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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Etwas anderes steht uns nicht zu

Hamburg

Ich erinnere mich an den 11. März 2011. Gegen Vormittag erzählte mir meine Freundin mit sorgenvoller Miene, es habe ein Erdbeben in Japan gegeben. „Soll wohl ziemlich stark gewesen sein.“ Stark, dachte ich in dem Moment – was ist denn für die deutschen Medien schon stark? Genau ein Jahr vorher wurde ich in unserem Apartment in der Tôkyôter Innenstadt ab und an des Nachts geweckt, von Erdbeben der Stufen 5 oder 6. Ich drehte mich um und schlief weiter. Das war in Japan schließlich Alltag. Nicht weiter erwähnenswert. Nichts, worüber ich mir den Kopf zerbrach. Ein Erdbeben, das hatte ich gelernt, das ist nicht bedrohlich, nicht in Japan.

Das Beben, das vor der Nordostküste des Landes stattgefunden hatte, davon war ich in dem Moment fest überzeugt, dürfte unmöglich einen größeren Schaden angerichtet haben. Ich sollte mich irren.

Wieder ein Jahr später. Auf dem Weg zwischen Yoyogi-Uehara und Shibuya gibt es in einem Geschäft Karotten für 98 Yen. So billig ist das Gemüse in Japan für gewöhnlich nicht. Zumindest nicht, wenn es aus unkontaminierten Gebieten des Landes stammt. Aber meine Vorsicht ist schnell vorbei. Ich bin doch nur für einen Monat hier, als Tourist, nicht wirklich involviert in das Geschehen hier. All die Menschen, um die ich mir ein Jahr vorher Sorgen machte, sind in Sicherheit, oder sagen wir: heil davon gekommen. Und das mit der Strahlung wird schon nicht so schlimm sein für mich, oder Tôkyô und die hier lebende Bevölkerung, denke ich und greife zu dem Bündel Möhren.

Ich habe hier keinen Fernseher, den ich am 11. März 2012 einschalten könnte, aber das ist auch egal: Ich könnte sowieso nicht verstehen, was gesprochen wird. Was ich jedoch verstehe sind die Fahnen, die bereits Tage vorher am Straßenrand gehisst wurden und dezent flattern. Sie sind das Einzige, das mich an das Tôhoku-Erdbeben erinnert. Allein schon deswegen, weil ich ihnen kaum aus dem Weg gehen kann, wenn ich das Haus verlasse. Ansonsten aber… Ja, ansonsten aber ist es mir leicht gefallen zu vergessen.

Quelle: Google Maps

Obwohl hier und dort vom 3/11 gesprochen wurde: Das Tôhoku-Erdbeben, der folgende tsunami und auch die Reaktorkatastrophe in Fukushima-Daiichi sind aus unserer Perspektive nicht zu vergleichen mit den Ereignissen des 11. September 2001, als zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center rasten und damit auch mitten in das Herz der Kultur und Ideologie, die – ob wir wollen oder nicht – auch diese unsere ist. 9/11 traf uns, weil unsere Welt angegriffen wurde. 3/11 aber war eine unabwendbare Naturkatastrophe, kein terroristischer Anschlag. Die Konsequenzen hätten vielleicht verhindert, zumindest wohl abgemildert werden können, sie waren aber von einer nachvollziehbaren Logik. Vor allem aber ist es die kulturelle Lücke zwischen uns und der japanischen Gesellschaft, die denjenigen, die keinen direkten persönlichen Bezug zu Japan haben, aufrichtige Betroffenheit nahezu unmöglich machte.

Es mag daher kaum verwundern, dass ein Gros der Texte des Sammelbandes »NachbebenJapan« weniger die Ereignisse dieses fahlen Frühlingstages in den Fokus nehmen. Ja, stellenweise blenden sie diese sogar völlig aus und konzentrieren sich nur auf diese Lücke. Xaver Bayers Langgedicht »Durch das dunkle Fenster in der Helligkeit ist die Zeit angesprungen«, das die alphabetisch nach AutorInnennamen geordnete Anthologie eröffnet, thematisiert beispielsweise die Erkenntnis der eigenen Fremdheit angesichts der Normalität einer Kultur, die mit der unsrigen nur auf den ersten Blick einiges gemein hat. Franzobel gar lässt einen »bekannte[n] Symphoniker« zu Wort kommen, der sich über die verbohrte Mentalität echauffiert. Jürgen Draschan und Bertlinde Vögel, die »NachbebenJapan« herausgegeben haben, sehen darin einen »frische[n] Sarkasmus« – ein Euphemismus, der eine stumpfe Glosse zu retten versucht, die die Hölle (mit all ihrer Ignoranz, Arroganz und Überheblichkeit, ihren Vorurteilen) in den anderen sehen möchte, anstatt sich selbst zu hinterfragen.

Wenn sich die Texte dem Thema nähern, das diese Anthologie qua Titel und Vorwort verspricht und also eine literarische Verarbeitung anstreben, dann tun sie das überwiegend um die Ecke. Elfriede Czurda reflektiert in ihrem assoziativ argumentierenden Text das Unverständnis vor den Verhaltensweisen der japanischen Gesellschaft angesichts der Katastrophen. Das ist vielleicht ein wenig weiser, ganz sicher aber vorsichtiger als die tatsächliche Konfrontation, die leisetreterisch umgangen wird. Auch Ludwig Laher druckst herum, legt den Finger in eine andere Wunde und konstruiert eine Parallele zwischen seinem eigenen Buch über die Mitglieder einer österreichischen Minderheit und den diskriminierten koreanischstämmigen Menschen, die in Japan auch heutzutage wie Aussätzige gemieden werden. Lydia Mischkulnig resigniert gegenüber dem verantwortungslosen Verhaltens Tepcos mit den Worten »Das ist also menschlich, auch der Betrug« und irrt sich hoffnungsvoll, wenn sie das Nachbeben als ein globales bezeichnet.

