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Kritik

Demmin ist Twin Peaks

Jürgen Landt erzählt die Geschichte eines Unangepassten

»dann riss ihr der damm. und ich war da«, lautet das erste Kapitel. Die gewöhnungsbedürftige Form des radikalen Kleinschreibens führt den Leser in eine Welt, die nur auf den ersten Blick fremd scheint: Protagonist Peter Sorgenich kommt 1957 in der Nähe von Demmin inmitten der DDR-Provinz zur Welt. Die erste Nahtod-Erfahrung erlebt das Kind im Alter von einigen Tagen, als die Mutter es derart rücksichtslos zudeckt, dass es zu ersticken droht. Weitere bizarre Unfälle folgen. Die Welt ist feindlich und das Elternhaus bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Die Mutter, unerträglich hysterisch, prügelt ihr jüngstes Kind bei geringsten Verfehlungen oder schickt Peter bei den kleinsten Beschwerden durch die Lehrerin oder andere vermeintliche Autoritäten bereits nachmittags ins Bett. Ob Peter wirklich etwas ausgeheckt hat, spielt dabei keine Rolle. Ein Riss im Schein der intakten Familie mit ordentlich erzogenen (das heißt gedrillten) Kindern bedeutet eine Schmach und wird bestraft.

Das permanent gedemütigte Kind erfährt in ersten Experimenten mit Alkohol, dass Schnaps den Schmerz dämpft. Schließlich entstehen daraus sogar Selbstbewusstsein und der Mut, die Regeln der dominanten Mutter, der unfähigen Lehrerin oder der farblosen Pionierleiterin zu brechen. Das geht nicht lange gut. Die neue Emanzipation, das Erleben der ersten Liebe stellen nur Glück von kurzer Dauer dar. Kritisch beäugen die Erwachsenen den selbstbewussten Außenseiter. Man spürt, dass sie nur darauf warten, ihm endlich etwas anhängen zu können. Es folgt eine endlose Odyssee durch die Knäste. Die Wiedereingliederungsversuche gelingen nicht. Peter bleibt stigmatisiert.

Es dauerte nach dem Mauerfall lange, bis das Alltagsleben der DDR literarisch verarbeitet wurde. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Thomas Brussigs »Wasserfarben« oder Ingo Schulzes »Simple Stories«) konzentrierte sich die Erzählung auf die Verkettung humoriger Anekdoten ohne literarischen Anspruch. Daneben gab es Versuche, die andere Seite, das Widerstehen zwischen Kirche und illegaler Druckwerkstatt zu beschreiben.

Jürgen Landt, selbst in Demmin geboren, erzählt gekonnt aus einer anderen Perspektive, die bisher kaum wahrgenommen wurde: Die Sicht eines so genannten Außenseiters, der keinen politisch motivierten Oppositionellen darstellt, sondern in einer von Uniformität geprägten Gesellschaft einfach auf dem Recht der Individualität beharrt.

En passant schildert Landt in »Der Sonnenküsser« Kinderprostitution, häusliche Gewalt, Korruption. Diese Beiläufigkeit erzeugt beim Lesen eine Intensität, wie sie nur wenigen Erzählern gelingt. »Die Dinge sind nicht, wie sie scheinen«, formulierte William Shakespeare. Oder moderner ausgedrückt: Demmin ist Twin Peaks. Die Fratze des Bösen lauert aber nicht hinter den kleinbürgerlichen Masken, sondern ist ihnen immanent. Demmin und die DDR erhalten hier keine historische Funktion. Der äußerliche und zeitliche Rahmen des Romans verschwimmt. Dadurch wird er zu einer Allegorie, die sich problemlos übertragen lässt: Dort, wo kein Raum mehr für Selbstbestimmung ist, herrscht bald der Terror. Begriffe wie ›Außenseiter‹ oder ›asozial‹ stellen arbiträre Bezeichnungen dar, die bestenfalls etwas über die Perspektive der Gesellschaft, aber nicht die menschliche Qualität des Diffamierten aussagen.

Während im humanistisch inspirierten Entwicklungs- und Bildungsroman der Fokus auf dem Prozess des Protagonisten ruht, steht hier die Perspektive der Gesellschaft zur Debatte. Eine Gesellschaft, die in sich zwar schon modert, aber auch in ihrem Verwesungsprozess noch nicht fähig zur Selbstreflexion ist. Stillstand, Stagnation, Perspektivlosigkeit. Landt gelingt damit ein tragisches Moment doppelter Ordnung: Scheitert Sorgenich an der Gesellschaft, so zerbricht diese an ihrer kristallin-verlogenen Struktur. Ohne Sentimentalität und gerade deswegen unmittelbar und aufwühlend.

Jürgen Landt
Der Sonnenküsser
Vorwort: Wolfgang Gabler
Edition M
2007 · 336 Seiten
ISBN:
978-3-933713278

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