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Kritik

Ausprobieren am Tod

Zuerst lässt Karl Kollmann die Mannschaft auflaufen, die so viele von uns in den letzten 50 Jahren geprägt hat: die Vertreter der kritischen, der alternativen Kunstformen, die ästhetischen Rebellen, von den Wiener Aktionisten bis zu den Zen-Beatniks. Erinnerungen werden wach an ACID, an TUNIX, an die vielfältigen Rezepte gegen die „abendländische Krankheit“, gegen die Metastasen des Intellekts und die Kultur-Nischen der mindfucker.

Wir begegnen u. a. Brinkmann, Fauser, Ploog, Weissner, Wondratschek. Und Thomas Bernhard (in einem ausführlichen und kostbaren Interview). Das letzte Drittel des Buches bestimmt Bernd Mattheus, der große Biograph von Artaud, Bataille und Cioran. Die Freundschaft zwischen Kollmann und Mattheus, die schon einmal zu Buche geschlagen hat, nämlich in den „Briefen über die Sprache“ (1978), ist nun hier bis zum Tod des verarmten und kranken Mattheus auf eine Weise dokumentiert, die unter die Haut geht.

Das Ende von Bernd Mattheus scheint hier paradigmatisch das Ende einer Literatur zu markieren, die sich gegen die Vereinnahmung wehrte, und die vom Markt links (oder rechts) liegen gelassen wurde. Freilich, wer – abseits vom mainstream – bewusst den Unterstrom wählt, dem geht schnell die Luft aus. Die poètes maudits und ihre Adepten spielten schon immer Blitzschach mit dem Tod.

Kollmann schreibt Klartext. Am Ende zieht er das Resümee aus seiner „Suche nach den verlorenen Möglichkeiten von Literatur, Veränderung und Befreiung“, die er im Untertitel seines Buches programmatisch ankündigte:
„Wozu überhaupt noch Schreiben? Es ist ohnedies schon Alles gesagt und geschrieben worden und das in mehrfachen Variationen; verändert hat das wenig. Die Autoren haben sich ausgeschrieben, ihre Stifte sind leergeschrieben, der Traum von einer dich frei gebenden Sprache ist mittlerweile abgeschrieben."

Und er nennt sehr deutlich die Gründe:

"Die privaten Existenzen, die Biographien und die Lebenswelten sind nicht friedvoller geworden. Man kann das am Tod ausprobieren, an der Angst der Menschen davor. Nur wo das Leben friedvoll ist, verliert der Tod seinen Schrecken. Den hat er aber nicht verloren. Neben der Gewalt des Systems, neben dem dumpfen Terror der sogenannten Eliten und dem Gefängnis der alten Sprache, ist es die Einsichtslosigkeit vieler Menschen, die das Leben so unwirtlich macht.“

Ein trauriger, ein todtrauriger Schluss. Selten hat mich ein Buch so deprimiert. Soll man dem Tod, dem Mord, dem Selbstmord den Sieg sichern? Was hält uns eigentlich noch im Leben?
Was kann uns die Kraft geben, anzukämpfen und anzuschreiben gegen Gewalt und Terror, gegen Begriffskäfige und Dummheit

Der Zorn verlässt mich nicht. Mit dem Zorn bin ich alt geworden. Und Dylan Thomas schlägt mir eine Seite auf, wo es heißt:

„brennen soll das alter, ob des sinkenden tages rasen,
vor zorn toben, toben gegen das sterbende licht.“

Karl Kollmann
Ausgeschrieben
Maro
2011 · 152 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-875122923

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