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Kritik

Fliegen, wenn die Flügel abgebrochen sind.

Karen Köhlers erster Erzählband und warum es mehr als nur einen Grund gibt Erzählungen zu lesen.
Hamburg

Dass eine Autorin ihr vielbeachtetes Debut mit Kurzgeschichten in einem der renommiertesten deutschen Verlage unter dem Titel „Wir haben Raketen geangelt“ feiert, ist im Hinblick auf die Romanfixiertheit des deutschen Literaturbetriebs bemerkenswert. Wie weit das geht, sieht man beispielsweise an der Bücherschau des Perlentaucher-Portals, in der das Buch der 40-jährigen Hamburgerin ohne viel Federlesen als Roman deklariert wird. Bei Hanser stehen dem Erzählband Köhlers fünf deutschsprachige Romane als Herbstnovitäten gegenüber, bei Suhrkamp gibt es keinen einzigen. Man würde von einer Gesellschaft, die sich einredet, für nichts Zeit zu haben, eher erwarten, dass sie die kürzere Form bevorzugt, auf jeden Fall Formate, die sich bei der täglichen Zugfahrt in die Arbeit oder in der Mittagspause bewältigen ließen. Das Gegenteil ist der Fall, die Tendenz zum Buch als Ziegel, sofern man als LeserIn nicht schon zur raum- und körperkraftsparenden Version des E-Books konvertiert ist, nimmt zu. Vielleicht, weil der schiere Umfang der Schmöker den LeserInnen das Gefühl von Zeit vermittelt, die sie für die Lektüre nie aufbringen werden können?

Dabei hat die Form der Kurzgeschichte nicht nur die Kürze für sich, wie Karen Köhlers Erzählungen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Köhler scheut sich nicht vor großen Themen. Es geht in ihren Erzählungen um Liebe, Verlust, Geburt und Tod, um schwärende Narben der Vergangenheit. Man spürt die Lust der Autorin erzählerische Formen zu finden, die diesen schweren Inhalten eine Leichtigkeit geben, ohne ihnen die emotionale Wucht zu nehmen. So kontrastiert sie in der ersten Erzählung „Il Comandante“ die Verzweiflung einer krebskranken 33-jährigen Frau mit der lebensfrohen Einstellung eines 72-jährigen Krankenhauspatienten im Rollstuhl, der täglich im Krankenhauscafé sein Banana Split verzehrt. Zum „Comandante“ wird er für sie nicht nur dadurch, dass er auf Kuba geboren wurde, sondern weil er ihr mit seiner bejahenden Art auch einen Weg aus ihrer Verzweiflung zeigt.

Karen Köhler hätte diesen Text beim diesjährigen Bachmannpreis-Wettlesen vortragen sollen, aber eine Windpockenerkrankung führte dazu, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs eine eingeladene Autorin nicht in Klagenfurt auftreten konnte. Die Anlage des Texts, krebskranke junge Frau trifft auf kranken, aber happy Popstarsonnenbrillenopa, wirkt auf den ersten Blick spekulativ und auf Wirksamkeit beim Schaulesen bedacht. Doch Köhlers Erzählkunst, und das gilt für fast alle Erzählungen, bleibt so nah an den Figuren, dass die Geschichten authentisch rüberkommen. Diese Wirkung verdankt sich einerseits der sorgfältigen erzählerischen Anlage der Texte, andererseits einem gekonnten Einsatz der Sprache, auch wenn da und dort noch kleine Unsicherheiten vorhanden sind. Die Autorin versucht die Erzählungen stets aus der persönlichen Betroffenheit der Ich-Erzählerinnen zu motivieren. Die tagebuchartige Struktur vieler Geschichten, mal verdeckt wie in „Starcode-Red“, mal ganz offen als Journal ausgewiesen wie in „Il Comandante“ verleiht den Texten eine intime Unmittelbarkeit, die durch den mündlichen Gestus der Sprache noch verstärkt wird. So heißt es in der titelgebenden Erzählung, „Wir haben Raketen geangelt“ über den Siegelring eines Nazigroßvaters, den der Freund der Erzählerin zum Wegwerfen mitgegeben hat:

„Hab den Ring in meine Gruselkiste zur Plastikspinne und anderen Schlimmigkeiten gelegt und ihn für dich aufbewahrt. Da liegt er heute noch. Ist ein zweiter dazugekommen.“

In der Erzählung reflektiert die Erzählerin die eindringlichen Momente einer konfliktreichen Beziehung, die abrupt mit dem Selbstmord des rumänisch-deutschen Freundes endete:

„Fühle mich amputiert. Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja ich fände das nur anständig.“

Die Stimme, die diese Sätze spricht ist leise, trotz des großen Bildes, das sie bemüht. Mit dem Verzicht auf das Personalpronomen wird die Unmittelbarkeit von Gedanken modelliert, in diesem Fall das Selbstgespräch der Frau mit dem Toten. Köhler stellt Literatur aus kurzen, mit Bedacht komponierten Sätzen her, die man als gekonnte Kunstlosigkeit beschreiben könnte und die den Erzählungen einen eindringlichen Beat verleihen. Als Katharina aus „Cowboy und Indianer“ im Pickup-Truck mit dem unbekannten Bill, der sie halbverdurstet im Death Valley aufgelesen hat, durch die amerikanische Nacht Richtung Las Vegas schnurrt, hört sich das so an:

„Ich bin erschöpft, ich bin ein Boxer, ich bin das Million-Dollar-Baby, mein Trainer sieht zufrieden aus. Wir rauchen und schweigen. Wir fahren. Wir fahren weg von der Sonne, wir fahren mit Wind in den Fenstern. Wir fahren mit lauter Musik. Wir fahren, und mein Trainer weiß den Weg, mir ist alles egal.“

Diese schlanke und durchrhythmisierte Sprache vermag immer wieder poetische Bilder zu entwickeln.

