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Kritik

Ein Chat über Grenzen hinweg

Hamburg

Das Sprechen über Flüchtlinge in Europa findet meistens in Zahlen statt. Eine Million hier, eine andere Million da. Dann ist die Rede von Kapazitäten und von Gesetzen. Bekommt der „Flüchtling“ ein Gesicht, ist er entweder ein totes Kind, das über Medien und soziale Medien Schockwellen aus dem Mittelmeer verbreitet oder es ist der „arabische Mann“, über den man sich nach der Kölner Silvesternacht Gedanken zu machen hat. Keine dieser Figuren nimmt sich der Realität der Flucht an. Keine dieser Gedankengänge nähert sich auch nur der schrecklichen Banalität der Flucht, bei der, so simpel das klingt, auch einfach mal der Akku leer geht.

Julia Tieke, die für das Deutschlandradio arbeitet, lernt bei einem Aufenthalt in der Türkei den Aktivisten Faiz kennen. Faiz war in Syrien als Medienaktivist aktiv. Er unterhielt mit anderen Aktivisten nach dem Rückzug des Regimes ein Zentrum für Zivilgesellschaft und er dokumentierte aktiv staatliche Repressionen und Proteste. Weil er eine Radiostation betrieb und zivilpolitisch aktiv war, wurde der Islamische Staat auf ihn aufmerksam. Als die Kontrolle der Region den Extremisten zufiel, musste er aus seiner Heimatstadt Manbidsch flüchten. Zunächst landet er in der Türkei, trifft dort auf Tieke, die gemeinsame Freunde mit ihm hat. Die Türkei bietet ihm keine Perspektive, keine Arbeit und keine Hoffnung. Er entschließt sich auf dem beschwerlichen Landweg die Flucht nach Deutschland anzutreten. Auf der Flucht entspinnt sich ein Chat zwischen den beiden Radiomachern Tieke und Faiz.

Das Gespräch zwischen den beiden ist, dem Medium geschuldet, in kurze Sätze gepackt. Die Dynamik ihres Chats schwankt zwischen Aufmunterung, Verzweiflung und Humor. So schreibt Julia Tieke am 05. Oktober 2014: „Guten Morgen. Ich hoffe du konntest ohne Mücken schlafen.“ Was soll man jemandem sagen, der gerade auf einer unmenschlichen Reise durch die Wälder des Balkans ist? Der jederzeit von der Polizei aufgegriffen werden kann? Das wissen weder Julia noch Faiz, aber sie behaupten auch nicht, dass sie das wüssten. Sie bestärken sich konstant gegenseitig in ihrer Haltung, in ihrem Menschsein. Weder der eine noch der andere muss sich entschuldigen, darf sich entschuldigen. Sie versuchen so etwas wie Normalität aufzubauen, gegenseitiges Verständnis, doch auch das kennt seine Grenzen. Faiz schickt ein Bild seiner Hütte, sagt, sie spende ihm mehr Trost als alle Worte. Das ist seine Normalität, das ist sein Erleben auf der Flucht und er braucht genau dafür Verständnis und die Anerkennung eines Gegenübers. Es geht nicht um Likes, es geht nicht um Stolz, aber es geht um das menschliche Grundbedürfnis verstanden zu werden. Auf der Flucht wohl mehr denn je. Dazu gehören auch die Versprechen auf ein gemeinsames Essen, wenn Faiz in Deutschland ist und Einladungen zum Opferfest. Dazu gehört auch, dass Julia Tieke von einem Theaterbesuch erzählt. Faiz, der Englische Literatur studierte, kommentiert das mit einem „toll“ - und der textbasierte Chat lässt offen, ob das ein ehrliches oder ein neidisches toll war. Julia Tieke zieht jedenfalls zurück und entschuldigt sich. Ihre Normalität, ihr Alltag, ist eben nicht der Alltag eines Flüchtlings und darf in diesen Chats nicht zu sehr präsent sein. So ist der Austausch zwischen den beiden auf ein fragiles Übereinkommen gestützt: die in Chatpartnerin in Deutschland bietet Anerkennung und Hilfe, sie bietet Information und digitale Nähe, aber sie darf ihren eigenen, privilegierten Alltag nicht zu sehr durchscheinen lassen. Dann kippt das Gleichgewicht und die Flucht entblößt ihre schreckliche Fratze.

Das E-Book ist mit Bildern aus der Reise gespickt. Die Handyschnappschüsse geben einen Blick in die Realität der Flucht, den kein Text und keine Erzählung schaffen. Es sind die kleinen, banalen Momente, die hier durchscheinen: Faiz landet in einem Mazedonischen Dorf, sein Akku ist bald leer, aber hier finden er und die anderen Flüchtenden endlich Strom. Ein ganzer Haufen von Steckerleisten ist voller Ladekabel, die die hungrigen Mobiltelefone befüttern. Die Kommunikation über elektronische Geräte und das Internet ist es, was die Flucht im 21. Jahrhundert so besonders macht. Die Informationen, die die Flüchtenden über Facebooks Geolokalisierung freigeben, zeigen öffentlich, wo sie sich gerade befinden. Die Smartphones sind eine Möglichkeit sich über Fluchtrouten auszutauschen. Doch alles hängt vom Ladekabel ab, denn wenn der Akku leer ist, gibt es auch keine Informationen mehr.

Auch wenn Faiz gewarnt wurde: er geht der serbischen Polizei in die Fänge. Ganze zwei Mal muss er ins Gefängnis. Dass er schlecht behandelt wird bejaht er. Sehr schlecht behandelt sogar. Überall die gleichen furchtbaren Gesetze in der EU, heißt es an einer Stelle. Das klingt wieder so abstrakt. Das klingt wieder nach Millionen hier, Millionen da, Kapazitäten und Grenzen. Flüchtende sind aber nicht nur Objekte, die durch die immer weniger durchlässigen Grenzen Europas diffundieren. Sie erinnern uns auch daran, dass Europa ein Kontinent ist, eine Landmasse, die man zu Fuß durchqueren kann. Während die EU-Bürger sich frei bewegen dürfen, sind die Flüchtenden entrechtet. Wie Viehherden werden sie zurück hinter eine Grenze getrieben, die sie illegal überschritten haben. Was die letzte Konsequenz wäre? Faiz ist irgendwann so verzweifelt, dass er von Selbstmord spricht. Zurück nach Syrien zu gehen, das hätte die gleiche Konsequenz: den Tod. Das Regime des Islamischen Staats würde ihn in seiner ehemaligen Heimat enthaupten. Zurück in die Türkei gehen bringt auch keine Perspektive. Er ist gefangen im Nirgendwo eines Europa, das sich als rechtschaffener Kontinent voller Rechtsstaaten sieht. Die Geschichte von Faiz zeigt die Realität einer Flucht, die durch Zahlen und Kapazitäten und Gesetze nicht ausgedrückt wird. Es sind die simplen Eindrücke und eine mitfühlende, zuweilen überforderte Julia Tieke, die die Dringlichkeit einer besseren Asylgesetzgebung zeigt. Faiz ist weder eine Zahl, noch „der arabische Mann“, denn beides sind europäische Phantasmen. Die Realität seiner Flucht zeigt dieser Chat.

 

Julia Tieke · Faiz
Mein Akku ist gleich leer
mit 8 Fotos, aufgenommen auf der Flucht, sowie einem Interview mit Julia Tieke und einem Text von Faiz
mikrotext
2016 · 60 Seiten
ISBN:
978-3-944543-31-4

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