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Kritik

„Werdet wie die Kinder“ oder „Wenn die Suche nach der Wahrheit in den Abgrund führt“

Hamburg

„Schluss mit dem Geschreibe! Für immer und ewig!“, schrie er der selbstversteckten Mine nach. „Gott, ist das schrecklich, Künstler sein zu müssen!“

Das Cover des 80 Seiten starken Bändchens ist in unterkühltem Blau gehalten, abgebildet das verschwommene Foto einer scheinbar verrenkten, gnomenhaften Gestalt mit menschlichen Körperteilen und einem überproportionierten Schattenkopf.

Es sei vorweggenommen, dass sich das so angelegte Temperaturempfinden während der gesamten Lektüre nicht wesentlich verändern wird. Man tut gut daran, sich mit dem Büchlein an einen lodernden Kamin zu setzen oder wenigstens eine gut gefütterte Weste überzustreifen. Denn eines bemerkt man beim Lesen rasch: das Fehlen jeglicher Wärme; sei es die natürliche Wärmestrahlung der Sonne, jene einer technischen Heizung oder gar zwischenmenschliche Wärme. Letztere scheinen die Protagonisten in Landts Geschichten in ihrem Leben auch gar nicht mehr zu erwarten: „weil ich denke, dass im Mandelkern meines Gehirns jede Wahrnehmung nur noch im Kreuzverhör liegt. Und in diesem Verhör der Welten nur noch Ekel, Unverständnis und Überdruss an der Menschheit als Geständnis abgepresst werden, um mir für das restliche Warten den Irrsinn als Preis auszuhändigen.“ („Ich war neunzig“)

Auf ihrer Suche nach der grundlegenden Wahrheit sind sie ganz unten am Bodensatz der menschlichen Existenz angekommen.

Was finden sie hier?

Nun, wie zu erwarten, vor allem reichlich Dreck, Fäkalien, Abfall, menschlichen Müll: „Und nichts war giftiger für Menschen als sie selbst.“ („Das Los am Boden und anderswo“)

Ob es sich beim Gefundenen tatsächlich um die Wahrheit handelt, darf indes bezweifelt werden. Und selbst wenn es so wäre, welches ist der Preis dafür: „Schon wieder eine Tüte Müll, hatten Sie nicht gestern auch schon eine?“, fragt mich nett und mit einem falschen Lächeln im Gesicht die Nachbarin.“ („Selbstklebend“)

Der Preis für die abgründige Suche nach Wahrheit wird von Geschichte zu Geschichte immer deutlicher. Im Schmutz der menschlichen Gesellschaft wühlend riskiert man, fortan jedem freundlichen Lächeln Falschheit, jeder zwischenmenschlichen Annäherung Bedrohung, jeder verlangenden Liebe Geilheit zu unterstellen. Mit der gewonnenen Erkenntnis, dass alles, aber auch alles, den gnadenlosen Gesetzen der Evolution unterworfen ist, wird dem Leser insbesondere der Überlebenskampf auf seelisch-emotionaler Ebene vorgeführt.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, haben sämtliche menschliche Regungen oder Taten ihren Ursprung in egoistischen Absichten, ist Eigennutz Quelle aller Motivationen. Der Glaube an einen real existierenden Altruismus stirbt genauso sicher wie die Illusion vom „Guten“ im Menschen.

Von Friedrich Nietzsche wissen wir: „Die Zerstörung einer Illusion ergibt noch keine Wahrheit, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres leeren Raumes, einen Zuwachs unserer Öde.“

Und so ergeht es dann beispielsweise auch „dem Mann“ in Landts Erzählung „Lauflaub“: „Seine Augen waren stumpf und die Frau steckte ihn sich rein. Nur schnell mitmachen, und alles ist vorbei, spürte der Mann, schloss seine glanzlosen Augen und als er sie wieder öffnete, ließ irgendetwas zu, dass er allein war und sich auch so fühlte.“

Apropos „Frau“ – sie bekommt von Landt in den meisten Geschichten die Rolle des Täters zugewiesen. Im „Geschlechterkampf“ nur auf Macht und die Befriedigung eigener Bedürfnisse aus, verkörpern Frauen für die Protagonisten eine potentielle Bedrohung: „Die Frau sortierte ihre aus der Fassung rausgesprungene Verfassung, quetschte sich zurück in ihre kurzfristig verlassene Dominanz, schlug ein Märchenbuch auf, dachte: Das Äffchen hole ich mir zurück! Wo soll ich sonst in meinem Alter noch so ein Kerlchen herbekommen?, las das Märchen vom Däumling und suchte Maschen tiefer Gründe.“ („Kaminkleiddasein“)

Der Umgang von Frau und Mann ist geprägt von der ernüchternden Erkenntnis des schicksalhaften Aufeinanderangewiesenseins, vor allem in sexueller Hinsicht. Daraus wiederum resultiert eine gegenseitige, abgrundtiefe Verachtung. Keiner traut dem anderen mehr über den Weg. Die Strategien und Fallstricke sind allesamt bekannt, ebenso die Schutzreaktionen vor neuen Verletzungen. Da ist kein Raum mehr für Mitgefühl oder gar Liebe: „Der Mann und die Frau kannten sich. Die Frau kannte sein Gejammer, also jammerte er nicht, es reichte mittlerweile aus, sich alleine zu hassen, jahrelanges Reden, Offenheit hatte ihm nichts gebracht. Im Gegenteil, es gab keine Stelle mehr an ihm und in ihm, die nicht verwundbar war.“ („Gärtner der Leere“)

„Der Mann“ heißt in anderen Erzählungen auch Peter Sorgenich, Klaus Spurmann, Gotthilf Bummesang oder ganz einfach (und ehrlich) Herr Landt; und in der Tat scheint es sich dabei stets um dieselbe Person zu handeln. Überhaupt kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die meisten der 31 Erzählungen des Bandes keine erfundenen Geschichten, sondern aufgeschriebenes, reales Leben sind, was deren Wert jedoch keinesfalls mindert. 

Im Gegenteil, Jürgen Landt versteht es, mit seiner ganz eigenen Form von Literatur den Leser zu beeindrucken (oftmals natürlich auch zu schockieren), auf jeden Fall aber mit auf die Reise zu nehmen. Wohin freilich die Reise führt, wurde bereits geschildert.

Den Leser erwarten keine „schönen“ Dinge - Landts berüchtigte Fäkal- und Genitalsprache ist kein ästhetischer Genuss im Sinne von schöngeistiger Literatur -, dafür jedoch die verblüffende Erkenntnis, dass Menschen für ein glückliches, erfülltes Leben zwingend Verklärung und Illusionen brauchen.

Die biblischen Worte in Matthäus 18,3 „Werdet wie die Kinder“ habe ich in ihrer vollen Bedeutung erst begriffen, nachdem ich die Geschichten von Jürgen Landt gelesen habe.

Wir brauchen den Glauben an Wunder sowie die zauberhafte Beseeltheit der Dinge und Wesen um uns herum, sonst erlischt der Glanz in unseren Augen, werden wir unheilbar krank an der nackten, kalten Wahrheit der Welt.

Mark Twain sagte es einmal mit folgenden Worten: „Gib deine Illusionen nicht auf! Hast du sie verloren, so magst du wohl dein Dasein noch fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.“

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Lektüre des neuen Erzählungsbandes „Letzter Stock im Feuer“ des Greifswalder Schriftstellers Jürgen Landt unbedingt zu empfehlen.

Jürgen Landt
Letzter Stock im Feuer
freiraum
2014 · 80 Seiten · 12,95 Euro
ISBN:
978-3-943672-26-8

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