Es geht aber auch anders, es gibt Beispiele für eine Reflexion der Ereignisse, die nicht aus lauter Vorsicht in vagen Aussagen zerrinnt. »Das Nachbeben findet in mir statt«, konstatiert Judith Brandner in ihrer pointierten, aber dennoch bewegenden Abrechnung mit ihrer eigenen Rolle: Als (Radio-)Journalistin nutzte sie die Opfer der Katastrophe als »Material«, musste sie nutzen. Sowieso spielt die mediale Vermittlung der Ereignisse eine entscheidende Rolle. Sabine Scholl greift die Inszenierung der Katastrophe (»Hauptsache wie im Film«) scharf an, stellt die Frage: »[W]ollen die deutschen Detektive die Berichte über Japans Zustand nach dem Beben exotisieren, damit das Unglück die Deutschen (die Österreicher, die Franzosen etc.) weniger berührt?« Harte Worte, wie sie sich nur selten in Nachbeben Japan lesen lassen, und die auch vor der eigenen Person keinen Halt machen. Auch Ann Cottens Langgedicht »Übung des Vogels auf dem Friedhof von Kyoto« spricht uncodiert und deutlich Schuldzuweisen aus, kreiden verantwortungsloses Handeln an: »Die Leichtgläubigen werden verseucht werden. / Und die Schlauen werden verseucht werden. In ihren Vor- / sichtsmaßnahmen außerdem lebendig begraben. / Nur die, die sich entfernen, werden leben, nicht ewig, aber / lang, und auf Jachten.« Das sind die herausstechenden Ausnahmen, die aufhorchen lassen.

Die Flügel dieses Schmetterlings (Zizeeria maha) sind verstümmelt. Foto: University of the Ryukryusu

Die Essenz dieser Anthologie als ganzer lautet unter dem Strich jedoch: Anders sind die. Anders als wir. Deswegen fällt es uns schwer, uns einzufühlen, aber auch Kritik zu äußern. Uns ist nur der individuelle Zugang möglich, und selbst deshalben wagen wir höchstens gesichtslose Übel anzugreifen. Etwas anderes steht uns nicht zu. Wir klagen auch nicht, denn wir sind nicht involviert, kennen Japan höchstens aus Büchern – Hanno Millesis »sentimentale Reise ins Land des Lächelns« spricht das deutlich aus, markiert ihre eigene Unfähigkeit, fundiert zu urteilen und zieht trotzdem keine Schlüsse aus dieser Erkenntnis –, dem Fernsehen oder Google Earth und Street View, mit denen Peter Glaser die Gegend um Fukushima Daiichi absurft. »Nachbeben Japan« zeugt von einer Ohnmacht, die selbstverschuldet ist. Die Zaghaftigkeit mag zwar vor generalisierenden Aussagen schützen, verhindert Arroganz, der Zeigefinger bleibt unten. Es mangelt den Texten deswegen aber – mit wenigen Ausnahmen – an Schonungslosigkeit. Schonungslosigkeit vor sich selbst wie auch vor der fremden Kultur. Nicht von ungefähr dominieren vor allem Reiseberichte und, mal flüchtig, mal ausgedehnt geschilderte Impressionen die Anthologie. Die Harmlosigkeit regiert.

Das ist schon verständlich und nachvollziehbar. »Nachbeben Japan« markiert mehr als deutlich das Paradoxon, mit dem sich jeder Versuch einer literarischen Aufarbeitung konfrontiert sieht: Wo es kaum eine nennenswerte kollektive Erfahrung – von der Vermittlung durch Liveticker, Fernsehen und Facebook-Feeds mal abgesehen – gibt, kann nur über individuelle Berichte eine Wahrnehmung konstruiert werden. Jeder Appell ginge dabei jedoch zu weit, jegliches Pathos würde falsch und unangemessen wirken. Ein Problem, vor dem die Anthologie letztlich scheitert, weil es nicht angemessen adressiert wird, schon gar nicht bewältigt.

Ich erinnere mich an den 11. März 2011. Und die Zeit, die darauf folgte. Ich war betroffen und bin es auf eine Art immer noch, selbst wenn ich zu meiner Normalität zurückgekehrt bin, die immer noch fortlaufende Katastrophe und all ihre Konsequenzen aus meinem Bewusstsein verbannt habe. Und trotzdem rührt kaum einer dieser Texte – abgesehen von Brandners, dessen Eindringlichkeit seinesgleichen sucht und Scholls, dessen Wut ich geteilt habe – etwas in mir. Wie sollten sie also diejenigen erreichen, denen der Bezug völlig fehlt? Da kaum einer dieser Texte sich wirklich erschüttert zeigt, kann sich das heraufbeschworene Nachbeben unmöglich ausbreiten.

Mit Texten von: Xaver Bayer, Judith Brandner, Ann Cotten, Elfriede Czurda, Erwin Einzinger, Franzobel, Peter Glaser, Ludwig Laher, Hanno Millesi, Lydia Mischkulnig, Sabine Scholl, Josef Winkler.

Jürgen Draschan (Hg.) · Bertlinde Vögel (Hg.)
Nachbeben Japan
Luftschacht
2012 · 148 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-902844125

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