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„Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die uns die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte.“
Hamburg

Justyna Bargielska ist in Polen längst keine Unbekannte mehr. Die 1977 geborene Autorin publizierte bereits mehrere Lyrikbände, 2010 erschien ihr Prosadebüt „Obsoletki“, dessen Titel aus der medizinischen Bezeichnung für einen „verhaltenen Abort“ (graviditas obsoleta) eine Personifizierung kreiert. Auch ihre 2013 erschienene Erzählung „Małe lisy” – „Kleine Füchse“ – knüpft in mancherlei Hinsicht an diese programmatisch zu verstehende Wortschöpfung an, die über den medizinischen Bezug hinausreicht. „Kleine Füchse“ entwirft – um es so einfach wie möglich auszudrücken – eine Welt aus der Perspektive von Frauen; mit etwaigen Genre-Etiketten (feministische Popliteratur ….?) wäre jedoch wenig geholfen, sie könnten suggerieren, das Griffige sei Erklärung genug.

Interessant ist es zu sehen, dass die „Kleinen Füchse“ im Portal „lubimyczytać.pl“, einem ebenso populären wie sorgfältig geführten Forum, scharf polarisierte Reaktionen auslöste. Die Einschätzungen reichen von heller Begeisterung bis zu rigoroser Ablehnung, und was den einen als Ausdruck der Kunstfertigkeit gilt (ein wunderbar arrangierter Text, in dem Poesie und Alltag einander durchdringen), ist den anderen ein Ärgernis (ein Sammelsurium von Belanglosigkeiten). Diese Spannbreite darf vielleicht als Beweis genommen werden für den sperrigen Charakter des Textes.

Contingentia, so belehrt uns das Wörterbuch, bedeutet „Möglichkeit, Zufall“, und im philosophischen Sinne bezeichnet „Kontingenz“ die Nicht-Notwendigkeit potenzieller Ereignisse – im Gegensatz zur Annahme eines von höherer Warte aus geordneten Weltgeschehens. Die „Kleinen Füchse“ führen den Leser in eine solche Topographie der Möglichkeiten und Zufälle, in der die Frage, wo das alles enden, was das „eigentlich“ besagen solle, als foppendes Echo der Ratlosigkeit verhallt.

Was tun wir, wenn die Wirklichkeit uns Aufgaben stellt, die wir nicht lösen können? Wir schauen in Büchern nach … Die Ich-Erzählerin, „Laborforscherin und Stiftungsvolontärin“, sitzt zu Beginn der Erzählung lesend im Bus und macht sich Gedanken über die zwiespältige Wirkung der Lektüre, die sie an sich beobachtet hat: „Wenn ich irgendwas Kontroverses lese, muss ich (…) meinen Zustand zunehmend als psychosomatisch bezeichnen.“ Das Einzige, was dann hilft, ist ein Griff in jenes Regal, auf dem die Bücher stehen, die gut ausgehen. Darwin zum Beispiel.

Die Fäden der Handlung rekonstruieren zu wollen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Stringenz!, hätte mancher Lektor, dem die Programmvorgaben eines Publikumsverlages vor Augen stehen, an mehr als einer Stelle an den Rand geschrieben, und die Irritationen, die das Buch hervorrief, hatten ihre Ursache vermutlich in dieser Weigerung, eine Hierarchie zu konstruieren. Haupt- und Nebenwege sind nicht zu unterscheiden, weil alles im Grunde ein einziger, fortwährend sich verzweigender Abweg ist.

Eben damit scheinen die „Kleinen Füchse“ einen Nerv zu treffen, denn die Wirklichkeit, in die wir verstrickt sind, ist ein „Sammelsurium“, in dem sich die letzten Fragen geradezu heillos mit den Belangen des Alltags vermengen. Und wenn wir bemüht sind, wenigstens für Momente das eine vom anderen zu trennen, und sei es in privaten Einsichten, die wir keineswegs als verbindlich für die Menschheit ansehen wollten, wirft uns die Nachbarin, die uns eine Aufzugfahrt lang Gesellschaft leistet mit einer ihrer wirren Geschichten von Toten und Engeln, alles über den Haufen.

Erinnerungen, die der Gegenwart mehr in die Quere kommen, als dass sie sie bereichern würden; die Sehnsucht nach Orten, an denen wir wiederzufinden hoffen, was wir über das diffuse Gefühl eines Verlustes hinaus präziser kaum benennen könnten; aufreibende Tage mit Kindern und Berufspflichten; Erlebniskindergeburtstage nach Katalog-Angebot; Besuche im Fitness-Center; Gespräche mit der besten Freundin; Albernheiten mit der besten Freundin – in dem Bedürfnis, Ordnung in diese Entropie zu bringen, mit anderen Worten: Sinn zu stiften, arbeiten wir uns an den ältesten Fragen ab. Gibt es, wie Demokrit gesagt hatte, nur Atome und leeren Raum, und alles andere sei Meinung – oder ist, was wir vor uns sehen, die so genannte Welt, Ausdruck eines ihr zu Grunde liegenden, ihr innewohnenden Plans?  

