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Kritik

Hysterienspiel

Hamburg

Am Ende soll alles auch noch wahr gewesen sein. Da spricht die als Autorin verkleidete Erzählerin davon, wie sie den Nukleus der kleinen Geschichte in Spiegel online gefunden hat und sich daraus erst die Idee zu einer Reportage, dann, als das nicht klappte, zu einem Roman entwickelt habe. 20 Aktenordner voll will sie mit Protokollen gefüllt haben, in denen sich die Gespräche finden, die sie mit den Akteuren des Dorfes geführt hat. Und ganz zum Schluss sitzt sie immer mal wieder im Märkischen Landmann oder trinkt einen Kaffee mit ihren Protagonisten. Sogar der immer wieder beschworene Beratungsguru Manfred Gortz, dem die Bereiterin Linda ihre Grundweisheiten verdankt, wie mit Mensch und Tier umzugehen ist, soll wirklich existieren. Und Websites zum Romanort Unterleuten, zum Vogelschutzbund Unterleuten und zum dortigen Märkischen Landmann gibt es auch.

Der Bericht über einen Landwirt, der sich in der Wasserversorgung seines Dorfes das Leben genommen habe und wochenlang dort unbemerkt gelegen habe, steht am Anfang. Ein „Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit, hochspannend wie ein Thriller“, über 600 Seiten dick, steht am Ende. Und jetzt was? Ein großes Fake, ein riesiges Desaster, geschwätzig vorgetragen.

Nun soll man Leute nicht tadeln, die in der Lage sind, einen 600 Seiten langen Roman zu schreiben. Wenigstens nicht dafür. Man soll sie auch nicht darauf verpflichten, in einem Roman Realität abzubilden. Keine Frage, ein Roman ist Fiktion. Da sollte alles erfunden, oder wie Thomas Mann selig meinte, immerhin so verarbeitet worden sein, dass es Kunst geworden ist. Es ist dann nicht mehr dasselbe.

Selbst die alten Poetiken verlangen vom Roman nicht, dass es sich so zugetragen haben muss, aber immerhin, dass es sich hätte zutragen können. Und auch und gerade dann, wenn es um Exotisches geht, von dem man dort, wo man ist, keine Ahnung hat.

Setzen wir also, dass wir von dem, was da irgendwo in Brandenburg vor sich geht, keine Ahnung haben, vor allem dann nicht, wenn man in Berlin sitzt wie der Verfasser dieser Zeilen.

Da gibt es ein Dorf, das auf den schönen sprechenden Namen „Unterleuten“ hört und das sich weitgehend von alldem rundherum abgenabelt hat. Die Geschichte spielt im Jahre 2010, wie sich einem Querverweis zur Loveparadekatastrophe in Duisburg entnehmen lässt, also vor sechs Jahren.

In diesem Dort leben die üblichen, soll heißen typischen Einheimischen, es gibt den Chef des Agrarbetriebs – Ökologica heißt er und nicht Agrar Unterleuten -, Gombrowski, bei dem die meisten arbeiten, es gibt ein Wirtshaus, und ein paar Zugezogene (Fremde halt, die nicht von dort sind). Eigentlich nur zwei Paare, ein abgehalfterter Soziologe namens Gerhard, der als Vogelschützer arbeitet, und dessen Frau Jule samt Kleinkind, und die oben genannte Bereiterin Linda samt ihrem Lebensgefährten Frederik, der als Programmierer für eine Spielebude in Berlin arbeitet. Das Dorf lebt in einem trügerischen Frieden, der seit zwanzig Jahren hält, seit einem Unfall, bei dem ein Mann von einem Baum erschlagen und ein zweiter, Krohn, immerhin so schwer verletzt wurde, dass er nicht mehr für die Ökologica arbeiten kann. Ein Stück Forst, das ihm übertragen wird, entschädigt dafür. Immerhin (auch wenn keiner weiß, wie das geht mit der Übertragung, ohne dass das kostet).

In diese Situation gerät ein Windkraftprojekt, das angeblich auf einem ausgewiesenen Eignungsgebiet auf dem Gebiet der Gemeinde entstehen soll, für das aber zusammenhängende zehn Hektar Land notwendig sind. Die fehlen der Ökologica ebenso wie dem zweiten Kandidaten, einem auswärtigen Investor namens Meiler. Beide haben nur acht Hektar, die notwendigen weiteren zwei gehören der Pferdewirtin und ihrem Freund – ohne dass sie recht davon wissen.

Das Windparkprojekt wird auf einer Gemeindeversammlung vorgestellt, und schon geht der Streit los. Denn Krohn vermutet einen Coup von Gombrowski, der Vogelschützer ist sowieso dagegen und läuft Amok, die Pferdewirtin nicht weniger (Pferdeleute sind immer gegen Windkraft, weil Pferde angeblich dauernd vor den Dingern scheuen). Der Streit geht hin und her, eskaliert und am Ende nimmt sich Gombrowski das Leben. Seine Frau hat ihn zuvor samt Hund verlassen, der Bürgermeister Arne von Gnaden Gombrowski übergibt sein Amt an eine junge Nachbarin, die sich wohl ganz gut macht, dem Vogelschützer läuft auch die Frau samt Kind weg, nachdem er seinen Nachbarn (den sie die ganze Zeit „Das Tier“ nennen) massiv verletzt hat. Linda verlässt den Ort, gerade als sie sich am Ziel wähnt (dem Umbau ihres Hauses zu einem Pferdehof). Der Windpark wird auf dem Grundstück gebaut, das dem ortsfernen Investor gehört, der das fehlende Stück Linda abgekauft hat. Der Teufel scheißt auf den immerselben, den größten Haufen. Und so weiter.

