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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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Kritik

Solanum nigrum antichoc

Gedichte und Cut-ups von Kai Pohl aus dreizehn Jahren
Hamburg

43 Texte aus dreizehn Jahren, davon 29 Gedichte und 14 Cut-ups, enthält Solanum nigrum antichoc, das neue Buch von Kai Pohl, das in der Reihe Moloko Print des 1996 als Musiklabel gegründeten Verlags Moloko + erschienen ist, mit Graphiken des Autors. „Solanum nigrum“ ist die lateinische Bezeichnung des Schwarzen Nachtschattens, eines häufig als Giftplanze kategorisierten Gewächses, das zuweilen aber, außerhalb Europas, als Gemüse genutzt wird.

Die Abmischung der Texte ist besonders; es sind politische Gedichte, mit der Betonung auf „Gedichte“, d. h. sie stehen auf der Seite der Komplexität und des gewitzten Kalküls, sind keine platten Spruch-Bekenntnis-Sachen. Solcherart eins zu eins notierte Empörung ist sofort kalt, wirkt routiniert und beliebig, zieht Staub an, ist uninteressant und irrelevant, wo sie interessant und relevant zu sein vorgibt.
Pohl hat seine Gesellschaftskritik klug transformiert und in die Texte hineingefriemelt, sie so eng in die Sprache eingepasst, dass der Leser gar nicht scharf auseinander halten kann, wo da die Grenze verlaufen könnte zwischen dem Politischen und dem Poetischen.

Drei der Gedichte („der anfang soll anfangen“, „Lassies Moor“, „Was ich trinke“) und drei der Cut-ups („Auf dieser Welteninsel“, „am abhang“, „Rondo à la Terror“) gehen von jeweils einem Grundeinfall aus und entwickeln ihn.
Die 14 x 4 Kurzzeilenverse von „der anfang soll anfangen“ folgen alle der Formel: Artikel + Substantiv + Modalverb + Verb. Das modale „soll“ verlangt eine Verbergänzung, das Substantiv verlangt einen Artikel. Das Verb wird vom jeweiligen Substantiv bestimmt, von dem es sich ableitet, und von dem es nur durch die Verb-Endung -en und seine Position/Funktion unterschieden ist.
Diese strenge Konstruktion ergibt ein flüssiges Tempo und motiviert Verse surrealer Gedankenbildlichkeit: „das tau soll tauen“, „der rasen soll rasen“. Das autopoetisch lesbare: „das weiche soll weichen / der abfall soll abfallen“ wird vom Gedicht überzeugend eingelöst. 
Pohl fügt ein paar wenige Irregularitäten ein (hand - handeln, zunge - züngeln, ente - entern) und verwendet im vorletzten Vers ein reflexives Verb, das, retardierend, den Schluss vorbereitet, der die Bau-Formel klug variiert.

In „Lassies Moor“, dem Baukonzern HOCHTIEF und Katharina und Ludwig Mies van der Rohe gewidmet, gibt Pohl mehr Leine. Es ist ein Gedicht um semantische Relationen, speziell jene der (graduellen) Antonymie. Die Widmung an HOCHTIEF deutet diese Thematik bereits an: „hoch“ und „tief“ stehen in einer Gegensatzbeziehung zueinander; der Gegensatz ist aber nicht absolut, sondern kennt Abstufungen; dies ermöglicht die Steigerung der zueinander antonymischen Adjektive, was sich Pohl in seinem Gedicht zunutze macht. Mies van der Rohe passt insofern ins Bild, als er das Motto „less is more“ ausgab, „weniger ist mehr“.
Die 36 Strophen zu je vier Versen von „Lassies Moor“ spielen alle möglichen Gegensätzlichkeiten durch. Das ist alles andere als ermüdend, wie überhaupt Solanum nigrum antichoc als spannende Gedichtveröffentlichung gelten kann (wenn dies ein gültiges Kriterium ist).

