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Kritik

„In der eigenen Zeit bleibt dann die Zeit stehen.“

„Autorenpatenschaften Nr. 8“ von Andrea Karimé und Jürgen Jankofsky zeigen, wie wundervoll Kinder dichten können – wenn man sie nur lässt
Hamburg

Ich hatte ein Blatt,

das in ein Haus ging,
und das Haus war voll Schnee.
Dort hat das Blatt eine Kanne
Tee umgeworfen.
Die Flüssigkeit hat einen
Radierer angeschoben.
Der Radierer hat einen
Füller angestubst.
Die Tinte flog auf das Blatt
und bildete einen Stern.
Alexander Eickenberg, 10 Jahre

Wie herzerfrischend: Worte, die tanzen und springen, querfeldein hüpfen und sich dabei auch die Füße nass machen dürfen. Die auf Bäume klettern und Räder schlagen, mit den Wolken segeln und Bilder „malen“. Nach eigenen Regeln.

Der Stift

Der Stift
schrieb klein:
Ich bin
buntfein
so sauber
wie Schnee.
Das ist so fein
wie ein Schein.
Ich klein.
Ganz verziert
mit Rosen.
So klein
und rein.
Das soll sein,
ich wunderbarer Stift.
Stein sein
sehr sehr Zeit.
Der Stift am
Ende
schlief.

Amélie Rathgeb, 9 Jahre

Der Leser der beiden Gedichte ist dagegen wohl hellwach: Wahrscheinlich kann er auch gar nicht anders bei diesen Sprachbildern, die wie buntschillernde Murmeln vor dem inneren Auge hin- und herkullern und vergnügt Fangen spielen. Das gängige Schreibschema auf den Kopf stellen und in ein poetisches Sprach-(Ge)Fühl-Universum entführen, in dem die Worte miteinander turteln. Sich necken und recken, scherzen und schäkern, um dann gemeinsam lustvoll durch Wortsalate zu wandeln.

Wie beflügelnd: ein ganzes Buch voller Texte, die vor assoziativer Sprachlust nur so strotzen. „Autorenpatenschaften Nr. 8“ ist das Ergebnis eines einjährigen Projekts in NRW, das durch den Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V. in ganz Deutschland angeregt worden war. Profis sollten Kindern und Jugendlichen die Lust an Sprache nahebringen, sie zum Lesen und Schreiben animieren. Das ist der Schriftstellerin und Lyrikerin Andrea Karimé mit Solinger Grundschulkindern grandios gelungen ist. Alles schulisch einengende verbannte Karimé aus ihrer Schreibwerkstatt: „Sprache und Sprachen sollten als Material zur Gestaltung und kreativen Selbstentfaltung dienen dürfen und von allzu starren Regeln der Grammatik, linearer Handlungslogik und 'guten Ausdrucks' befreit werden, ganz und gar kinderästhetischen Bedürfnissen entsprechen dürfen.“ Mit einfachen Übungen, u.a. von Gianni Rodari, und inspiriert von Lyrikbeispielen von Herta Müller oder Hilde Domin führte sie die Kinder zu einem eigenen poetischen Ausdruck: „Unlogisch ist richtig gut", meinte der neunjährige Robert Wahl. Einige dieser wunderschönen, freisinnigen, herz- und hirn- und augenöffnenden Texte haben Andrea Karimé und Jürgen Jankofsky in „Autorenpatenschaften Nr. 8“ versammelt. Es sind leichtfüßig vielschichtige Geschichten und Gedichte, die witzig und bilderreich erzählen und selbst in nur drei Zeilen schräge, skurrile Universen heraufbeschwören. Welten, in die sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen einfließen lassen, ihre Entdeckungen und ihr Sein:

Rätsel

Ich erzähle in der Schule
das ich super
schreiben, markieren und unterstreichen kann.
Darum bin ich der Lustigste in der Klasse.
Aber ich bin das nicht.

Ishak Admi El Hattachi, 11 Jahre

Welten, die von Wünschen sprechen, etwa wie man in der Schule besser wird: mit einem Stift, meint die zehnjährige Sarah Hute, der „zum verrückten Ring und zum witzigen Ring“ wird und den man dann natürlich auch anstecken muss. Sie sind ihre eigenen Protagonisten, werden zu Entdeckern und Rettern oder zu Erfindern:

Zeitpinsel

Ich habe einen Zeitpinsel erfunden.
Du malst damit eine Uhr auf ein Blatt,
und dann sagst du die Zeit, in die du
willst. In der eigenen Zeit bleibt dann die
Zeit stehen.

Robert Wahl, 9 Jahre

Und sie sind gerne Helden:

Ein wundersamer Staub

Ich schwebe im Weltall und komme an den Mars.
Dort traf ich einen Bären.
Er sagte: „Ich muss wieder leuchten.“
Alle Sternenbilder sagten das.
Die Menschen sagten, die Zeit ist stehengeblieben.
Ich halte meinen Sternenstaub und bestäube den Bären.
Da fing er an zu leuchten,
viel heller als die anderen Sternenbilder.
Als ich wieder zuhause war,
konnte ich den Bären eindeutig am allerbesten sehen.

Inga Becker, 8 Jahre

Vor allem sind sie brillante Sprachjongleure, die mit ihrer Freude am Experimentieren und Aufspüren ein dichtes, buntes Kaleidoskop funkelnder Sprachspiele und sinnlicher Bilder hervorzaubern.

Weltalltreppe

Mein Kuscheltiger ist in meinem Arm.
Die Treppe auf der ich jetzt gehe,
bleibt am Ende des Weltalls stehen.
Da geht keiner.
Da kommt keiner.
Bläulich-dünn ist die Schicht um mich.
Ohne was zu sehen, gehe ich weiter.
Meine Zeit haut ab, so wie die Welt.
Und ich falle in die Tiefe.
Ich lande weich.

Sophia Daub, 10 Jahre

Anmerkung der Redaktion: Einige Gedichte sind in der Reihe Buchstabenrascheln auf Fixpoetry erschienen.

 

Jürgen Jankofsky (Hg.) · Andrea Karimé (Hg.)
Autorenpatenschaften Nr. 8
mit s/w Abb.
Mitteldeutscher Verlag
2014 · 96 Seiten · 9,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-364-8

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