Die Initiative einer Firma namens Vento Direct GmbH aus Freudenstadt hat also desaströse Folgen für dieses kleine Soziotop irgendwo in Brandenburg, und Frau Zeh ist diejenige, die vorzeigt, wie denn, einmal in Bewegung versetzt, aus einer Idylle eine kleine gesellschaftliche Hölle wird. Sie ist offensichtlich interessiert an den Positionen ihrer Protagonisten und ihrem Verhältnis zur Welt, wie sich Beziehungen entwickeln, gerade dadurch, dass auf einmal Leute handeln. Sie schreibt ihren Roman entlang an knapp gehaltenen Stücken, die sie jeweils einzelnen Figuren zuweist. Eine Patchwork- und Cliffhanger-Technik, die sich in den vergangenen Jahren aus dem amerikanischen Krimi in die große Literatur eingeschrieben hat (deren Meister wohl der viel gescholtene Dan Brown ist) und die vor allem in den TV-Formaten der letzten anderthalb Jahrzehnte prägend geworden ist.

Jede Figur bekommt ihre eigenen Kapitel und die Erzählerin macht sich jedes Mal zur Handlangerin ihrer Figuren, bleibt sie doch keiner übergeordneten Position verhaftet, sondern rutscht mit jedem Mal in das Gesichtsfeld ihrer jeweiligen Helden. Sie ist dann immer genauso klug wie sie, hat ihre Erinnerungen und Haltungen, und blickt auf die Welt, wie sie war und ist, mit jenem Blick, hinter dem sie sich gerade jetzt verstecken kann.

Das verschafft vermeintlich Einblick in das Seelenleben und die Denkwelt jedes Einzelnen. Der ehemalige Soziologe und nunmehrige Stadtflüchter Gerhard denkt und sieht die Welt naheliegend völlig anders als Linda, die nur auf ihren Erfolg, das heißt den eigenen Hof fokussiert ist.

Gombrowskis Frau, die sich ihr Leben lang hat misshandeln lassen und glaubt von Gombrowski seit Jahrzehnten hintergangen worden zu sein, sieht das alles natürlich anders als ihre Nachbarin und Nebenbuhlerin, die sich nach dem Unfalltod ihres Manns (siehe oben) ins Haus und zu ihren Katzen geflüchtet hat. Krohn, der Gegenspieler Gombrowskis und ehemaliger Kader, hat an die DDR andere Erinnerungen als Gombrowski, der immerhin einen Betrieb zu leiten hat und sich Gedanken über dessen Zukunft macht.

Das alles könnte erhellend sein, wenn denn nicht die Erzählerin jedem, über den und aus dessen Sicht heraus sie spricht, dieselbe Stimmlage geben würde. Egal ob der vormalige Intellektuelle Gerhard oder der nach einem Unfall ein wenig einfältige Schaller – die Sprache, die sie jeweils erzählt, bleibt immer dieselbe. Das Geständnis Krohns, dass es ihm bei seinem Widerstand gegen den Windpark nur darum gegangen sei, Gombrowski eins auszuwischen, klingt mehr oder weniger genauso wie die fatale Begegnung zwischen Schaller und Gerhard, bei der sich Schaller von Gombrowski lossagt und Gerhard nur einen Paradigmenwechsel durchziehen will.

Gewollt oder nur die Nachlässigkeit einer Autorin, die in die Routine ihres, sagen wir 20. Buches den Stil nicht mehr variieren will oder kann? Oder Teil eines großen Projektes, jetzt einmal der Realität wie den Romanlesern (vielleicht auch dem Betrieb) zu zeigen, was eine Harke ist?

Wenn zweites, dann wäre es nämlich ziemlich egal, wie es mit Stil oder auch nur mit den Ausstattungen der Romanwelt aussieht. Dann würde aus Geschwätzigkeit oder Nachlässigkeit so etwas wie die Gründung einer fiktiven Welt. Aber bei der ist es ratsam, vorsichtig damit umzugehen, wenn deren Geschichte auf die reale Welt übertragen werden soll. Und es ist auch zu fragen, was denn dann an einem solchen Text noch ein „Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit“ sein soll, wenn die Inszenierung auf Elementen aufsetzt, die nicht übertragbar sind.

