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Kritik

Mit Freud und Celan im Grünen

Karla Reimerts lyrisches Debüt verspricht ein Picknick mit schwarzen Bienen
Hamburg

Gib deinem Spruch auch den Sinn:/ gib ihm den Schatten schreibt Paul Celan in seinem Gedicht Sprich auch du. Der Sinn des Sprechens ist also etwas Anthrazitgraues neben der Sprache. Etwas, dem aufgrund dieser Farbe eine Schwere zugebilligt werden kann. Etwas, was vielleicht erst auf den zweiten Blick erfasst wird, wie man einem Schatten erst auf den zweiten Blick Beachtung schenkt. Beim Lesen der Gedichte Karla Reimerts hat man den Eindruck, dass etwas Ähnliches im Leser geschieht, dass Sinn als ein Schatten der Rezeption folgt, dass ein existentielles Anthrazitgrau in den Texten liegt.

Besonders deutlich wird dies im ersten Teil des Bandes, der den Titel In der Krängung trägt und aus einem dreiteiligen Zyklus besteht.

Jeder der Teile wird durch die Überschrift Jenseits des Fjords, In der Klinik oder Im Wald verortet und zeigt ein lyrisches Ich in den Entwicklungsstufen eines Leidens. In Jenseits des Fjords lernt der Leser es als Kind kennen, das sich mit seinen Eltern am Isefjord aufhält, unter Schlaflosigkeit leidet (Meine Angst ist eine Jägerin. Sehr wach liege ich inmitten der Meute, IX) und sich im Spannungsverhältnis zwischen Vater und Mutter befindet (Verrückt ist sie nicht, sagt Vater zu Mutter, XIV).

Im zweiten Teil In der Klinik wirkt das lyrisches Ich älter, leidet an Adjektiven und/ übertriebenem Gebrauch von Vokalen (II), wird mit Elektroschocks und Bädern in Eiswasser behandelt, während es sich Im Wald – offensichtlich entlassen – um Kontaktaufnahme bemüht, zur Urgroßmutter und zur Natur sprechen will (Wer dem Wald zuhört oder spricht, dem/ verdoppelt sich alles, sobald er hinsieht, IV).

Zusammengehalten wird In der Krängung durch das Vokabular (Telefon, Biotop, Masten, Matrosen, Fjord) und über eine bildhafte Sprache, die in ihren besten Momenten die Grenze zur Philosophie überschreitet (Aus wie vielen Schwarzmarktgeschäften/ besteht diese Welt?, In der Klinik I). Karla Reimerts Metaphern sind originell und anregend, nur selten verwechselt sie Übermut mit Mut (In der letzten Quizrunde/ verdoppelt sich auch der Arzt.// Im Nenner wird er lauter und lauter, wird/ zehn Meter zum Quadrat, In der Klinik V).

Jenseits des Fjords, I

Brackiges Wasser, Witterung
von Holzbarken am Isefjord.

Licht, das sich aufrichtet
in Brusthöhe.

Auf den Grabsteinen Realität,
Buchstaben für Leben.

Nicht überrascht werden
Untergänge beobachten aus nächster Nähe.

Ich atme lautlos, ein erdnahes Tier,
ducke mich unter Halmen.

Werde der Vogel, der es jagt.

Der zweiten Teil Scheue Besatzungen enthält Gedichte, die Thomas Tranströmer, Inger Christensen und Emily Dickinson gewidmet sind. In Flugschau und in Alle Engel sprechen perfekt Nonsens geht es um eine Auseinandersetzung mit dem Tod, sei es im Zwiegespräch zweier Liebender (Flugschau) oder bei einem Gewitter im Zelt. Vorhanden in Vermessung thematisiert die Beziehung zwischen lyrischem Ich und der Natur, insbesondere zu einem Schwarm Bienen. Aus dem Rahmen fällt in diesem Abschnitt das Gedicht Freidrehen vor den Wirbeltieren, das aufgrund seines Gebrauchs von wissenschaftlichem Vokabular nicht die sinnliche Qualität der übrigen Texte erreichen kann (Die Museumspädagogik im Hintergrund zielt/ auf Aneignung eines Humanismusbeispiels/ vor dem Tod des Menschen).

Der dritte Abschnitt des Buches Maria, Recherche in Serpentinen stellt ein lyrisches Ich vor, das eine Dissertation über Formen weiblicher Emanzipation, analysiert anhand/ von Marienerscheinungen (Prolog) schreibt. Die Sprache, die es für die Arbeit am Promotionsprojekt nutzt, ist nah an der Prosa, oft notathaft und narrativ. Immer wieder wird diese Arbeitssprache durchbrochen von Metaphern (Maria erscheint oft in dunklen, engen Räumen […] In Bergen, wo Felsen als faltige Münder/ Glauben zurückwerfen, Die Seherinnen), als könne das lyrische Ich die Dichterin in sich nicht verleugnen, als breche dieser Teil ihrer Persönlichkeit hervor.

So entsteht aus der Prosa Lyrik. Der Zyklus wird zu einem Hybrid aus Dichtung, Prosa bzw. Essay und wirft Fragen auf, z.B.: Wo beginnt Poesie, wo hört sie auf? Was bewirken Bilder inmitten notizartiger Wendungen? Welche konstituierenden Möglichkeiten lyrischen Sprechens gibt es jenseits des Bildes? Inwiefern kann ein Gedicht wissenschaftlichen Gehalt transportieren?

Dem gegenüber fällt der vierte und letzte Teil des Buches Bugrad. Gesang mit Corona ab. Hier wird eine surreale Begegnung zwischen Celan und Freud geschildert, ist im Vergleich zu den übrigen Teilen des Bandes am wenigsten Welthaltigkeit spürbar. Die Gedichte verbleiben auf der Ebene des Skurrilen, auch Humorigen, aber man vermisst die Tiefe der übrigen Texte.

Wahr spricht, wer Schatten spricht, sagt Celan in dem oben zitierten Gedicht. Wenn seine Einschätzung zutrifft, dann vermittelt uns Karla Reimert eine Form von Wahrheit, weil es  existenzielle Fragen sind, die unser Leben als Schatten wirft und die in diesem Band  poetisch in den Blick des Lesers gerückt werden.

Karla Reimert schreibt: Wahr ist von Abschieden/ nur der Abschied (Im Wald, IV), als sei ein wahrer Abschied nur ein endgültiger Abschied. Das tröstet insofern, da der Abschied von ihren Gedichten ein Abschied auf Zeit ist, weil man diesen Band gern wieder zur Hand nehmen wird.

Karla Reimert
Picknick mit schwarzen Bienen
Gedichte
gestaltet von Andreas Töpfer
Kookbooks
2014 · 88 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445625

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