Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Einer der Insassen berichtet

Hamburg

Das Nachwort Jan Kuhlbrodts behauptet (unter anderem) nachdrücklich, es sei der Gedichtband "1" von Julia Dathe als Leipzigbuch zu denken; es ließe sich, was wir da lesen, auf konkrete Veränderungen zurückbinden, die diese Stadt im Lauf von zwei Jahrzehnten erfahren hat, und obendrüber auf den sich wandelnden Blick der Autorin usw.

Die Texte lösen das nicht unbedingt ein, oder zumindest nicht, soweit es beim Uneingeweihten ankommt. Zwar ist evident, dass die Gedichte – also: die beiden längeren Zyklen, nicht unbedingt alle der einzelnen Texten – als Plot abzubildende Geschichten erzählen (will sagen: Sie könnten wohl "in Prosa" nacherzählt werden, ohne dass wir auf Begriffe aus Wahrnehmungspsychologie oder Existenzialismus rekurrieren müssten), und es haben diese Geschichten auch Schauplätze. Aber dass die alle in Leipzig liegen … steht so zumindest nirgends. Muss ja aber andererseits auch nicht, und wir können es Kuhlbrodt ruhig glauben. Wir vergeben uns nichts. Dathes Texte entfalten sich trotzdem vor ihren Hintergründen, ob wir die wiedererkennen oder nicht; bzw., siehe oben, es entfalten sich die Zyklen. Ihrer nun gibt es, abgesehen von den noch zusätzlichen ca. zwanzig Einzelgedichten, zwei: "Inner" und "Im Mai".

Die zweiundzwanzig Seiten von "Inner" bilden den Nukleus von "1", das tonangebende Stück Text: Eine Revolutionsgeschichte, Tränengas-und-Fabrikbesetzungs-Geschichte, oder sagen wir: Geschichte vom Erwachen gesellschaftlichen Denkens, die strukturiert ist von Wiederholung und Variation ihrer Leitmotive. Beispielsweise so hier:

Im ersten Gedicht der Folge steht:

(…)
über den Tag hinein in die Nacht
singt ein Vo-, singt ein Vo-

Treffen Augenkontakt, Berührung, Laut auf die Atmosphäre,
alarmieren Überwachungsgeräte.

Wir biegen flüsternd das Gras
sei leis Liebs!

Und dann, zwei Seiten später, wird das wiederaufgenommen:

(…) wuchs der Mensch hoch
hier sah er alles und ich
sah dich mit Sonne.

Und du
Liebs, sei leis
und leis.

Singen, bald wird ein Vo-
Tirilieren!

Ein abgeschnittener Re-Vo-lutions-Vo-gel also, und ein "leiser Liebster" … dieses zweite Bild in Anbetracht der Strassenschlacht-Romantik, mit der der Zyklus dann noch aufwarten wird, eine schöne äh Metapher erst für List bzw. listig-halböffentliche Lust im hohen Grase, die aber den biedermeierlichen Rückzug ihrer Subjekte schon in sich trägt … Unter den weiteren Leitmotiven, die dann im Verlauf von "Inner" noch kommen, stechen (mir) hervor: Diverse Andeutungen von Übervaterei, immer nur im Vexierbild; dann das "@men" – also: die selbsterfüllte Prophezeiung, das computerisierte Amen-Omen – und die Wendung "Einsame Herzen sind geniale Dämonen" – was ich persönlich für schlagermässig kitschig halte, und es wenig hilfreich finde, wenn der Text das zu wissen scheint und mir den Kitsch durchaus trotzdem andrehen will; aber ohne die Wendung funktioniert das Finale von "Inner" nicht … in dem übrigens, und zwar wir ein Vo-Gelgesang, auch der "Leis lieb"-Sound wiederkehrt … Und zwischen diesem Ende und jenem Anfang steht ziemlich viel Knallbumm und Erdung im Geschehen, und das ist gut so.

Mir muss beim Lesen von "Inner" nicht an jeder Stelle einleuchten, warum Dathe für gerade diesen Stoff von allen stilistischen Rahmen gerade diesen wählt – an Naturlyrik geschulte freie Verse, freie Gliederung; Rhythmik wenn, dann nur unaufdringlich, über die Bande einer vorstellbaren Alltagssprache –, aber die Spannung zwischen Mittel und Zweck wird mir produktiv.

Anders verhält es sich mit "Im Mai". Hier ist die Form ungleich strenger gegliedert, und die Handlung schwerer greifbar, oder sagen wir, sie ist "persönlicher". Auf das vierzeilige Motto –

Du
bei irgendeiner Emotionshandlung
Du hack' mir den Kopf ab
Du schlitz' mir den Bauch auf!

– folgen einunddreissig nummerierte und auf unterschiedlich lange Gedichte verteilte Vierzeilerstrophen; wir nehmen an, den einundreissig Tagen des titelgebenden Monats entsprechend; ein Journal also; das Journal einer Art Liebesgeschichte, von der ich mich nicht entscheiden kann: Soll ich das brutale Zeug im Sinn von zwar drastischen Metaphern, aber immerhin nur Metaphern für "Inneres" lesen (das, was "rundeherum" verhandelt wird, der narrative Aufbau und der landschaftlicher Fokus würden diese Lesart nahlegen), oder liegen realiter Stalking und Gewalttat vor (ich glaubs nicht, aber der Zyklus ist geht ein wenig gar zu sorglos mit der Möglichkeit um).

Oder überlese ich da was? Irgendeine ganz bestimmte, blutige, politisch konnotierte Mai-Geschichte, zu weit weg von meinem Bewusstsein, um die Marker eindeutig zuzuordnen? – Wir notieren uns als kritikwürdiges Detail an "1", dass über sowas Grosses wie diese Frage unaufgelöste Unklarheit bestehen bleiben kann.

Und die einzelnen Texte in "1", die weder zu "Inner" noch zu "Im Mai" gehören? – Eher so Impressionstexte, manche eh ok, aber … Der gute Grund, sich "1" zu Gemüte zu führen, ist eindeutig "Inner"; ist der Sound von Dathes Umgang mit der längeren lyrischen Form; Leitmotiv hier, nutzbar gemachtes und verfremdetes Alltagszeug da, langer Atem dazwischen. Viereinhalb von fünf Molotovcocktails!

Julia Dathe
Eins
Nachwort: Jan Kuhlbrodt
Elif Verlag
2017 · 68 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-01-1

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