„Ich wollte Kosmonautin werden und kenne mich mit Fallschirmen aus, da meine Flügel irgendwann unterwegs mal abgebrochen sind. Ich muss damals so zwischen elf und zwölf gewesen sein.“

Liest man die Selbstbeschreibung Köhlers auf ihrer Homepage, lässt sich ahnen, wie viel die weiblichen Protagonistinnen von der Autorin mitbekommen haben:

„Sie wollte Kosmonautin werden, hat Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert. Nach einigen Jahren in Festengagements als Schauspielerin schreibt sie heute Theaterstücke und Prosa. Sie findet Mathe gut und den Weltraum“.

Was Köhler an dieser Stelle verschweigt, ist, dass sie als mehrfachbegabte Künstlerin auch unter dem Namen Karenina als Illustratorin arbeitet und ihr neues Buch gestaltet hat.

Es sind wiederkehrende Erfahrungen, mit denen sich die Figuren konfrontiert sehen. Das Leiden an der eigenen Krebs- oder Tumorerkrankung (Il Commandante, Familienportraits), die Auseinandersetzung mit dem Selbstmord des Partners (Wir haben Raketen geangelt, Wild ist scheu), mit dem Verlassenwerden, der sexuellen Verletzbarkeit von Frauen (Name.Tier.Beruf, Cowboy und Indianer, Starcode-Red). Köhler konfrontiert die LeserInnen mit Menschen in Ausnahmezuständen, die gerade in den Momenten, in denen sie schmerzhafte Verluste erfahren müssen, wieder zu sich selbst finden.

„Meine Lippen springen wieder auf. (...)Meine Hand ist ein Delphin im Wasser. Ich bin ohne alles. Ich bin frei. Ich habe nur noch mich, ein Cap und eine Plastiksonnenbrille. Von mir fällt etwas ab.“

Die Kurzweiligkeit, mit der man Köhlers Erzählungen liest, wird durch die bewundernswerte Vielfalt der Textsorten, die die Autorin aus ihrem Hut zaubert, noch verstärkt. In der Erzählung „Polarkreis“ ist es eine Serie von siebzehn Postkarten, einem Zettel und zwei Briefen, die eine mit „Polar“ zeichnende Frau ihrem Freund von ihrer unvorhergesehenen Selbstfindungsreise durch Italien schickt. Warum aus dem kurzen Gang zum Zigarettenkauf eine einmonatige Reise mit unbestimmtem Ziel wird, erhellt sich den LeserInnen erst mit der letzten Postkarte. In „Wild ist scheu“ bekommen wir das Tagebuch einer Frau zu lesen, die sich nach dem Tod ihres Geliebten am Rande eines Waldes auf einem Hochstand zu Tode hungert und friert. „Ich weiß nicht, wie lange es insgesamt dauern wird.“ beginnt die Frau ihre Aufzeichnungen für B., und wie immer bei Köhler weiß man am Anfang nicht, was eigentlich gemeint ist, enthüllt sich die Tragik der Zeilen erst im Fortgang des Textes. Einen solchen Stoff zu wählen, muss man sich als AutorIn erst trauen und dann muss es einem noch gelingen, ihn in eine Form zu bringen, die überzeugt. Auch hier vermag die Hamburgerin wieder das Schwere leicht zu halten. Die letzten Sätze bei Köhler sind ein eigenes Kapitel für sich und über die Art, wie sie der Architektur ihrer Erzählungen als Schlussstein eingesetzt sind, wäre eine Germanistenarbeit wert. „Schnee. Der erste Schnee“, heißt der letzte Eintrag vom 27.Tag und den LeserInnen ist es anheimgegeben, sich hinter dem unschuldigen Bild das ganze Grauen eines Erfrierungstodes auszumalen. Oder hat dieses Verdämmern in zunehmender Unempfindlichkeit auch etwas Befreiendes?

Die ausgefeilten Erzählstrukturen bändigen nicht nur extreme Themen und Orte, sondern auch eine Fülle von detaillierten Kenntnissen, die sich nie in den Vordergrund spielen und die Erzählungen trotz der Fliehkräfte, die an den Figuren angreifen, fest in der Realität verankern. So ist der Bill aus „Cowboy und Indianer“ nicht irgendein Indianer, sondern „halb Shoshone und halb Paiute“ und „unterwegs zu einem Powwow (Treffen) im Duck-Valley-Reservat im Norden Nevadas“. Die Krebskranke in „Il Commandante“ kennt sich mit verschiedenen Phasen von Krebstherapien aus und vermag auch die Diagnose pT3pN2 zu entziffern, und in „Starcode Red“ macht der kenntnisreich geschilderte Alltag einer „Ich bin die schönste Qualle“- Tänzerin auf einem Kreuzfahrtschiff den plötzlichen Ausstieg der Frau aus dem durchinszenierten Leben erst glaubhaft.

Was ich am Anfang nicht gesagt habe: Kurzgeschichten lesen ist wie ein Tropenaquarium im Wohnzimmer, wie ein Apriltag im Juli, wie Inselhopping, wie ein Gang über den Regenbogen, wie die Erforschung gewaltiger Höhlen (Clemens Meyer), wie eine Reise um die Welt in 8 Tagen, vor allem wenn die Autorin Karin Köhler heißt. Möge ja niemand im Verlag von ihr verlangen, dass sie nun einen Roman schreibt. Mit ihren Erzählungen sind wir bestens unterhalten.

Karen Köhler
Wir haben Raketen geangelt
Hanser
2014 · 240 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24602-7

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