Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Harte Nüsse

Hamburg

Manchmal bekommt ein Rezensent von Verlegern und Autoren Bücher zugeschickt, weil sie offenbar der Auffassung sind, er sei genau der Richtige, um ihr Buch zu besprechen. Und er denkt, warum bloß? In meinen kühnsten Träumen kriege ich dann von einer Erotikthrillerautorin ihr „Feuer der Leidenschaften“ aufgedrängt. In Realität ist es wieder nur ein Lyrikband aus einem Kleinstverlag.

Noch alptraumhafter als ein Mysteryroman ist jedoch, wenn man den Autor persönlich kennt, und er der Auffassung ist, man sei genau der Richtige, um sein Buch zu besprechen. Da muß ich immer an Monica Lierhaus denken, die nach ihrer Krankheit zum ersten Mal wieder im Fernsehen ist, und vor laufender Kamera ihren Freund fragt, ob er sie heiraten will. Aus dieser Nummer kommt man echt schwer wieder raus. Dementsprechend war ich nicht nur ein bißchen ängstlich, als mir Jonis Hartmann sein Buch zuschickte. Mit dem Titel „B-Texte“. Immerhin hieß es nicht „Feuer der Leidenschaften“, obwohl es bei einem Verlag erschienen ist, der Literatur Quickie Verlag heißt.  

Auf der Rückseite des Büchleins, vielmehr Heftchens las ich dann: „Bei den B-Texten verhält es sich wie bei den Singles (Vinyl-Tonträger), oft sind die Songs auf den B-Seiten besser als die der A-Seiten. Jonis Hartmann hat es sich einfach gemacht, in seinem Erzählband B-Texte verzichtet er auf A-Texte und brilliert ausschließlich mit seinen B-Texten.“ Das beruhigte mich etwas. Ein Autor mit der nötigen Selbstironie. Er würde also auch eine B-Rezension verkraften können.

Der Literatur Quickie Verlag war mir bis dato noch nicht aufgefallen, versammelt aber eine Reihe durchaus namhafter Autoren, die dort Gelegenheit bekommen, kleine Kurzgeschichtensammlungen in einem, wie sagt man, popigem Layout zu veröffentlichen. Das Cover von „B-Seiten“ zeigt ein überdimensioniertes Eichhorn, das einen Menschenkopf zwischen den Pfoten hält wie eine Nuß. Man schlägt das Buch nun mit einer gewissen Neugier auf, sieht dann ein Autorenfoto, das dem Autorenfotosubgenre des mit Zigarette im Mund abgelichteten Autors zuzurechnen ist. Da ich Jonis Hartmann erst kürzlich gesehen habe, kann ich behaupten, daß er in Wirklichkeit schon nicht mehr ganz so jung aussieht. Aber ich kann mich irren. 

Den als Miniaturen bezeichneten Texten ist ein Zitat von André Gide vorangestellt. „Erstens: Subtile erkennen sich untereinander. Zweitens: kein Krustentier erkennt einen Subtilen“. Vielleicht war ich doch zu recht vom Autor als Rezensent ausgewählt worden.

Der erste Text heißt „Scheusaltechnik“, und sprach mich gleich vom Titel her an. Die Miniatur handelt von einem bestimmten, den Scheusalen so eigenen Lachen und gehört, meiner Einschätzung nach, in die Tradition der absurden und phantastischen Texte, ohne daß ich jetzt Kafka erwähnen will, denn kaum ist irgendetwas phantastisch oder absurd, wird zwanghaft Kafka herangezogen oder der Text als kafkaesk bezeichnet, weil es sich manche Rezensenten verständlicherweise auch einfach machen. Deshalb will ich nur noch mal betonen, daß Hartmanns Texte mit Kafka nichts zu tun haben.  

Auch die folgenden Miniaturen schnurpsen sich weg wie Nüsschen und gleichzeitig beiß ich mir die Zähne aus. Zur Illustration zitiere ich den Text „Caorle“ vollständig: „Die Maschine aus Kolben und Öl macht Geräusche, und man kann dazu tanzen. Die Wellen werfen sich auf den Sand, ein Mord geschieht. Zwei Maschinenbauer bekennen sich schuldig. Sie haben Mist gebaut statt eines Liegestuhlzählers. Bald ist der Strand leer, denn man wird ihnen betend folgen diesen Geräuschen bis ins Nichts.“

Und schon ist die Geschichte vorbei, und ich weiß dann auch gar nicht, warum und wieso, und finde es trotzdem irgendwie interessant. Im vorletzten Satz erkennt der aufmerksame Leser ein Zeugma, jene rhetorische Figur, die spätestens durch Heinz Erhardt berühmt geworden ist. Im zweiten Satz eine Personifizierung. Die Handlung bleibt hermetisch. Vielleicht ist ja alles auch ganz einfach, bloß fehlen bei der elliptisch verknappten Darstellung ein paar Informationen. Immerhin hilft Google beim Titel. Caorle ist kein drolliger Vorname, sondern, nun bin ich schlauer, eine schöne kleine Stadt am Meer in der Nähe von Venedig. Und was spuckt Wikipedia als Trivia dazu aus, durch die Filmproduktion „Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern“ wurde Caorle im deutschen Sprachraum bekannt. Okay. Das hab ich wohl verpaßt. Der Hauptdarsteller ist übrigens Heinz Erhardt. Und Hemingway lebte eine Weile in Caorle. Statt Komödie also Tragödie. Ein Mord geschieht, wäre ja auch nicht das erste Mal an so einem Strand. Und der Text endet mit dem Nichts.

„Leerzeichen, wo keine sind“ heißt die Miniatur auf der nächsten Seite. Kann etwas leer sein und trotzdem sein? Und ist ein Leerzeichen nicht schon per se nicht da? Also auch an den Titeln hat man schön zu knabbern. Ein anderer Titel heißt „Ja heißt Nein“ oder Frode an die Eude. Das hat der Autor gefickt eingeschädelt (und der Rezensent freut sich, daß er das auch noch mal sagen konnte).

Am besten hat mir die Miniatur „Privatleben des Inspektors“ gefallen. Hier entfaltet sich der Witz entlang einiger vorgeführter Krimiklischees. Und wie wäre es, ein Leben wie in einem Kriminalroman zu führen. Nach elf Sätzen weiß man es, und braucht eigentlich auch keinen Krimi mehr in die Hand zu nehmen.  

Die Miniatur „Idee von einem Satz“ mag eine kleine Poetologie von Jonis Hartmann enthalten. „Wenn ich heut Abend jemanden träfe, könnte ich sagen, dass Worte Gefangene sind oder Entdecker […].“ Ebenso der letzte Text, der B-Text heißt, und mit den Sätzen beginnt: „Ich arbeite an einem B-Text. Das ist ein abseitiger Text ohne Budget.“

Ohne Budget ist auch meine Rezension, weshalb ich an dieser Stelle Schluß mache mit dem Hinweis, schauen Sie doch mal in Jonis Hartmanns B-Texte

Jonis Hartmann
B-Texte
Literatur Quickie
2016 · 2,50 Euro

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