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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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Kritik

Wo die Seele sitzt

Und wieso Luke sie so verzweifelt sucht, daß ein grausamer Roman daraus entsteht: John Burnsides Debütroman »Haus der Stummen« jetzt endlich auf Deutsch
Hamburg

Niemand kann behaupten, er sei nicht gewarnt worden. Denn mit einer Warnung beginnt das Buch. Mit einem entsprechenden ersten Satz. Er lautet: »Niemand kann behaupten, es hätte mir freigestanden, die Zwillinge zu töten (…). «

Und noch bevor man am Fuß der Seite angelangt ist, fällt das Wort »Laryngotomien« – das deutet auf irgendwas Fieses mit dem Kehlkopf hin. Dann ist die Rede von der Suche nach dem Sitz der Seele, die »uns von den Tieren unterscheidet«. Aha. Aber geht es um Menschen? Die erwähnten Zwillinge, heißt es auch noch auf der ersten Seite, würden »in der Welt der Laborratten« existieren.

John Burnside, 1955 geborener schottischer Autor, hat mit Büchern wie »Lügen über meinen Vater« oder »In hellen Sommernächten« und mit vielen seiner Gedichte bewiesen, daß er mit Gedanken und Worten präzise an all jene Stellen gehen kann, an denen es weh tut. Das ist, wenn man das autobiographische Vater-Buch gelesen hat, auch kein Wunder. Nun können wir auf Deutsch nachvollziehen, daß Burnsides Fähigkeiten, der Seele ebenso wie dem Schmerz mit Hilfe von besonderen Versuchsanordnungen auf die Spur zu kommen, keine Entwicklung der letzten Jahre ist. Er konnte das schon immer. Er konnte es schon mit seinem allerersten Roman, der 1997 erschienen ist, aber erst jetzt auf Deutsch vorliegt: »Haus der Stummen«, heißt er, aus dem Englischen übertragen vom Burnside-Experten (und auch sonst bewährten und umtriebigen Übersetzer) Bernhard Robben.

Die Geschichte: Luke ist schon ein mutterfixierter Junge gewesen, der Vater war in seinem Leben (und in dem der Mutter) nur eine Randfigur, und Luke ist auch ein mutterfixierter Mann, über ihren Tod hinaus. Sie ist es, die dem Heranwachsenden die Geschichten erzählt hat, die ihn geprägt haben, etwa die vom Großmogul Akbar: Der habe überprüfen wollen, ob die Sprache der Menschen aus der Seele komme, und habe zu diesem Zweck ein Haus bauen und dort Kinder aufziehen lassen, denen es an nichts fehlte – einzige Ausnahme: Die Ammen, die sie betreuten, waren stumm, und niemand sprach mit den Kindern. Ihr Heim war »Gang Mahal«, das Haus der Stummen. Und nun will Luke es selbst versuchen. Von der Mutter hat er auch gelernt, die weniger schönen Seiten des Lebens zu betrachten und zu untersuchen, etwa in Form des Sezierens verendeter Tiere. Bald schon unternimmt der wißbegierige Junge die ersten Versuche, sich nicht mehr nur auf tote Versuchsobjekte zu beschränken.

So geht die Geschichte ihren unaufhaltsamen Gang. Luke macht sich eine junge Obdachlose gefügig, die ihm Zwillinge gebärt und dann stirbt; mit den Kindern wird Luke selbst zu Akbar. Er hält die Zwillinge in einem Verschlag im Keller, spricht nicht mit ihnen, zeigt sich ihnen nur mit Maske. Doch die Natur ist klüger als der belesene, wissenschaftlich denkende Mann: Die Kinder entwickeln ihre eigene Kommunikation, indem sie singen. Und sie verstummen, wenn Luke den Raum betritt. Sie schließen ihn aus. Das ist ihr Todesurteil.

Was John Burnside da geschrieben hat, ist ein Horrorroman, und er ist es viel mehr als jede blutige, gewalttätige Monstergeschichte. Der Schrecken liegt in den ebenso poetischen wie sachlichen Schilderungen, in der kühlen Logik des Protagonisten, in der Unausweichlichkeit des Geschehens. Gleichzeitig geht eine große Faszination von diesem mysteriös schönen Text aus, der mysteriös schöne Dinge wie das Schlagen eines Herzens in einem geöffneten Körper beschreibt. Man hält die Luft an, und manchmal muß man sogar den Blick abwenden, obwohl man ja nichts vor Augen hat als Buchstaben, aber es ist eben John Burnside, der diese Buchstaben so angeordnet hat, daß sie ein Schaudern ergeben. Ein Schaudern über die Gewalt der Schönheit, die Schönheit der Gewalt. »Irrationalität«, hat Burnside einmal gesagt, »ist manchmal äußerst gefährlich, aber sie kann unglaublich schön sein. «

Falls jemand auf ein Happy End hofft: Das Buch geht nicht gut aus. Aber das weiß man schon nach der Lektüre der ersten Seite. Und am Ende weiß man, warum Luke so sehr nach der Seele sucht: Er selbst hat keine.

Was ihn übrigens von etlichen Tieren unterscheidet. Das gehört zu den wenigen Dingen, die er nicht weiß.

John Burnside
Haus der Stummen
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Knaus
2014 · 256 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-8135-0612-9

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