit Geldbündel in den Hosentaschen von einem Boot … und so entsteht eine wahrhaft unglaubliche Geschichte um einen Haufen Geld und schräge Vögel wie Ümit und Wilbur: fintenreiche Prosa, die passagenweise an Schelmenromane, dann wieder an die Manier orientalischer Märchenerzähler erinnert. So entspinnt sich auf nur 7 Seiten ein Stoff, der das Zeug zum Roman hätte.

Die Schwarzweißfotografien von Fabian Bechtle trennen die beiden Teile der Zeitschrift und sind mit The Maximum Force of the Future übertitelt. Sie zeigen zerstörte Häuser, abbröckelnde Deckenpaneele, Feuersäulen, diffuse Lichtquellen, Topfpflanzen, Interieurs und wilden Naturwuchs neben weißen Zelten. Scheinwerfer leuchten anonym in die Dunkelheit. Eine Person versprüht Dünger oder Desinfektionsspray. Assoziationen des Betrachters kreisen um Bilder aus den Medien, wie man sie bei Erdbeben und Katastrophen gesehen hat und künden neben blühender Natur von Ruin und Verfall. Dabei besticht der unscharfe und zugleich düstere, manchmal schiefe und verwackelte Gestus der Aufnahmen im starken Gegensatz von Hell und Dunkel.

Der zweite Teil von Edit 57 zeigt acht sehr unterschiedliche Beispiele amerikanischer Essays. Sofern man von literarischen Formen ausgeht, ist der Essay sicherlich die freieste Form, in welcher, wie die kleine Einführung anmerkt, mehr oder weniger alles möglich ist. Ergänzen ließe sich, dass, sofern man keine Form mehr erfüllt, wirklich jeder Text möglich ist: in einer experimentellen Nicht-Form.

In jenem Sommer, in dem der 16 Jahre alte Levi Presley von der Aussichtsplattform des 350 m hohen Turmes des Stratosphere Hotels in Las Vegas sprang … Mit diesen Worten beginnt John D‘Agatas Essay Was dort geschieht (übersetzt von Kevin Vennemann und Charlotte Brombach), ein Text von 2010, der den Leser mit der Gleichzeitigkeit von Tragik und völligen Nebensächlichkeiten konfrontiert. Er steigert sich zum ironisch verfremdeten Zahlenaufgebot in Bezug auf die Häufigkeiten der Nutzung von Hotlines für Suizidgefährdete. Während der Essay zunehmend erzählerische Elemente entwickelt, wird klar, dass die Ichstimme, vermutlich der Autor selbst, für das Zentrum zur Selbstmordvorbeugung in Las Vegas gearbeitet hat. Er hatte, wie er vermutete, Levi Presley am Tag seines Suizids an der Strippe. Erst zum Ende schließt sich der Kreis …

Nikil Savals Wall of Sound, 2011 erschienen und übersetzt vom geschäftsführenden Herausgeber Mathias Zeiske, bespricht die These, ob die Möglichkeit, Musik im Zeitalter des iPods vorwiegend alleine und für sich zu hören, vereinzelt. Früher war Musik immer ein gesellschaftliches Ereignis, es sei denn, man hat für sich musiziert. Seit Erfindung der Schallplatte besteht der Diskurs ob der „gefährlichen“ Tendenz zur Vereinzelung. Untersucht wird die These, ob z. B. die spontane Bildung einer Demonstration dadurch ausgebremst wird, dass „eingestöpselte“ Menschen vollkommen für sich sind. Wenn dich der Basslauf eines gewöhnlichen zwölftaktigen Blues, der sich mit maschinenhafter Gleichmäßigkeit ewig wiederholt, dazu bringen kann, dich weiter durch die Dateneingabemaske zu klicken, kann dich ein schneidender Post-Punk-Sturm zu Sabotage und Revolte anschieben, und umgekehrt. Der Aufsatz streift jede Menge Referenzen, u. a. auch eine philosophische Untersuchung von Theodor Adorno: Musik und Gesellschaftstheorie.

Die Fallbeispiele einer Medizinstudentin aus psychiatrischen Notaufnahme in East Harlem, Winter 2002 von Rivka Galchen, 2008, übersetzt von Kristina Schilke, schildern in nüchterner und dennoch literarischer Sprache das Verhalten von Patienten in der Psychiatrie. Unkommentiert werden die Äußerungen der Personen über ihre Wahrnehmungen nur sporadisch mit dem realen Geschehen kontrastiert. HF erzählt, dass unsichtbare Diebe (die nur sie sehen konnte) versucht haben, sie auszurauben, aber sie hat sie in ihrem Arbeitsraum eingesperrt. „Ich habe ihnen nicht die Türen zu meinen Schlüsseln gegeben“, erklärt sie.

Jede Technologie ist eine Metapher. Soviel ist klar. (…) Haben wir also dieses Universum von Apparaten, Maschinen, Werkzeugen und Geräten erschaffen als eine Möglichkeit, über unser Menschsein zu sprechen (…)? So beginnt der Essay Spiritus Duplex von Yara Flores, 2010, übersetzt von Katharina Stooß, und handelt (geradezu postplatonisch) von der Rückkopplung der Gegenstände mit ihren Ideen, konkretisiert an Erfindungen wie z. B. der des Matrizendruckers im Vergleich zum modernen Kopierer" und zeigt, welcher Zauber veralteten Technologien innewohnen kann. Nimmt Weisheit in uns Gestalt an als Asche, fixiert von einer trockenen Hitze? Oder lecken wir, besoffen von einer berauschenden Flüssigkeit, die Weisheit vom Purpurblatt?

