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Kritik

Die Tauchgänge der Ehrgeizigen

Hamburg

Eine sonnige Insel, zwei schwache Männer, eine schöne Frau und das weite, weite Meer: Diese Geschichte entfaltet sich als literarisches Kammerspiel mit klassischer Konstellation. Eine Dreiecksgeschichte, wie sie sich nicht nur in Romanen, sondern auch in der Realität öfters entwickelt, wenn in den Ferien das gewohnte Umfeld verlassen und der übliche Beziehungstrott aufgebrochen wird. In chronologischer Folgerichtigkeit entwickelt sich Juli Zehs Reigen der Leidenschaften zwischen einer ambitionierten Nebenrollendarstellerin aus einer Vorabendserie des deutschen Privatfernsehens und ihrem Partner, einem alternden Jungschriftsteller in chronischer Schreibkrise, sowie deren wortkargem Tauchlehrer, der vor dem alltäglichen deutschen Leistungsstress für immer auf eine spanische Sonneninsel emigriert ist.

Die drei Figuren unter der ewigen Sonne von Lanzarote sind mit ehrgeizigen Zielen ausgestattet: Schriftsteller Theo möchte einen großen, mehrbändigen Gesellschaftsroman schreiben (leidet aber stattdessen unter einer mehrjährigen Schreibblockade), Schauspielerin Jola will endlich eine größere Rolle ergattern (gilt aber eher als niedliches Sternchen denn als talentierter Star) und Tauchlehrer Sven möchte nach dem unbekannten alten Wrack tauchen, das er vor seiner Insel vermutet, um als Erstentdecker in die Legendenlisten der Taucher eingehen zu können. Sie sind alle drei nicht mehr ganz junge Erwachsene, die endlich etwas besonders sein möchten und den inneren Druck empfinden, in ihrem Leben endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Der bevorstehende vierzigste Geburtstag des Tauchlehrers Sven steht dafür als Deadline und bildet schließlich auch den Anlass für den Showdown über und unter Wasser. Soweit, so glaubhaft.   

Eine Freundin warnte mich vor, dass dieses Buch mir möglicher Weise zu viel „creative writing“ enthielte, doch die Autorin schreibt bedeutend realistischer und amüsanter, als es die Grundkonstellation vielleicht befürchten ließe: Juli Zehs Roman „Nullzeit“ ist eine spannende Urlaubslektüre (vor allem, wenn man sich in der Nähe von Wasser aufhält). Während sich die amour fou der drei lebendig geschilderten Hauptpersonen zwischen den Tauchgängen und Problemschüben in den ersten zwei Dritteln einigermaßen vorhersehbar entwickelt, sodass vor dem Leserauge eine Art solider deutscher Sommerfilm entsteht, verschwimmt das klar gezeichnete Bild im letzten Drittel und verliert in eben dem Moment an Schärfe und Glaubwürdigkeit, da es an Literarizität gewinnt. 

Interessant wird die Dreier-Psychokonstellation und ihr unklarer Ausgang jedoch durch zwei Aspekte: Zum einen bekommen wir das Geschehen zweimal, d.h. sowohl vom Haupterzähler, dem Tauchlehrer Sven Fiedler, als auch durch Tagebucheinträge des Fernsehsternchens Jola berichtet – und das ist spannend, denn beide liefern in wesentlichen Punkten höchst konträre Beschreibungen (wer verführt wen, wer würde gern wen aus dem Weg haben) und wir, die Leser, müssen im Verlaufe des Buches entscheiden, welcher Wahrheit wir glauben wollen. (Der Schriftsteller Theo ist ironischer Weise der einzige, der nie selbst zu Wort kommt, sondern dessen Ansichten man nur aus der Sicht der anderen erfährt.) Diese erzählerische Doppelgleisigkeit wird bis zum Schluss des Buches nicht aufgehoben und hinterlässt ein Gefühl der Diffusität, das jedoch keinen anderen geistigen Mehrwert abwirft als die sattsam bekannten Erkenntnisse, dass es stets mehrere Wahrheiten gibt und in der Dreiecksliebe oft alle Verlierer sind: Ein Pyrrhussieg, nicht nur für die Figuren des Romans.

Lesenswert ist die Geschichte zum zweiten aber auch deshalb, weil sie im aquatischen Milieu der Taucher und Bootsfahrer gründelt und man nebenbei einiges über Zitterrochen, Urinalventile, Ersatz-Oktopusse oder eben taucherische Nullzeiten lernen kann. Der Schauplatz ozeanischer Weiten ergibt hier und da einige seichte Stellen, die den ansonsten souverän erzählten Text gelegentlich zur maritim-schicksalsschwangeren Bedeutungshuberei verlocken („Unter mit die Dunkelheit, über mir das Licht“,„Es zog mich ebenso stark hinauf wie hinab.“ u.ä.). Genießen kann man jedoch die zahlreichen ironischen Seitenhiebe auf den unermüdlichen Ehrgeiz der Deutschen, das Etwas-Darstellen-Wollen ist das eigentliche Thema dieses Buches – die unaufhaltsame Ausweitung der deutschen Aufstiegskampfzone, der sich auch der unters Wasser emigrierte Tauchlehrer Sven letztlich nicht entziehen kann.

Vergleiche dieses Buches mit Psychothrillern angloamerikanischen Stils sind aber hoffentlich nur eine Masche des Verlagsmarketings. Ich las, wie wohl die Berliner Buchpremiere erst für den 31. August angekündigt ist, laut Impressum Mitte August immerhin schon in der zweiten Auflage. Ein Ozeanthriller a la Schätzing oder ein Psychokrimi a la Highsmith ist das aber zum Glück nicht. Juli Zehs „Nullzeit“ ist eine psychologisch interessante, gut erzählte heutige Sommergeschichte. Nicht mehr und nicht weniger. Dass dieser Roman auf der Auswahlliste für den heurigen deutschen Buchpreis fehlt, ist keine Schande. Als bestens geeignete Lektüre für den nächsten Trip auf die Insel sei er empfohlen.     

PS: Dank an die Autorin für die treffende Beschreibung des großmächtigen Literaturkritikers Jankowski (ab S. 195 ff.) sowie für die schemenhaften Gastauftritte von Leni Riefenstahl (unter Wasser) und Yvonne Catterfeld (in weiter Ferne) als heiter verklausulierten Nebenfiguren, welche freilich unter Pseudonym und niemals in personain Erscheinung treten.

Juli Zeh
Nullzeit
Schöffling & Co.
2012 · 256 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-895614361

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