Die Spaziergänge mit dem Hund im nahe gelegenen Stadtwald bieten der Erzählerin einen Fluchtraum der Phantasien. In dieser Peripherie, halb Wildnis, halb Freizeitareal für Naherholung, begegnet sie dem „Gangster“ Stulle, der zur  Projektionsfläche des „ganz Anderen“ wird. Stulle hat sich eine provisorische Bleibe errichtet im Dickicht, lebt abseits der Regeln und Konventionen, terrorisiert die Anwohner mit brutalen Raubüberfällen. In der Aura des Outlaws gerät er der Erzählerin zum Faszinosum. Der „Gangster aus dem Wald“ ist der Impuls, der die Erzählung in Gang bringt, mit Stulles Lied (das sinnlos sein mag oder dadaistisch) klingen die „Kleinen Füchse“ aus.

Die Erzählweise, für die sich Justyna Bargielska entschieden hat, besitzt ohne Frage ein hohes Potential, sie ist aber auch nicht unproblematisch. Dem Text gelingen überraschende Pointen, und die unermüdlich mäandrierende Rede vermittelt die Quintessenz jeglicher Versuche, Klarheit zu gewinnen über die eigene Lage. Es sind nicht die Momente mit bequemer Kleidung, Isomatte und innig gehauchter Anleitung zum Ein- und Ausatmen, die unser Leben bestimmen, sondern das Gefühl des Unbegriffenen, das wir mit unserer Emsigkeit im Alltäglichen zwar beiseite schieben, niemals aber zum Verschwinden bringen können. Zugleich ist dieser Knoten auch ein Trost – wo sonst, wenn nicht im Alltag, fände unser Existieren seine Ausdrucksform?

Das Kuriosum, teilnehmen zu müssen am Leben, auch ohne es verstanden zu haben, halten die „Kleinen Füchse“ in Bildern und Episoden fest, die dem bleiernen Tiefsinn durch zahllose Brechungen vorbeugen. Doch läuft der Text mitunter auch Gefahr, sich in der Eigendynamik des Absurden zu verlieren, die er zwangsläufig in Gang setzt mit seiner Beharrlichkeit. Die Balancierstange, die die Erzählung über diese Fährnisse hinweg im Lot hält, ist die Sprache. Hier gebührt der Übersetzerin Lisa Palmes ein großes Lob. Die tückischen Leichtigkeiten des Polnischen, zumal in den Tonlagen der Umgangssprache, hat sie mit feinem Gespür wiedergegeben. Als Beispiel gelungener Einfühlung darf auch der Spitzname des Gangsters dienen. Das polnische Wort „pajda“ besitzt im Deutschen keine Entsprechung. Es bezeichnet – im Unterschied zu einer gewöhnlichen „Scheibe Brot“ („kromka“) – eine „große (dick geschnittene) Scheibe (Bauern)brot“. „Stulle“ trifft ins Schwarze.

„Pajda“ mit seinem Unterschlupf im Wald ist übrigens eine authentische Figur. Zusammen mit seinem Komplizen „Rekin“ („Hai“) wurde er im Mai 2009 in Warschau festgenommen. Ein detaillierter Bericht über das Treiben der beiden Ganoven ist auf der Homepage der Warschauer Polizei nachzulesen.

So fassbar dieses Detail ist, verbunden mit allem Lokalkolorit, das sich darum rankt, so rätselhaft stellt sich wiederum der Titel des Buches dar. Eine Notiz auf dem Umschlag verrät dessen Quelle:  „Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die uns die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte.“ Der Vers stammt aus dem „Hohelied“ (2, 15), und versucht man nun, in der Hoffnung auf Zufallstreffer, Sinn herbeizurufen, stellt sich eine ganze Palette von Möglichkeiten ein – von dem bitterbösen Familiendrama „The Little Foxes“ von 1941 bis zu einer Auslegung des besagten Verses auf www.bibelstudium.de

Eben davon handelt dieses in seiner Eigenwilligkeit inspirierend-irritierende Buch. Von einer Vielfalt, die es uns überlässt, sie unter tragischen oder komischen Vorzeichen zu lesen. Mit anderen Worten: von einer Wirklichkeit, in der wir ohne den Versuch sie zu deuten, nicht existieren können. 

Justyna Bargielska
Kleine Füchse
Klak Verlag
134 Seiten · 12,90 Euro
ISBN:
978-3-943767-35-3

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