Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Am Rand der Normalverteilung

Hamburg

Die Sprache kann verhexen, sie kann aber auch entzaubern. Gauß ist ein Magier dieses Entzauberns, wenn er etwas durchdekliniert, ist es danach von ernüchternder Kenntlichkeit. So demontiert er das Pathos noch der scheinbar pathosfreien Pragmatiker und ist gleichsam „unbeabsichtigt ketzerisch”, wie er es übrigens zu Kopernikus formulierte.

Ist er ein Kritiker etwa der Heimat? Nein, so einfach ist’s nicht, er verteidigt sie zwar gegen den Begriffskitsch, ist aber durchaus kein Freund des Antiheimatromans, der, was Heimat sei, als an sich fast schon faschistisch denunziert – und wird da zum Kapitalismuskritiker, der nun aber wieder dank seines Witzes Schärfe wahrt und also auch nicht in den etwa rechten Kitsch abgleitet: vielmehr die aus Kapitalismus (sponsoring) und natürlich Wurstigkeit betriebene Aktion der Umbenennung des Mullwitzkogels in die Wiesbauer-Spitze als „Verwurstung der Heimat” demaskiert. Er selbst sei aber „noch nie in Unken” gewesen, auch dies ein Plädoyer für weniger Heimatseligkeit durch mehr Heimatkenntnis. Immerhin impliziert die Enge der Heimat Grenzen: „Das Verlockende an Grenzen war [...] stets, dass man diese überwinde.” Tu, infelix global village...

Gerade vom Kleinen – und von den Minoritäten, die ja nicht bloß eine Marotte Wohlwollender sind – wäre dies zu lernen, Anfänge sind minoritär, vor allem aber ist „die Fähigkeit, nicht bloß an einer einzigen Kultur teilzuhaben”, etwas nachgerade Utopisches, nicht zuletzt: weil nicht jede dieser Kulturen schon existieren muß, denn Kulturen sind nicht das, was ein kultivierter Mensch hat, sondern das, woran er arbeitet.

Diese Dialektiken sind gefinkelt und das Gegenteil planer Methode, die „literarischen Zuchtanstalten” beargwöhnt Gauß, ist Lesen ein „anarchischer Akt”, wie Enzensberger schrieb, dann Schreiben doch allemal. Es darf sogar nicht ganz neu sein, es muß nichts bekennen, es hat aber vielleicht die Fähigkeit, „einen Blick von außerhalb des Koordinatensystems (zu) werfen”: auf das Problem, das vielleicht nur innerhalb jener Koordinaten ein Problem ist, wie Gauß übrigens über unsere Zeit schreibt, die aus Glückssuche am „Bruttolustprodukt” schier zerbricht.

Diese Lust, die von Toleranz spricht, aber schon die kleinste Unlust nicht toleriert – oder aber toleriert, bloß: wo das repressiv ist, aber bequemer als eine Intervention –, geißelt Gauß in einem wunderbaren Essay, der Toleranz als Zuviel („repressive Toleranz” eben, Marcuses Befunde hierzu sind noch immer lesenswert) oder Zuwenig (nämlich noch keine Akzeptanz) zeigt, und als selten, aber doch auch angebracht: eben als Duldung dessen, was zumutbar ist und sein muß.

All das ist so bestechend vorgetragen, daß man selbst dort, wo Gauß doch einmal geirrt haben mag, mit Hegel sagen will: „Umso schlimmer für die Tatsachen!” Denn es wäre ja schön, würde Gauß’ Feststellung, Red Bull Salzburg bringe es mit seinem Budget („so hoch [...] wie das aller anderen Mannschaften der Bundesliga zusammen”...?) „kaum je zuwege [...], schönen oder wenigstens erfolgreichen Fußball zu spielen”, nicht widerlegt worden sein, mit Titeln und manchem recht ansehnlichen Match, und zwar dann auch gegen Clubs, neben denen nun wiederum die Salzburger Legionärstruppe finanziell mitleiderregend unterstützt wird...

Aber da ist Gauß schon weitergedribbelt, man folgt seinen Diskursen gerne, die aus dem Kleinsten und ferner im Kleinsten ahnen lassen, was Denken, was Sprache, was Liebe des Lebens seien. Nichts, das sich auf große Würfe beschränken ließe, genauer: das, was man dafür zu halten pflegt, während Gauß’ Brillanz sich durch nun Jahrzehnte in auch Disparatem bewährt, in Interventiönchen, so könnte man sagen – und dürfte dabei den Diminutiv nicht als Verniedlichung verkennen.

Man kann zuletzt nicht umhin, zu sagen: Gauß’ Texte sind stets notwendig; und wem dabei eine Last, der hat auch dies wohl verdient...

Karl-Markus Gauß
Lob der Sprache, Glück des Schreibens
Otto Müller
2014 · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-7013-1214-6

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