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Kritik

Treidelnde Antipoetik

Hamburg

Juli Zeh ist nicht die Erste, die die Institution „Poetikvorlesung“ in Frage stellt, so direkt und ohne künstlerischen Überbau ist das jedoch noch nicht geschehen.

Als Juli Zeh kürzlich als Gast Poetikdozentin ans Rednerpult der Frankfurter Universität trat, „wird schnell klar, dass sie den Auftrag eine Vorlesung zu halten, wörtlich versteht: Sie liest vor“, schreibt Sylvia Meilin Weber in „Die Welt“. Und zwar Sätze wie diese: „Poetikvorlesung? Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. [¡K] Schreiben lebt von der Poetikfeindlichkeit, ist nämlich ein verschriftliches Selbstgespräch.“

Als Titel für die Mailsammlung, die sie im Laufe der Vorlesungen wortwörtlich vorgelesen hat, hat Zeh "Treideln" gewählt - ein seltenes Wort, das beschreibt, wie Schiffe von Menschen oder Tieren gegen die Fließrichtung eines Flusses gezogen werden.

Darüber hinaus ist Treidel die Hauptfigur einer Romanidee, die entstanden ist, als Zeh auf einem neuen E-Reader zwei Romane parallel gelesen hat, „Der Große Gatsby“ von Scott Fitzgerald und „Grunewaldsee“ von Hans Ulrich Treichel. Dabei legte sich Treichel „wie eine halb durchsichtige Folie über Fitzgerald und erzeugte die Umrisse einer Hauptfigur“: Karl Treidel.

Nach und nach entsteht so aus der Totalverweigerung, die sich in der ersten Mail an die Goethe Universität in Frankfurt, folgendermaßen ausdrückt: „Ich fühle mich sehr geehrt. Trotzdem muss ich leider absagen“, um wenig später zu präzisieren: „Poetik ist für jene fatale Mischung aus Adabei und Drückeberger, die sich lieber mit Poetikvorlesungen wichtig macht, als einen neuen Roman zu verfassen. Also für Aufschneider, Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane.

Mit anderen Worten: Ich bin dabei“, doch noch eine persönliche Poetik, oder wie Zeh wohl eher sagen würde: Antipoetik.

Anhand der Überlegungen zu Treidel, entwickelt Zeh eine Vorlesung über Erzählperspektiven und die jeweiligen Konsequenzen für das Erzählen. Dabei fehlen weder persönliche Hintergründe noch eine politische Einbettung des Themas, wenn sie über die Auktorialitätsfeindlichkeit der Neunzigerjahre schreibt: „Gott war tot, die Familie nur noch eine Freizeitgemeinschaft. Klassenlehrer, Priester und Bundespräsidenten jagten niemandem Angst ein ¨C sie waren auch nur Menschen, die man aus dem Amt mobben konnte. Mit Omnipotenz in jeder Form hatte man gründlich aufgeräumt. Folglich fehlte einer erzählenden Autorität im demokratischen Alltag die Entsprechung. Man wollte keine Autorität sein, sondern „ich“.“

Wenn sie sich nun schon einmal bereit erklärt hat, in dieser Institution vorzulesen, arbeitet sie gleich noch ein paar alte Essays ein, die mit dem Schreiben zu tun haben, z.B. die Sache mit den Literaturinstituten und den nicht auszuräumenden Vorurteilen der Deutschen, Literatur schreiben könne man nicht lernen.

Einiges, das Zeh über die Notwendigkeit des „heimlichen“ Schreibens für sich selbst erzählt, hat sie sehr ähnlich bereits im Werkstattbericht des Literaturinstituts Leipzig „Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?“ unter Herausgabe von Josef Haslinger und Hans-Ulrich Treichel, geschrieben. Die schöne Geschichte von dem Loch im Dielenbrett, in dem sie ihre Geschichten versteckte und wie ihre WG sie schließlich nach Leipzig ans Literaturinstitut gebracht hat.

Auf diese Art, und indem Mails an Lehrer, Zeitungen und die Abfallberatung verfasst werden, erschreibt sich Juli Zeh die Möglichkeit, etwas über den Alltag einer Schriftstellerin zu erzählen, inklusive ihrer Abneigungen und Vorlieben. Genuin poetische Stellen stammen ausschließlich aus bereits geschriebenen Romanen oder dem Treideln im Romanprojekt um Karl Treidel. Im Übrigen holt Zeh immer wieder gerne zu einem Rundumschlag gegen den Literaturbetrieb im Allgemeinen und Literaturinstitute im Besondern aus, so wie gegen das Feuilleton, die Deutschlehrer und das Finanzamt.

Abschließend begründet Zeh ihre Antipoetik im gegebenen Unterschied zwischen Schreiben und Literatur. „Der Literatur wohnt im besten Fall eine Größe inne, die man übermenschlich nennen darf, weil sie den Autor transzendiert. Das Schreiben hingegen ist nur eine Tätigkeit, die man besser oder schlechter beherrscht.“ Im Gegensatz dazu vermag Literatur  „Ähnliches wie die Musik: das Unsagbare, Unaussprechliche, nicht zu Beschreibende wahrnehmbar machen.“

„Dabei ist Antik-Poetik kein Anti-Zauber. Sie gesteht nur ein, dass ein Autor, der über Literatur nachdenkt und spricht, kein Autor, sondern ein Leser ist.“

Und in dieser Funktion stand Juli Zeh in ihrer Poetikvorlesung. Als vorlesende Leserin.

Juli Zeh
Treideln
Frankfurter Poetikvorlesungen
Schöffling & Co
2013 · 200 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-437-8

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