Die Zeit vergeht. Könnte es sein, dass ich das nie glaubte? Glaubte ich, die blauen Stunden würden für immer andauern? Der Essay Blaue Stunden von Joan Didion ist ein Buchauszug, übersetzt von Antje Rávic Strubel und erschien 2012. Während der blauen Stunden glaubt man, der Tag wird nie enden. Der Text kontrastiert in sehr poetischer Sprache spontane Wünsche, Bewertungen und Selbsteinschätzungen in unterschiedlichen Lebensphasen mit der Unausweichlichkeit des Vergehens, dem Sterben des Glanzes. Blaue Stunden sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.

Der Essay Heideggers Geliebte, von Wayne Koestenbaum, erschienen 2006 und übersetzt von Hannes Becker, geht – nach einem Motto um den Verlust an Schwellenerfahrungen–zunächst von der Fragestellung aus, warum – oder wie – oder ob – ich ein Intellektueller wurde und untersucht in aphoristischer Form, wie man seine Zeit im Schreiben sinnbringend einsetzt. In detektivischer Kleinarbeit werden die Spuren von Carlotta, Heideggers Geliebter, verfolgt, die mit der eigenen Geschichte verwoben sind. Wie genau kann man sich einer Sache annähern, die auszudrücken man sich vorgenommen hat?

Mögliche Postkarten von Rachel aus Übersee, übersetzt von Jörn Dege, beschreiben aus der Perspektive einer jungen Amerikanerin, adressiert an ihren David, Erlebnisse in Zürich, Tel Aviv, Budapest und Genf. Rachel versucht, eine Arbeitserlaubnis für die Schweiz zu erwerben und schildert in bestechender Knappheit unmittelbare Beobachtungen, Gespräche und Sinneseindrücke und äußerst sich darin u. a. verunsichert zu Kleidernormen, kritisch zu Gewaltübergriffen und Sextourismus und wohlwollend zu Flüchtlingshilfen. Du hältst das bestimmt für hoffnungslos idealistisch, aber die Welt existiert dort draußen wirklich, Monsieur.

Auf dem Großen Jahrmarkt von Illinois in Springfield ist heute Pressetag und ich muss um 9 Uhr auf dem Gelände sein, um mir meine Akkreditierung abzuholen. So beginnt der Essay Weg von dem Gefühl, von allem bereits ziemlich weit weg zu sein von David Foster Wallace, in Ausschnitten übersetzt von Jörn Dege und erschienen 1994. Augenzwinkernd beginnt der Berichtende, es ginge ihm nur darum, umsonst in die Achterbahnen und Shows zu kommen und so hält er im Auftrag eines Ostküstenmagazins alles fest, was ihm an diesem 5. August 1993 in der Zeit zwischen 8 Uhr morgens und 21 Uhr 15 abends über den Weg läuft. Mit präziser und zugleich sehr plastischer Sprache werden die turmhohe Frisur von Miss Illinois Country Fairs, das Treiben im McDonald’s Zelt, der Geruch in Schafställen, Körperfettanalysestände, mobile Western Style Klohäuschen und eine Vielzahl weiterer Auffälligkeiten nicht ohne Witz kommentiert. Es ist ein echtes Highlight, Farmern aus dem Mittleren Westen dabei zuzusehen, wie sie beim Verlassen der Kabinen mit ihren Hosenträgern und Overall-Schnallen kämpfen. Darunter finden sich auch sprachliche Highlights wie Die Unwetter im Mittleren Westen sind echte alttestamentarische Tempelklammerer: Donner von Richter-Skala-Ausmaß, großzackige, cartoonartige Blitze.

Der Zugang zu diesen Essays ist nicht immer leicht. Bei aller Sperrigkeit bestechen sie durch die außergewöhnlichen Themen in ungewohnter, hochverdichteter Form.

Edit 51 endet mit dem Negativbild der zu Anfang des Bandes hell brennenden Fläche auf einem Foto von Fabian Bechtle, die hier als bizarrer schwarzer Fleck dargestellt ist. Dem roten Innencover folgt die Cover-Rückseite mit dem Aufdruck     – easy.

Übrigens: „Die Frühlings-Edit 2012 ist erschienen und für ‘nen schlappen 5er seit heute wieder im Laden zu haben.“, steht seit 26.03. auf der Website von Kapitaldruck.

Edit 57, Papier für neue Texte, hrsg. von Literaturverein Edit e. V., 2012

Jörn Dege · Kerstin Preiwuß · Matthias Zeiske · Literaturverein Edit e.V. (Hg.)
Edit 57
Redaktion: Jörn Dege, Kerstin Preiwuß, Mathias Zeiske
Edit – Papier für neue Texte
2011 · 136 Seiten · 5,00 Euro
ISBN:
09438645(ISSN)

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