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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Die sorbische Mundharmonika

Hamburg

Nimmt man die Geschichte der Deutschen ernst, so stellt man sehr schnell fest, dass Deutschland schon immer ein Einwanderungsland gewesen ist. Allerdings sind die Deutschen sehr unterschiedlich mit dieser Tatsache umgegangen. Mal haben sie die Einwanderung zu stoppen oder gar rückgängig zu machen versucht, und zwar bis hin zu den Naziexzessen; mal aber haben sie sie auch gefördert, und sei es auch nur aus politischen Erwägungen heraus oder aus wirtschaftlichem Kalkül. Das gilt beispielsweise für die jüdischen Wanderungsbewegungen im Mittelalter und für die der Hugenotten, der  niederländischen Kalvinisten, der böhmischen Protestanten und der Waldenser während der Zeit der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges. Es gilt aber auch für die Wanderungsbewegungen, die viele Polen und andere Osteuropäer vor ca. 150 Jahren aufgrund der voranschreitenden Industrialisierung nach Preußen bis ins Ruhrgebiet führte. Markante Willkommenszeichen setzten dabei 1685 der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Toleranzedikt von Potsdam sowie 1740 Friedrich der Große, als er sich auf eine Anfrage der Stadt Frankfurt/Main hin umfassend zur Religionsfreiheit bekannte. Die „Ringparabel“ aus Lessings Dramatischem Gedicht „Nathan der Weise“ (1779) lässt grüßen.  

Ein ganz eigenes Wanderkapitel in der deutschen Geschichte haben jedoch die Sorben geschrieben. Schon seit der Zeit der Völkerwanderung leben sie vor allem in der Lausitz im Osten Deutschlands, also seit einer Zeit, in der es in Deutschland noch gar keinen deutschen Staat gegeben hat. Das ist etwas Besonderes. Was aber hat es mit den Sorben oder den Wenden, wie man sie auch nennt, auf sich? Wer sind sie? Was charakterisiert sie? Was zeichnet sie kulturell aus? Auskunft darüber gibt ein kleines Buch von Jürgen Buchmann, das schon 2012 im Verlag Reinecke & Voss in Leipzig erschienen ist. Es heißt „Encheiridion Vandalicum“ im Anschluss an ein gleichnamiges sorbisches Werk, das Andreas Tharaeus 1610 in Frankfurt (Oder) herausgegeben hat.

Der Titel wirkt so, als ob es sich bei diesem Band um ein trockenes Nachschlagwerk zur Geschichte der Sorben handelt. Dem ist aber nicht so. Denn sehr schnell entpuppt sich dieses „Echeiridion“ als eine ausgesprochen unterhaltsame kleine Lektüre, allerdings als eine mit einem ernsten Hintergrund. Die sorbische Kultur ist nämlich mehr denn je vom Aussterben bedroht.  Es verwundert daher nicht, dass sich Jürgen Buchmann in einem ersten großen Teil dem Verhältnis zwischen den Wenden und den Deutschen widmet. In vierzehn kleinen  satirischen Texten erzählt er vom Alltag der Menschen in der Lausitz und den Problemen, die sie haben. Oft sind diese Geschichten sehr humorvoll, manchmal aber auch sehr sarkastisch oder gar bitter. Sie handeln davon, dass der Braunkohletagebau den Sorben Schritt für Schritt ihre Heimat wegnimmt. Und noch immer werden  sie teilweise auf recht subtile Weise zurückgesetzt, wenn sie sich für ihre Sprache und ihre Kultur einsetzen.  Ein Offenbarungseid ist es jedenfalls, wenn die letzte sorbische Schule, so eine der Erzählungen, aus finanziellen Gründen schließen muss, weil sie zu wenig Schüler hat, aber gleichzeitig auch Fördermittel gestrichen werden, wenn sorbische Kindergärten vermehrt Zulauf haben. So etwas gibt es sicherlich im "Bürokratiedeutschland", obwohl die deutsche Regierung den Sorben nach der Wiedervereinigung in einer Regierungserklärung 1991 zugesagt hat, ihre sorbische Kultur zu bewahren und zu pflegen! Verstehen kann solch eine Entwicklung niemand! Die Spannung zwischen den schönen Worten am Sonntag und dem, was werktags tatsächlich passiert, ist offenkundig. Den Schaden haben die Sorben.

Bemerkenswert ist auch der zweite Teil des kleinen Büchleins. In ihm stellt Jürgen Buchmann nämlich seinen Lesern mit fiktiven Buchbesprechungen im Sinne von Stanislav Lem und Jorge Luis Borge wichtige Persönlichkeiten vor, die sich um die sorbische Kultur verdient gemacht haben. Der Titel spricht für sich: Kleine wendische Bibliothek. Und so berichtet Jürgen Buchmann davon, dass das lange verschollen geglaubte Hauptwerk der wendischen Literatur „Die Suche nach dem alten Mond“ von Kito Fryco Stempel (1787 – 1867) wieder aufgetaucht sei und bald veröffentlicht würde. Und weiter erzählt er von einer Begegnung mit dem sorbischen Schriftsteller Jaromir Kósac in Kopenhagen im Sterbehaus von Sören Kierkegaard, um dann anschließend die volkstümliche Erzählung „Zwei Wenden im Paradies“ von Jan Kutísak vorzustellen. Ein interessanter Weg, den er da einschlägt, den Lesern sorbische Kultur vorzustellen und sie mit ihr vertraut zu machen!

Das Plädoyer, warum es sich lohnt, sich mit der sorbischen Kultur und der sorbischen Sprache auseinanderzusetzen, findet sich schon am Anfang des kleinen Bandes in einem "Vergleich" mit dem Deutschen als Hochsprache:

„Deutsch und Wendisch sind zwei Sprachen, die kannst du nicht vergleichen. Deutsch, das ist ein Konzertflügel. Da bindest du dir die Krawatte um, löst eine Eintrittskarte, und in den Pausen darfst du mal husten, während vorne so ein Teufelskerl vom Konservatorium loslegt (…). Wendisch, das ist eine Mundharmonika, die du mit dir herumträgst, bis sie ganz warm in der Tasche ist. Und im Garten ziehst du sie heraus, wenn du mit den Beeten fertig bist, siehst den Schwalben nach und spielst (…).“

Ein Plädoyer, das von Herzen kommt! Dem ist an Deutlichkeit nichts hinzuzufügen.

Jürgen Buchmann
Encheiridion Vandalicum
oder das Buch von den Wenden
Reinecke & Voß
2012 · 76 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-942901024

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