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Kritik

Überlebensübungen

Jorge Semprun erzählt in seinem letzten Buch vom Unterschied zwischen Überleben und Überleben
Hamburg

Jorge Semprun war gerade 19 Jahre alt, als er sich in Paris dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer anschloss. Bereits 1936, zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs, war er mit seiner Familie aus Madrid ins Exil gegangen, über Frankreich in die Niederlande, wo sein Vater Botschafter in Den Haag war. Erst sehr spät hat er sich schreibend mit der grundlegendsten Erfahrung seines Lebens auseinander gesetzt, mit der Folter. „Überlebensübungen“ ist der erste Teil eines von Semprun als „unendliches Buch“ geplantes Projektes, das sein Tod 2011 in diesem frühen Stadium beendete.

Wenn Semprun von der Folter spricht, wird die Dualität von Geist und Körper sehr deutlich. Der Wille zu widerstehen und die Unberechenbarkeit eines Körpers, der einfach nur leben will.

So schreibt er, dass es zweifellos wichtig sei, sich keine Illusionen bezüglich der Folter zu machen.

„Aber es löst nicht das Wesentliche, denn der Körper weiß es nicht. […] die Folter ist unvorhersehbar, unvorhersehbar in ihren Auswirkungen, ihren Verheerungen, ihren Folgen für die körperliche Identität.“

Die Identität, der Wortbedeutung nach das Unteilbare, die vollkommene Übereinstimmung, ist auf den Menschen angewendet, auf Körper und Geist verteilt. Die Folter zeigt, dass der Mensch in Extremsituationen nicht eins ist. Semprun schreibt:

„Ich würde eher sagen: in Auxerre, in der Villa der Gestapo, unter der Folter ist mir die Realität meines Körpers wirklich bewusst geworden. Vorher bildeten mein Körper und ich eine ununterscheidbare Einheit: ich war mein Körper, ohne es zu wissen. Und er war ich. So sehr war mein Körper ich, dass er nicht für sich existierte. Vor jenen langen Verhörtagen bestand keine Distanz zwischen meiner Seele – meinem Willen, meinen Wünschen, sogar meinen Launen – und diesem verfügbaren, stets zur Anstrengung oder zur Entspannung fähigen Körper.“

Dennoch, oder gerade deshalb, versteht Semprun die Fähigkeit der Folter zu trotzen, Widerstand zu leisten, nicht als individuelle, sondern vielmehr als kollektive Leistung. Eine Leistung, die nur möglich ist vor dem Hintergrund einer Gemeinschaft. Der Folter zu trotzen ist nichts, was man für sich selbst tut, sondern ein Akt für die anderen. Motiviert aus Brüderlichkeit, aus einer Gemeinschaft, die es ermöglicht, den eigenen Körper und seinen Wunsch zu leben, zu überwinden.

Vermutlich für jeden, der derartiges nicht erlebt hat, bleibt das unvorstellbar. Die Frage, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist, wie es möglich ist, nicht der Verbitterung anheim zu fallen, nach solchen Erfahrungen, wie man sich die Bescheidenheit, die Demut vor dem Leben, die Achtung erhalten kann, statt sich in Hass zu verschließen. Also wie man weiter leben kann, nicht nur ständig überleben.

Selbstgenügsamkeit scheint eines der Schlüsselworte zum Verständnis dieses Phänomens zu sein. Und auch hier tritt die unglaubliche Bedeutung, die Kunst in derartigen Grenzsituationen entfalten kann, deutlich zu Tage. Bei der Beschreibung eines Konzertes im Konzentrationslager Buchenwald. Weil die Musik

„plötzlich die Freiheit symbolisiert: ihre Vergangenheit voller Freuden und Kämpfe, ihre nahe siegreiche Zukunft.“

Erinnerung scheint ein weiterer Schlüssel zum Verständnis zu sein. Semprun schreibt viel von der Erinnerung in den „Überlebensübungen“, aber auch davon, dass er offensichtlich die Fähigkeit hatte, gewisse Episoden und mitunter ganze Zeiträume aus dem Gedächtnis zu löschen.

Während Semprun also Amerys Satz:

„Wer nämlich in der Folter vom Schmerz überwältigt wird, erfährt seinen Körper wie nie zuvor“,

uneingeschränkt folgen kann, gibt es einen anderen Satz aus dessen Essay „Die Tortur“, den Semprun vehement ablehnt. „Im selben Essay behauptet er:

Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen...

Ich vestehe nicht, was er meint! Schreibt Semprun.

Weil er die Erfahrung der Folter offenbar grundlegend anders verarbeitet, für sich selbst anders versteht. Mehr als durch die Folter gezeichnet zu sein, betrachtete Semprun sich als ausgezeichnet durch diese Erfahrung der Gemeinschaft, dadurch in einer Gemeinschaft gelebt zu haben, die zehn Jahre lang dafür gesorgt hatte, dass er nicht entdeckt wurde, während seines Lebens im Untergrund, einer Gemeinschaft, der es immer wieder gelungen ist, die anderen, das Kollektiv und die Idee über den eigenen Körper triumphieren zu lassen.

Schreiben gehörte zu seinem Lebensinhalt und Semprun schrieb, um das „Leben zu akzeptieren, wie es ist“. Diese Bewältigung durch das Schreiben, diese Art von Aneignung einer Wirklichkeit, die zur Akzeptanz führt, hat Semprun vermutlich dazu befähigt, nicht nur, wie Amery, die Erfahrung der Folger zu überleben, sondern danach weiterzuleben.

Jorge Semprun
Überlebensübungen
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Suhrkamp
2013 · 112 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42384-4

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