Die Cut-up-Technik besteht darin, einen fertigen linearen Text in Stücke zu schneiden, die jeweils aus wenigen oder auch nur einem einzigen Wort bestehen, und sie so anzuordnen, dass ein neuer Text entsteht.
Die simpelste Form ist, 2 beliebige Seiten eigenen oder fremden Textes senkrecht zu zerschneiden & die 4 Hälften in vertauschter Reihenfolge wieder zusammenzusetzen. Man beginnt nun über die semantischen Bruchstellen hinwegzulesen“, so Jürgen Ploog, der ein bedeutender Vertreter dieses Schreibverfahrens ist.
Kai Pohl erläutert: „die cut-ups sind - wie tabak - echter feinschnitt. ge-, nicht verschnitten. obwohl, die bezeichnung ist manchmal nicht ganz sortenrein.
weil auch eigene anteile auftauchen. aber egal. einen cut ergibt gelegentlich auch ein über sprachbausteine schweifender blick. schärfer als jede klinge.“ 
Die einzelnen Textfäden verweisen vorwiegend auf einen als links zu klassifizierenden Referenzrahmen, der in einem Anmerkungsteil genau aufgedröselt ist, sicher auch als Einladung zum Nachlesen und zu weitergehender Beschäftigung mit, um einige Namen zu nennen, Robert Kurz, Herbert Marcuse, Walter Benjamin … Es gibt auch einen imaginären Soundtrack zum Buch, die Bands, die Pohl auflegt, heißen Pulp, Nick Cave and The Bad Seeds, Die Skeptiker, Herbst in Peking.

Von der Ikonographie der Copy Art, wie sie der Tradition des Cut-up entsprechen würde (und in der von Pohl mitherausgegebenen Zeitschrift floppy myriapoda gepflegt wird), sind Pohls Illustrationen weit entfernt: es sind am Computer zusammengesetzte Chimären aus Markenzeichen, z. B. – auf dem Cover zu sehen – aus dem sich aufbäumenden Ferrari-Pferd und dem Chinaöl-Drachen.

„Fraktaler Gesang“ wird von der, den deutschen Text wortweise übersetzenden, ihn verrückenden und verzerrt widerspiegelnden, Einfügung englischer Begriffe, von Ortsnamen – genauer gesagt eines Ortsnamens: Beijing – und regionalen Ausdrücken, hier: „Broiler“, bestimmt, die sich jeweils, zumeist unrein, auf den umgebenden Text reimen, und auf schräge Weise mit ihm korrespondieren: „Bewegung“ / „(movement)“ / „Moment“ – „Mensch“ / „(human being)“ / „Peking (Beijing)“ – „(to boil)“ / „Frostbeulen“ / „Broiler“ … Zum Schluss des Gedichts heißt es, in Kursivdruck: „Lidl lohnt sich, Lidl lohnt sich, / Geiz ist Geil, Geiz ist Geil, / bild’ dir deine Meinung, bild’ dir deine Meinung, / ding ding dong, ding ding dong.“ 
Rhythmus, Schlussvers und der voranstehende Worthinweis „Kanon“ führen auf die Spur von „Frère Jacques“. Der pervertierte, korrupte Text, den Pohl der Melodie unterschiebt, kann als bitterböse Kritik am kapitalistischen (sogenannten) Wertesystem verstanden werden, das die Lebenswelt längst vollständig durchdringt und auch nicht vor dem Kinderzimmer Halt macht. Das nicht am Profit orientierte private Leben hat sich in der Begegnung mit der alles verschlingenden Ökonomie einen Bruch geholt, ein reiner Gesang kommt nicht mehr zustande, dafür so etwas wie eine unregelmäßig zirpende Spieluhrmelodie, ein stockend laufender Mechanismus, der in ein verbeultes Plärren mündet, in dem das – vielleicht – Ursprüngliche nur mehr als Grimasse aufscheint.

Mit der Veröffentlichung von Solanum nigrum antichoc ist Kai Pohl unvermeidlicherweise selbst ein Rädchen in dem ökonomischen Getriebe, das unter dem skandalösen Siegel der „marktkonformen Demokratie“ unser Leben bestimmt. Er hat sich freilich mit Dezenz und Konsequenz aus der Affäre gezogen, indem er seine Gedichte und Cut-ups einem kleinen unabhängigen Verlag anvertraut hat.
Dem vorzüglichen Buch sind viele Leser zu wünschen.

Kai Pohl
Solanum nigrum antichoc
Moloko+
2013 · 96 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-943603-06-4

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