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Kritik

Leben und schlafen vor einem Spiegel

Hamburg

Er ist arrogant, er ist gefühlskalt, er ist faul. Trotzdem gibt es wohl kaum einen literarischen und historischen Sozialtypus der Moderne, der die Menschen noch heute so fasziniert wie er – der Dandy. Manche bezeichnen die jüngst verstorbenen Musikgiganten David Bowie und Prince als Dandys, vielleicht zu Recht. Weniger umstritten ist, dass Oscar Wilde einer war; Charles Baudelaire und Marlene Dietrich ebenfalls. In Goethes Werther und Wildes Dorian Gray ist er als literarische Figur verewigt. Was aber macht einen waschechten Dandy aus? Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach den ultimativen Kriterien bleiben selbst ausgewiesene Experten schuldig.

Sein Wissen erweitern und den Lebensstil der Décadents par excellence hautnah erleben kann man allerdings in der aktuellen Ausstellung „Am I Dandy?“, die das Schwule Museum* in Berlin in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam präsentiert. Das bei Hentrich & Hentrich erschienene „Handbuch“ zur Ausstellung macht mit seinem blauen Einband und den goldenen Lettern nicht nur optisch etwas her. In Kapiteln von A wie Aura/Autorität bis V wie Virtualität tasten sich die Autoren anhand zentraler Begriffe an das Phänomen „Dandy“ heran. Kulturhistorisches Wissen wird hier kompakt und häppchenweise vermittelt, ohne dass der wissenschaftliche Anspruch dabei auf der Strecke bleibt.

Schnell wird bei der Lektüre klar, weshalb der Dandy so schwer zu fassen ist. Das liegt zum einen daran, dass der Beau des späten 18. Jahrhunderts wohl nicht allzu viel mit den exzentrischen Vertretern des dapper look von heute gemein hat. Zum anderen lebt der Dandy seit jeher stets in Widersprüchen. Er entstammt meist der konservativen Oberschicht, unterläuft allerdings bürgerlich-aristokratische Konventionen und betrachtet den Mainstream mit ironischer Distanz. Er stilisiert sich selbst zum modischen Kunstwerk, hält aber nicht viel von tatsächlichem - nicht nur künstlerischem - Schaffen. Der Dandy muss, so Baudelaire, „leben und schlafen vor einem Spiegel“. An engen Beziehungen, insbesondere zu Frauen, ist er indessen nicht interessiert; vielmehr tritt sein ausgeprägtes sang froid an die Stelle der „Sklaverei des Begehrens“. Misogyne Tendenzen sind im Dandyismus oft nur allzu deutlich. Gleichzeitig bricht der Dandy mit den Normen männlicher Geschlechtsidentität und wird durch die Aneignung femininer Accessoires und Verhaltensweisen zu einer Person „zwischen den Geschlechtern“. Der rigorose Ausschluss aus den reinen „Männerclubs“ der Dandys hält die emanzipierte Frau der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber nicht davon ab, auf eigene Faust mit dandyhaften Lebensweisen und „unfemininer“ Kleidung zu experimentieren, und als Femme Dandy in Erscheinung  zu treten.

Das pfiffige „A bis Z des Dandytums“, dessen Beiträge in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, bietet neben solchem dandyistischem Basiswissen einen reichen Fundus an spannenden wissenswerten Kleinigkeiten. Dabei muss die Geschichte des Dandyismus und seiner Chronisten vom Leser ein wenig selbst rekonstruiert werden, tauchen doch die Namen der großen Dandys in den diversen Beiträgen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Besonders auf einen Namen stößt man immer wieder: George Bryan "Beau" Brummell (1778–1840), der Ur-Dandy, dem Jules Amédée Barbey d'Aurevilly mit seinem biographischen Essay „Du Dandysme et de Georges Brummel“ (1845) ein Denkmal gesetzt hat.

Dass der Dandy indes alles andere als ein historisches Auslaufmodell ist, beweisen vor allem die kongolesischen „Sapeurs“, deren Selbstinszenierung als Gentlemen inmitten eines von Elend geprägten Alltags auch als emanzipatorische Handlung verstanden werden kann.  Neben den Black Dandys – Miles Davis als Pionier des Cool Jazz wird auch dazugezählt – sind es nicht zuletzt die zahlreichen Blogger, die einen eigenen dandyistischen Lebensstil präsentieren. Den inszenieren sie heute online, ganz nach dem Vorbild der damaligen britischen Dandys mit ihrem Gentlemen Club und seinem Bow Window.  Auch das weibliche Pendant des Dandy 2.0, die Dandizette, macht die Dehnbarkeit des Begriffs deutlich. Ihre Vorbilder sind neben den „klassischen“ Femme Dandys wie Audrey Hepburn so unterschiedliche Prominente wie Solange Knowles, Lady Gaga und sogar Sofia Coppola’s Filmversion der Marie Antoinette.

„Am I Dandy?“ mag zwar nicht die Coffee-Table-Book-Qualitäten des 2013 erschienenen, opulenten Bandes „I am Dandy – The Return of the Elegant Gentleman“ haben, in dem Fotografin Rose Callahan und Autor Nathaniel Adams exzentrische Dandys der heutigen Zeit porträtieren. Problematisch ist das natürlich nicht, denn die verhältnismäßig kleine, aber sehr feine Auswahl an Fotografien, Gemälden, Karikaturen und Presseausschnitten im Buch zur laufenden Ausstellung soll ja nicht zu viel vorwegnehmen, sondern Lust machen, selbige dann auch zu besuchen. Damit ist den Kuratoren/Autoren mit dem Band nicht nur ein Appetizer für den Museumsbesuch, sondern vor allem auch ein kluges Nachschlagewerk fürs heimische Bücherregal gelungen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Dandyforschung den Weg weitergeht, den die Kuratoren mit ihren zitatreichen Beiträgen in „Am I Dandy?“ eingeschlagen haben. Denn bei der Annäherung an das Faszinosum „Dandy“ lohnt nicht nur ein Besuch auf diversen virtuellen Plattformen, sondern auch der Blick über den euro- und androzentrischen Tellerrand. Julia Bertschik, Michael Fürst, Elke-Vera Kotowski und Anna-Dorothea Ludewig nähern sich dem Dandy mit seiner diffusen Geschlechtsidentität ja auch von den Gender Studies und widmen sich speziell weiblichen, queeren und nicht-weißen Spielarten des Dandytums. Fazit: Man kann beklagen, dass sich der Lebenskontext der europäischen „Ur-Dandys“ nicht in das 21. Jahrhundert transportieren lässt. Oder aber man setzt sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen des bohemehaften Lebensstils der heutigen Zeit auseinander und nimmt sie als Bereicherung der Dandykultur wahr.

Ob nun auch in einem selbst ein*e Dandy schlummert, muss jede*r für sich selbst beantworten. So oder so verleitet das schmucke „Handbuch“ zu einem Besuch im Schwulen Museum*, wo die Ausstellung noch bis zum 20. November zu sehen ist. „Am I Dandy?“ ist ja nicht nur eine Anleitung, sondern auch eine Art Einladung zum extravaganten Leben. Es dürfte schwerfallen, ihr zu widerstehen.

Julia Bertschik · Michael Fürst · Elke-Vera Kotowski · Anna-Dorothea Ludewig
Am I Dandy?
Anleitung zum extravaganten Leben
deutsch, englisch
Hentrich & Hentrich
2016 · 184 Seiten, 54 Abb. · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-95565-161-9

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