Beispiele? Ein paar immerhin. Da wird gegen Ende des Romans erläutert, warum denn die Bereiterin Linda so dringend einen Geländewagen, nämlich einen Frontera braucht. Damit kann sie nämlich einen Pferdehänger ziehen. Das kann man aber auch mit einem Passat, vielleicht sogar mit einem Audi A4. Dass eine Pferdefrau einen solchen Wagen fährt, mag zwar Vorteile haben, ist aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass man das eben auch von ihr erwartet (in der Wirklichkeit außerhalb des Romans). Dass das noch dringend zum Schluss mitgeteilt werden muss? Ist sicher der Sondersituation geschuldet, dass Linda gerade ihren zu Schrott gefahrenen Wagen im Straßenrand entdeckt hat.

Oder auch der Windpark. Im Leben außerhalb des Romans „Unterleuten“ hat 2010 kein vernünftiger Mensch mehr einen Windpark mit zehn 1,5 Megawattanlagen geplant, wenn er stattdessen auf derselben Fläche 10 größere Anlagen platzieren kann. Lohnte sich nämlich nicht mehr. Und in derselben Realität sind solche Projektierer, sobald Eignungsgebiete feststehen, auch nicht als erstes zur Gemeinde gelaufen, um ein solches Projekt zu realisieren, sondern zu den Grundstückseigentümern, um sich die Flächen zu sichern. Eine solche Gemeindeversammlung, bei der dann die Betreffenden zum ersten Mal von einem solchen Projekt hören, würde für die mangelnde Professionalität der Firma sprechen. Den angeblich so alerten und erfahrenen Herr Pilz wird man also nicht glauben dürfen. Davon einmal abgesehen, dass in Brandenburg 2010 keine Gemeinde so abgelegen gewesen sein dürfte, dass sie erst damals davon erfahren haben sollte, dass es so etwas wie Windkraft gibt und was es mit den Eignungsgebieten auf sich hat.

Und schließlich: Um den Zoff so richtig losgehen lassen zu können, braucht die Realität von „Unterleuten“ einen schönen Konflikt um das Windparkprojekt, und das bekommt die Autorin so hin, dass sie behauptet, dass zu seiner Realisierung zehn zusammenhängende Hektar Land notwendig sind. Wenn dann die beiden konkurrierenden Parteien jeweils achthaben und eine dazwischen die fehlenden zwei, lässt sich ein hübsches Konkurrenzspiel aufziehen.

Aber auch das hat mit der Realität jenseits des Romans nichts zu tun, wo Windenergieanlagen auf Parzellen gebaut werden, die nicht größer sein müssen als das Fundament, auf dem sie stehen. Alles andere lässt sich auf andere, benachbarte Grundstücke verteilen. Zehn Hektar als Muss? Das Geschäft, das Linda also braucht, um ihren Plan zu realisieren, indem sie Gombrowski und den Investor Meiler gegeneinander ausspielt und von beiden genau das bekommt, was sie will, wär also so nicht zu machen. Wobei, nebenbei, die Welt in „Unterleuten“, in der Baugenehmigungen – die Lindas und die der Mauer, die das Grundstück des Vogelschützers gegen den Schrottplatz von nebenan abschotten soll - vom Goodwill des Ortspotentaten abhängig sind, sollte sich schon von der Wirklichkeit, in der wir leben müssen, unterscheiden.

Das heißt ja eben nicht, dass es nicht tatsächlich Konflikte um Windparks gibt, aber die brechen zum Beispiel an den Fronten zwischen Landbesitzern und Landlosen auf, zwischen denen, die bekommen sollen und denen, die nichts abbekommen sollen. Oder an anderem, worüber sich jeder, der will, informieren kann. Warum diese Konflikte Juli Zeh nicht interessiert haben, kann man nicht wissen. Und ebenso wenig kann man wissen, ob Juli Zeh einfach schlecht informiert war, als sie ihren Roman geschrieben hat, oder ob es ihr egal war.

Bleibt immer noch die Frage nach den wichtigen Fragen. Die nach der Fragilität eines Soziotops? Vom Hotelroman wissen wir, dass sich der Makrokosmos im Mikrokosmos gut diskutieren lässt. Aber was davon passiert hier? Der Ort Unterleuten als Rekurs auf die Dominanz der alten Kanzlerrepublik? Auf die DDR? Auf eine von den staatstragenden Parteien bestimmte Republik? Passt nicht wirklich.

Dann die extreme Charakterisierung von sozialen Typen? Wer soll das sein? Der Ortspotentat, der degradierte alte Feind (Sozialismus?), der Vogelschützer, der nach einigen vom Baby durchschrieenen Nächten gleich von Folter fantasiert (da sind also die Politintellektuellen der 1970er und 1980er gelandet), die Bereiterin, die Pferd und Mensch dominiert als erfolgssüchtiger Typus, dem Menschen eigentlich egal sind? Auch das will nicht hinhaun.

Die angeblichen Fragen, die die Welt bewegen, werden einfach mal nicht gestellt. Die Geschichte, die die große in der kleinen Welt zeigen will oder auch – wahlweise – wie es auf dem Land wirklich zugeht, gerät eine schematisch ablaufende Destruktionsgeschichte, die weder plausibel noch stimmig noch – ja wirklich – wahr ist.

 

 

Juli Zeh
Unterleuten
Luchterhand Literaturverlag
2016 · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-630-87487-6

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