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Kritik

Unerhörte Stundengebete

Hamburg

Die wahre Liebe ist die unerfüllte Liebe. Sie ist fruchtbar, sie ist kreativ, sie hat ein offenes Ende, ihr fehlt das Banale, sie löst aus dem bangen Herzen Ströme von Worten und Bildern. Ein großer Liebender der Literatur ist Petrarca. Wir kennen das Ziel seiner Sehnsucht: Laura. Julian Schuttings Sehnsucht hat keinen Namen. Sie scheint auch nicht verheiratet zu sein wie Laura. Sie hat zwei große Kinder und führt ein Leben mit vielen Reisen. In einem Auto, das der Dichter den „blauen Fisch“ nennt. Der blaue Fisch ist so eine Art toter Briefkasten. Unter seine Scheibenwischer steckt der Dichter Briefchen, Zweiglein, frische Blätter, welke Blätter – beziehungsreiche Zeichen auf gemeinsames Erleben, Wanderungen, Konzertbesuche, Gespräche.

Julian Schuttings Laura ist ein Du ohne Namen. Sie wohnte unlängst neben ihm in Wien, nur von einer Feuermauer getrennt, in ihrer Abwesenheit pflegt er ihre Rosen. Er registriert von seiner Dachkammer, Dichterklause den Schein ihrer Leselampe, sie winkt ihm einen GuteNachtGruß zu. Zwischendurch schreibt er, spricht im Rundfunk einen Beitrag, geht seine „Naturerfordernisse“ bei Professionellen erledigen um sich dann wieder im Rhythmus des Aveläutens des benachbarten Klosters sich dem Stundengebet der Liebe hinzugeben.

Julian Schutting lässt sich Zeit. Und der Leser braucht Zeit sich dieses Liebesbrevier anzueignen. Denn es passiert nichts. Außer, dass die Liebe des Dichters wegzieht aus seiner Nachbarschaft. Sie entzieht sich. Er besucht sie in der neuen Wohnung, zählt die Schritte, die sie nun trennen. Registriert mit Schaudern wie die Wohnung nebenan demontiert wird. Die Erinnerungen abgetragen, entmaterialisiert. Er beginnt sich mit seinem Tod zu beschäftigen, die letzten Geschäfte zu regeln. Und immer wieder der Blick hinüber, wo Bauarbeiter die Aura zerstören, den Tempel der gemeinsamen – Gesprächsstunden.

Schutting hat sein Brevier, wie es im Text selbst genannt wird, wie eine Art Tagebuch geführt, über sechs Jahre. Es gibt Rituale, zu Weihnachten, von dem Fest gesteht sie ihm zwei Stündchen am Nachmittag zu. Ein Weihnachtsstern wird überreicht, ein Glas Rotwein getrunken, dann zieht sich der Dichter zurück, heim in seine Dachkammer zu Gabriele Adler-Trumpf, sich von ihr „trösten“ zu lassen. Seine Erinnerungen zu pflegen, an die Wanderungen, die Unterhaltungen, die flüchtigen Wangenküsse und immer wieder im Jahreskreis. „Verbal inkontinent“ und „emotional inkontinent“ beschreibt er sich selbst, dabei Worte seiner Liebe umnutzend, ihr Blick auf ihn, wie der Dichter sich ihn, den Blick, vorstellt.

Nach dem Auszug der Liebe und dem damit verbundenen Entziehen der Liebe, der die zerstörte Aura der ehemaligen Wohnung nichts ausmacht, während er sich, als ein prächtiger Baum hinter ihrem Haus gefällt wird, sich geköpft fühlt, leidet er an diesem Liebesentzug. Er versucht sich unabhängig zu machen, nimmt nicht ab, wenn sie anruft. Schaut aber immer hin zum Telefon.

