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Kritik

Gehwegjogger als Weltmodell

Direkte politische Lyrik gilt mitunter als verpönt – das ist nicht ganz unbegründet. Viel Plattes und Plakatives hat der Social Beat hervorgebracht, und bis heute gibt es Autoren, deren Politlyrik vor allem in Verse gebrochene Meinungsprosa ist. Da kann man zustimmend nicken oder verständnislos den Kopf schütteln und das war es dann. Inhaltliche oder sprachliche Originalität sucht man meist vergeblich. Dabei gibt es heute eine Fülle an wirklich überzeugender Politlyrik. Tom Schulz hat das gezeigt in seiner Anthologie „alles außer Tiernahrung“, weitere vielfältige Beispiele hat jüngst Anton G. Leitner in „Gedichte für Zeitgenossen“ vorgelegt. Nun kommt mit „da kapo und CS-Gas“ ein Band von Pohl und Schittko, der das Plakative und Direkte augenzwinkernd und doppelbödig verarbeitet, mit Wortspielen soziale Missstände ergründet und Klischees der Lyrikszene bissig und angriffslustig seziert.

2010 gewann Clemens Schittko den „lauter niemand preis für politische lyrik“; Pohl veröffentlichte seinen Band „Fahrkarte zur Revolution“ bei SuKulTuR, eine weitere Gedichtsammlung in Enno Stahls KRASH-Edition; Schittko sagt offen, dass er sich nicht als „Lyriker“ versteht, weil ihm das zu abgehoben ist – diese Zuneigung zum Underground, diese klare Abgrenzung zu elitärem Anruch, der in der Szene grassiert, macht die beiden furchtbar sympathisch. Sie zelebrieren mitunter das Sich-selbst-nicht-so-todernst-nehmen und thematisieren die Distanz zum offiziellen Literaturbetrieb (was auch immer das eigentlich ist…) immer wieder in ihren Gedichten.

Das soziale Bewusstsein kommt ja nicht von Ungefähr. Er habe als „Fensterputzer und Lektor“ gearbeitet, schreibt Schittko in seiner Vita, das ist für Lyriker nicht untypisch, man schlägt sich halt so durch, aber es steht eben nicht jeder dazu. Punk findet sich in diesen Gedichten und auch Cut-Up, etwa wenn Schittko ein Gedicht aus den Parolen von Parteien und Lobbygruppen, Linken wie Rechten, montiert, wobei das Plakative ins Absurde abdriftet, je tiefer man eindringt in die Welt der Phrasen, in die Verlogenheit und Bauernfängerei, die mit den Sehnsüchten der Menschen spielt, um wieder vergessen zu werden, sobald die Wahl / Demo / Gremiensitzung / Talkshow  zu Ende ist.

In seinem „Nulpen-Tango“ bläst Pohl all den Weltverdruss gegen die Systemrelevanz nach draußen, eine herrliche Wutbürgertirade, die direkt ein wundervolles neues Schimpfwort für eine der unzähligen gesellschaftlichen Randgruppen einführt: „Gehwegjogger“; im „Weltmodell“ wird die „freiheit“ zur „anpassungsleistung“ und entlarvt das Neusprech (was gar nicht nötig wäre, wenn Orwell wieder gelesen würde, denn wir leben mitten in seiner Dystopie). Zugleich verarbeitet Schittko die Ausschreibungsmodalitäten eines Literaturwettbewerbs zum Gedicht, verballhornt das „schöne Deutschland“ und nimmt in „Also doch“ gnadenlos die Entwicklung vom „Stabilisierungseinsatz“ über die kriegsähnliche Auseinandersetzung“ bis zum „Krieg“ auseinander und schließt: „Dies ist (umgangssprachlich) kein Krieg, / sondern ein Gedicht / (poetisch angemessen, lyrisch nicht)“ – schöner kann man die Vorbehalte gegen politische Aussagen in Gedichten und zugleich die bodenlose Verblödung des täglichen medialen Politsprechs nicht demontieren.

Im „Himmel über Kandinsky“ beobachtet Kai Pohl die traurige Leere der Shoppingseele, in einem anderen schwärmt er von einer „Italienerin mit grüner Jacke“ – ja, man darf das, ganz einfach mal in einem Gedicht von einer Frau schwärmen und sagen, was alles völlig daneben ist in der Welt, wenn es der Dichter nicht tut, wer soll es denn sonst noch tun? Ein Zitat von Franz Hodjak bringt es bei Pohl auf den Punkt: „Vergeblich ist bloß, was man zu tun unterlässt“. Richtig! In diesem Sinne: Weiter so!

Kai Pohl · Clemens Schittko
da kapo mit CS-Gas
Illustrationen: Petrus Akkordeon
Fixpoetry Verlag bei Horlemann
2011 · 62 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-942890045

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