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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Open Mind

Hamburg

Wahrscheinlich ist mir John Cage zum ersten Mal durch die Kunde von einem seiner Werke begegnet. Ja, ich bin mir sicher, dass damals kein Name fiel, es muss in oder kurz vor der Abiturzeit gewesen sein, einer Zeit also, in der man sich mit den virtuellen intellektuellen Begleitern ausstattet, die einem helfen sollen, in den Wirren des Kommenden zu bestehen. Dass es in Amerika einen Komponisten gäbe, der ein Stück geschrieben habe, bei dem für die Zeit der Aufführung nichts passiere. Nichts, verstehst du, sagte der Freund, der mir das berichtete, nothing, nitschewo, Ruhe auf der Bühne. Und wir waren gleichermaßen beeindruckt wie belustigt, weil solche Art Komposition noch Ligetis Stück für 100 Metronome, das wir auch nur vom Hörensagen kannten, an Radikalität überflügelte. So wurde ich schon Cage-Fan, ohne einen Ton von ihm gehört zu haben, und wäre es bei der Rezeption von „4'33“ geblieben, hätte sich das auch nicht geändert. Aber die Mauer fiel, und mit der politischen Freiheit kam auch die der Musik, die sich vorher nur verhalten äußern konnte. Und langsam werde ich auch gewahr, dass Cage nicht nur ein Komponist, sondern auch ein großartiger Schriftsteller und bildender Künstler gewesen ist.


Quelle: slowmuse.wordpress.com

Am 5. September wäre John Cage einhundert Jahre alt geworden. Leider ist er schon zwanzig Jahre vor diesem Termin am 12. August 1992 in New York verstorben. Zu seinem hundertsten Geburtstag, aber auch zum zwanzigsten Todestag legt der Suhrkamp Verlag unter dem ziemlich buddhistisch anmutenden Titel Empty Mind - Eine Auswahl poetischer Schlüsseltexte des Komponisten vor. Im Buch finden sich gewissermaßen als Illustrationen Reproduktionen von graphischen Arbeiten und Handschriften.

Es ist nach den von Ernst Jandl übersetzen Vorträgen, die unter dem Titel Silence ebenfalls im Suhrkamp Verlag erschienen, wahrscheinlich erst die zweite Präsentation von literarischen Arbeiten Cages in deutscher Sprache. Als Ausrede mag gelten, dass die Arbeiten formal eigenwillig, also schwer zu übersetzen und darzustellen seien. Aber wenn die Ausrede verhallt ist und wir in das Buch schauen, wissen wir bald, dass da ein Kontinent ist, der auf seine notwendige Entdeckung wartet.

Durch Zufallsoperationen habe ich festgelegt, wie viele Mosaikteile ich täglich schreibe und wie viele Wörter jedes Teil enthalten soll. Die Anzahl der Wörter am Tag sollte außer im letzten Eintrag die Hundert nicht übersteigen. Da Coolidge den Text im Offset aus dem Typoskript druckte, habe ich eine IBM-Kugelkopfschreibmaschine und 12 verschiedene Schrifttypen verwendet; Zufallsoperationen entschieden, welche Type für welche Äußerung verwendet wurde.

So heißt es im Vorsatz zu Tagebuch: Wie die Welt zu verbessern ist (Du machst alles nur noch schlimmer) 1965. Und ich muss zugeben: noch Tage später hüpft mein Herz in Erwartung des Textes, der sich einer solchen Ankündigung anschließt, allein optisch ist ja die Helix, die die Worte bilden, eine Freude.

Allerdings hat es die Auswahl der Zitate und Versatzstücke, die den Textstrang bilden, auch in sich: beginnend mit einem Halbsatz Kierkegaards (Fortfahren, ich kriege heraus, wo du schwitzt) an den sich eine Forderung anschließt, die unmittelbar ins Herz der bürgerlichen Ökonomie zielt (ersetze Besitz durch Gebrauch).

Was aber noch mehr verblüfft, ist die Schönheit einer Ordnung, die der Zufall schafft. Es war mir im Grunde nicht vorstellbar, dass sich aus zufälligen Operationen Gebilde ergeben können, deren Rezeption Genuss entstehen lässt. Aber wenn mich Cage schon in seinen Kompositionen davon überzeugt hat, gelingt es ihm hier auch literarisch. Dabei bin ich den Übersetzern, allen voran Klaus Reichert, sehr dankbar, dass sie mir viel Mühe ersparten. Und sie haben ganze Arbeit geleistet. Vielleicht ist es ja so, dass, wenn wir in Freiheit handeln, wir in dem Wissen handeln, das Resultat unserer Handlung nie vollständig vorwegnehmen zu können, dass aber, weil wir frei handeln, wir vor dem unkalkulierbaren Rest auch keine Furcht haben müssen. Eine Komposition ist kein Atomkraftwerk und jenes ist kein Resultat einer freien Handlung, sondern eines ökonomischen Kalküls.

Der Band enthält natürlich nicht nur Texte, die nach einem aleatorischen Prinzip entstanden sind, er beginnt mit einem autobiographischen Abriss, bei dem ich gerade jene Passagen besonders spannend fand, die auf Arnold Schönberg Bezug nehmen, der den jungen Cage unterrichtete, aber doch recht ratlos dessen Entwicklung verfolgte.

Für Schönberg war Harmonie nicht einfach nur ein Farbwert. Sie war das Mittel, um einen Teil der Komposition von einem anderen zu unterscheiden, deshalb sagte er, ich würde es nie lernen, Musik zu schreiben.

Naja, auch der große Schönberg konnte irren. Aber vielleicht war es ja auch in seinem Sinne oder im Sinne des stark reglementierenden Zwölftonverfahrens gar keine Musik, die Cage da produzierte. Wie dem auch sei, ich liebe sie beide und auch beider Musik.

Mein aktueller Lieblingstext im Buch, und ich sage aktuell, weil dieses Buch mich fortan begleiten  und dabei auch der Lieblingstext wechseln wird, ist eine Art fiktives Gespräch, das der Autor mit Erik Satie führt. Cage reagiert darin auf Äußerungen Saties und solchen, die ihm zugeschrieben werden. Da Erik Satie mehr als dreißig Jahre zuvor verstarb, hört keiner von uns, was der andere sagt. Schreibt Cage im Vorsatz zu diesem Text. Man könnte meinen, dass das eine denkbar schlechte Voraussetzung für ein Gespräch ist. Was sich aber daraus entspinnt, ist pures Vergnügen. Allein die von Cage zitierte Abkehr Saties vom romantischen Künstlerbild ist ohne Gleichen amüsant und enthält auch eine frühe Abkehr vom Anthropozentrismus: Wir können nicht bezweifeln, dass Tiere Musik sowohl lieben, als auch ausüben. Das ist offenkundig. Doch scheint ihre Musikalität von der unsrigen verschieden zu sein.

Dieses Buch ist ein Buch für Entdecker und all jene, für die Freiheit nicht nur Steuerfreiheit bedeutet.

John Cage · Walter Zimmermann (Hg.) · Marie Luise Knott (Hg.)
Empty Mind
Bibliothek Suhrkamp
2012 · 243 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-518224724

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