Ein feiner Humor liegt stets darunter. Als die offensichtlich deutlich Jüngere einmal auf sein Alter anspielt (er hat Schuttings Alter, Mitte 70) bezeichnet er bei einem Begrüßungsspruch nach einer ihrer langen Reisen auf ihrem Anrufbeantworter sich kokett als „Altausseher“. Damit andeutend, dass er vielleicht alt aussieht, es aber nicht ist.

Das Du, die Liebe bleibt verschwommen, was sie auf ihren vielen Reisen tut, wie ihre anderen, teils gemeinsamen Freunde sind, bleibt unbekannt. Für den Liebenden zählen die gemeinsamen Stunden, auch der Blick der Freunde auf sie, sind sie nun ein Liebespaar oder nicht. Und dass ihre Lieblingsfarbe blau ist, was ihr natürlich auch steht. Und so erinnert alles Blaue an sie. Und natürlich ist der Mond „unser Mond“.

Und indem er an ihrer Entfernung leidet, schafft er sich die Möglichkeit von Glück, durch einen unerwarteten einminütigen Anruf aus Sapporo von ihr etwa.

„Kann ich denn nur mit mir allein mit ihr glücklich sein?“

Man ist versucht, sich in das Du hineinzuversetzen, das die vielen Zeichen des liebenden Dichters vorfindet. Sein grünes Platanenblatt gemeinsam mit einem gelben Ahornblatt, ach ja, die Anspielung auf den Altersunterschied. Wenn das Du seine Nummer wählt und er schnell abnimmt, als stünde er den ganzen Tag neben dem Telefon und warte auf ihren Anruf. Wie er im vollbesetzten Bus hinter ihr stehend in „halber Umarmung“ das Geruckel und Gezuckel genießt, an sie gedrückt zu werden und ihr in den Nacken atmet. Sie kann sich auf ihn verlassen, er hat sich im Griff. Ist es nicht ein Glück, so geliebt zu werden? Warum zieht sie weg? Ist die Anbetung ihr doch zu viel geworden? Der immergrüne Buchsbaum hinter dem Scheibenwischer als Zeichen: meine Liebe bleibt immer frisch.

Nein, das Du bleibst nicht umsonst namenlos, es geht uns nichts an. Nur der Liebe des Dichters, dürfen wir zuschauen, wie er liebt. Wie er an einer Böschung einen Blumen- und Gräserstrauß „komponiert“, wobei die zarten Wicken schon beim Pflücken welken oder der wilde Mohn: „im Pflücken wilden Mohns deiner Zuneigung verlustig geraten wie du deiner Adresse…“ Uns geht es nichts an, warum sie weggezogen ist.

„Wenn du bisweilen in einsamen Stunden mich
zurückzulieben erwögest (was aber vergebliche Liebes-
müh wäre, oder wäre aus nichtliebenden Herzen
willentlich Liebe hervorzubringen?) müsstest du mir
das vorenthalten, es sei denn, es läge dir (was dir aber
fernzuliegen hätte) an der Weckung alsbald zurück-
gewiesener Erwartungen in nicht vorhandene Gefühle.“

Dieser Konjunktiv der Liebe bewegt sich an der Grenze zur Nichtlesbarkeit. Schutting ist nicht einfach zu lesen, man glaubt, dass er sich gelegentlich im Grammatikgarten verirrt hat, hat er natürlich nicht. So liest man dieses Buch in Schlingen und Schlaufen, um sich zu vergewissern, vielleicht in solchen Schlingen und Schlaufen, in denen es geschrieben wurde, ganz bestimmt aber so, wie diese Liebe sich bewegt.

Für Laura wurde eine Platte in den Gehweg gesenkt: „Hier sah Petrarca seine Laura zum ersten Mal“. Der „spätere Dichter“ erschrickt, erinnert er sich doch nicht, wo er seine Liebe erstmals gesehen hatte. Die Telefonzelle, von der aus er sie erstmals anrief,  ist verschwunden.

Julian Schutting
Die Liebe eines Dichters
Jung und Jung
2012 · 316 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-990270264

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