Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

In der Schwebe

Hamburg

Ich muss zugeben, dass Jonathan Littell bisher an mir vorbeiging. Natürlich habe ich die Debatte um seinen 2008 auf Deutsch erschienen Roman Die Wohlgesinnten mitbekommen. Ihre Inhalte haben aber eher dazu geführt, mich von besagtem 1400-Seiten-Buch fernzuhalten. Das war doch alles ein bisschen viel für einen Autor, der quasi über Nacht die Literaturwelt in Aufregung versetzte. Seitdem wurde Littell gehypt, gelobt, verrissen und verteufelt. Wahrscheinlich alles zu recht.

Jonathan Littell wurde 1967 in New York geboren, wuchs zweisprachig auf und ging in Paris zur Schule. Seit 2007 ist er sowohl amerikanischer als auch französischer Staatsbürger. Seine Bücher verfasst er auf Französisch. Seit dem Erfolg seines umfangreichen Romans Die Wohlgesinnten veröffentlichte er vor allem Reportagen, Essays und kürzere Prosa. Mit In Stücken erscheint nun eine Erzählung Littells, die der Verlag Matthes & Seitz wohl vor allem ihres experimentellen Charakters wegen als „Mikroroman“ bezeichnet.

In Littells Text wandelt ein namenloser Ich-Erzähler durch ein paar lose verknüpfte Episoden, immer auf der Grenze zwischen Traum und Wachzustand balancierend. Wobei man bei fortschreitender Lektüre immer mehr den Eindruck bekommt, dass die Balance zu halten nicht in der Macht des Protagonisten liegt. Die Handlung setzt in einer Art Sommerhaus ein, in der zahlreiche Kinder toben, sich schemenhaft bewegen und kaum voneinander zu unterscheiden sind. Von dort aus begibt sich der Erzähler in seine Wohnung, in die er eine vermeintliche Spionin mitnimmt, die er unterwegs scheinbar enttarnt hat. Die junge Frau buhlt um seine Aufmerksamkeit, doch der Erzähler zeigt nur wenig Interesse an ihr. Dann kommt es zu einer Zugreise mit Freunden in die Provence, bei der der Protagonist sich in einer kleinen Stadt verirrt und seine Begleiter verliert. Er wird auf zwei mysteriöse Männer aufmerksam, die ihn zu verfolgen scheinen. Zurück in seiner Wohnung entdeckt Littells Held ein Manuskript mit seiner Handschrift. Es handelt von einem Traum, in einem Haus voller Kinder. Die Spirale der verwirrenden Ereignisse wird enger, als der Erzähler gegen Ende in das Haus zurückkehrt und sich um einen fiebrigen Jungen kümmert.

Was Littell hier entwirft, sind klassische Traumszenarien, die seltsam real, dennoch zusammenhanglos und an entscheidenden Stellen verstörend wirken. Mit einer Sprache, die wohl auch aufgrund der Übersetzung von Heiner Kober etwas spröde, bisweilen kantig wirkt, inszeniert der Autor einen durch und durch fragmentarischen, schemenhaften Text, der gleichzeitig offen gestaltet und stark verdichtet ist. Eine ganz und gar unhandliche Geschichte von faszinierender Einfachheit. Darin liegt der Reiz dieser Geschichte, die wie eine Collage sowohl durch ihre Teile als auch als Ganzes funktioniert. Immer wieder schafft es Littell ein gänzliches Abgleiten in traumbildnerische Beliebigkeit zu verhindern. Immer dann, wenn man glaubt jetzt müsste es enden, knüpft der Autor an ein klitzekleines Detail der vorherigen Seiten an und hält den Plot mit einer Art Minimalsemantik zusammen. Viel mehr passiert nicht und man fühlt sich hier und da an Samuel Beckett erinnert, der es wie kein zweiter verstand einen Text auch mal um sich selbst kreisen zu lassen. Ähnlicher einer Spirale, deren Anfang und Ende unauffindbar sind, schnörkelt sich In Stücken dahin. Nach knapp 60 Seiten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Ein kurzer Trip, über den man noch eine Weile nachdenken oder den man gleich wieder vergessen kann. Alles in diesem Text ist vage, vor allem die Beziehung zwischen dem Erzähler und der jungen Frau, die ähnlich handeln, wie Paare in Godard-Filmen.

„Ihr war alles gleich, unbekümmert suchte sie ihr Vergnügen, unbeschwert dem Augenblick hingegeben, zugleich gierig und gleichgültig. Aber sie blieb mir jegliche Auskunft schuldig, ich vermochte ihrer nie habhaft zu werden, weder in ihrem Körper, noch in ihren Worten. Trotzdem fühlte ich mich in diesem Zimmer mit seinem Zimmer voller Fotografien ganz eins mit mir selbst, ein Geschöpf wie die anderen, vom eigenen Leben zehrend, den allgemeinen Regeln folgend, wie alles, was ist. Nur das Mädchen hatte nicht teil an dieser unausgesprochenen Harmonie, ihre Gegenwart blieb eine ständige, verquere Dissonanz.“

Tja, was soll man dazu sagen?

Jonathan Littell
In Stücken
Übersetzung:
Hainer Kober
Matthes & Seitz
2010 · 96 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-882210286

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge