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Kritik

Katarina Botskys Novellen malen expressionistische und eindrucksvolle Bilder vom Krieg

Martin A. Völker liefert einen weiteren Beweis, dass sich die Erkundung des literarischen Erbes jenseits des Kanons lohnt.
Hamburg

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs liegt hundert Jahre zurück. Daran erinnern diverse Romane und Sachbücher, ebenso wie Ausstellungen, die sich, wie momentan in Bielefeld, mit jung gefallenen Talenten befassen. Der zweite Band mit Novellen von Katarina Botsky kann sich somit in eine illustre Reihe fügen, naturgemäß ohne fürchten zu müssen, nichts Ureigenes zur Thematik beitragen zu können.

Wie bereits der erste von Martin A. Völker herausgegebene Band mit Botskys Texten, ist auch Krähendämmerung im Elsinor Verlag erschienen. Als Verlag, der sich „vornehmlich auf die Seiten- und Nebenwege der Literatur“ begibt, scheint der 2006 in Coesfeld gegründete Verlag der perfekte Partner für Martin A. Völker, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vergessenen Autoren eine neue Aktualität zu verschaffen.

Chronologisch angeordnet, erzählen die zwischen 1913 bis 1936 entstandenen Geschichten auch ein Stück Zeitgeschichte.
Dabei gehen Botskys Novellen nach dem ersten Weltkrieg teilweise weit in die Geschichte zurück (Der Träumer von Plauen spielt im 15. Jahrhundert), ohne jemals ihr Thema zu verlassen. Die Erzählungen umkreisen allesamt die Thematik von Macht und Ohnmacht des Einzelnen, angesichts der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisses. Eine Ohnmacht, die aus Angst und Verständnislosigkeit entsteht, und ebenso menschlich wie zerstörerisch ist. Diese Thematik spitzt Botsky in der titelgebenden Erzählung zu.

Botskys Novellen erinnern an expressionistische Gemälde, das Innere wird nach außen gekehrt und Botsky findet weniger grelle als ungemein ausdrucksstarke Bilder für die dumpfen Gefühle, die das Verhalten und Denken ihrer Protagonisten bestimmen. Die Gesichter werden zu Fratzen:

„Doch ein widerwärtiges Lächeln rann ihr langsam, langsam aus den schimmelgrauen Augen über die nicht vorhandenen Backen und setzte sich auf dem fast lippenlosen Munde fest.“

Ein Gespenst, das der Lehrling aus Langeweile in einen Baum gehängt hat, tritt dem Ladenbesitzer, über den Traum vermittelt, als unumstößliche Wahrheit entgegen.

Es ist eine dunkle Zeit von der Botsky erzählt, von der unmittelbaren Vorkriegszeit, die ersten Texte stammen aus dem Jahr 1913, über den Kriegsbeginn, in die Nachkriegszeit, die recht schnell in einen neuen Krieg mündet.

„Die toten Feinde, die so dicht standen, dass sie nicht fallen konnten, wackelten mit den Köpfen unter dem Dröhnen der Kanonen. Dieses Wackeln glich einem verzweifelten Kopfschütteln über die Ströme Bluts, die sich ringsherum ergossen. Es war vielleicht das Grausigste, was man je gesehen hatte unter einer erlöschenden Sonne.“

Die Geschichten ziehen eine Linie über die Auswirkungen des Krieges, von der Vertreibung, dem Einmarsch der feindlichen Truppen, über durch ihre Ausmusterung gedemütigte junge Männer, bis zur kriegsbedingten Hungersnot im Irrenhaus der verlassenen Stadt, und zeichnen den Irrsinn des Krieges nach, mit Bildern der Apokalypse.

Dabei wird Botsky nie pathetisch oder droht mit dem Zeigefinder, stattdessen findet sie stets feine Bilder für die weitreichenden Unterschiede, die mit der sozialen Schicht einhergehen. Fast immer geht Botsky in ihren Erzählungen auch auf die sozialen Unterschiede ein, und darauf wie sehr sie das Leben, Denken und Empfinden ihrer Protagonisten beeinflussen.

Schicht- und zeitübergreifend ist es jedoch die Angst, die wie in der titelgebenden Erzählung, alle anderen Gefühle, insbesondere die des Mitleids und der Liebe, überflügelt.

Im Nachwort hat Martin A. Völker sorgfältig Stimmen von Zeitgenossen gesammelt, die Botskys Sonderstellung als Schriftstellerin dokumentieren.
Grete Meisel-Heß fasst Botskys Eigenart treffend zusammen, wenn sie behauptet: „Eine unheimlich anmutende realistische Gestaltungskraft sowie ein Hang zur grotesken Darstellung seien der Schriftstellerin eigen.“

Darüber hinaus erhellt Völker die geistesgeschichtlichen Umstände und Bedingungen unter denen die durchgehend dunklen Texte von Katarina Botsky entstanden sind:

„Die ästhetisch-literarische Moderne übernimmt diese schmerzvolle Aufgabe, den Menschen an sich zu erinnern, ihm seine Lage bewusst zu machen, ihn in den Abgrund, den Strudel seines Daseins blicken zu lassen.“

Eine Aufgabe, die auch einhundert Jahre später noch aktuell ist.

Katarina Botsky
Krähendämmerung
Herausgegeben von Martin A. Völker
Elsinor
2014 · 152 Seiten · 12,90 Euro
ISBN:
978-3-942788-18-2

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