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Kritik

Ich sehe was, was du nicht siehst

Budapest in Aufruhr: Seite für Seite zieht uns Katharina Bendixen ein Stück tiefer ins paranoide Hirn ihrer Ich-Erzählerin.
Hamburg

Als „the most beautiful shithole of Europe“ bezeichnet ein Kommilitone aus der Sprachschule Budapest – und auf dieser ständig schwankenden Skala zwischen Verklärung, Nostalgie und Abscheu bewegt sich dann auch die Sicht der Ich-Erzählerin auf diese Stadt, in der sie für ein Jahr als Aupair gelandet ist.

Zunächst scheint die junge Frau das große Los gezogen zu haben: Sie kommt bei einer deutschen Bilderbuchfamilie in deren Villa unter, zusätzliche Hilfe erhält sie von der ungarischen Haushälterin. Die Tochter Tabea, von ihren Eltern nur „die Kleine“ genannt, lispelt zwar und hat wenig Appetit, ansonsten jedoch ist sie aufgeweckt und wohlerzogen. Über die Ich-Erzählerin indes erfährt man wenig – kaum mehr, als dass sie einen Freund hat, der daheim in Hamburg an seiner Doktorarbeit schreibt. Fotos von ihm dekorieren ihr neues Zimmer, sein Kapuzenpullover liegt unter dem Kopfkissen.

Wo will uns Katharina Bendixen hinführen in ihrem Romandebüt „Ich sehe alles“, fragt man sich im ersten Teil – so minimalistisch und klar ist die Sprache, so wenig Geheimnis scheint sie zu bergen.

Die Ich-Erzählerin ist eine präzise Beobachterin, nimmt jedes Detail ihrer neuen Umgebung genauestens wahr und speichert es für später, das verrät bereits der Titel. Auch dass wir Budapest durch die Augen eines verwirrten, überforderten Neuankömmlings zu sehen bekommen, verwundert wenig.

Erst allmählich verdichtet sich der Eindruck, dass irgendetwas hier nicht stimmt. Das Gefühl einer latenten Bedrohung legt sich nicht, sondern nimmt eher noch zu. Schon bald schlägt es sich in beinahe jedem Satz nieder: Die Rollläden, die „mit dem dumpfen Geräusch von Schüssen“ herabfallen, die unverständlichen ungarischen Wortfetzen, das bewaffnete Wachpersonal an allen Ecken, die „grauen Gebäude“, „die verwitterten Gesichter von Obdachlosen“ umstellen die junge Frau wie die verzerrten Kulissen aus einem expressionistischen Horrorfilm.

Und nicht nur im Fremden lauert Abgründiges. Auch das vermeintlich Gewisse, Vertraute, gerät zunehmend ins Wanken. Warum reagiert der Freund der Ich-Erzählerin auf keine ihrer Nachrichten? Wieso fällt den Gasteltern nicht auf, dass „die Kleine“ bei jeder Mahlzeit ihren Teller wegschiebt?

Geschickt spielt Bendixen mit dem unbedingten Wunsch ihrer Leser_innen, der Ich-Erzählerin Glauben schenken zu wollen – schließlich bleibt dies die einzige Perspektive innerhalb der Romanhandlung, die Halt verspricht. Selbst dann noch, als sich Ungereimtheiten zwischen die Zeilen schieben, die uns mehr und mehr an der Zuverlässigkeit der Erzählerin zweifeln lassen.

Wenn sie sich wahnhaft an eine Beziehung klammert, die möglicherweise gar nicht (mehr) existiert, könnte es dann nicht genauso gut sein, dass sie sich Tabeas Essstörungen nur einbildet? Je öfter sie ihr Mantra wiederholt („Wenn die Kleine nur richtig isst, kommt er mich besuchen.“), desto deutlicher wird, dass in „Ich sehe alles“ auf nichts mehr Verlass ist – am wenigsten auf die Worte der Ich-Erzählerin.

Folgerichtig beginnt Teil zwei mit sintflutartigen Regenfällen und verrutschten Gullydeckeln, die zu tödlichen Fallen werden. Selbst die Jahreszeiten scheinen durcheinandergeraten zu sein.

Jedoch greift die Autorin nicht nur in die Metaphern-Trickkiste, um das Wegschwimmen sämtlicher Gewissheiten zu symbolisieren. Auch die politische Situation gerät außer Kontrolle: Demonstranten kampieren vor dem Parlamentsgebäude, um gegen den EU-Austritt zu protestieren; Menschenaufläufe und Ausschreitungen legen den Verkehr in der Innenstadt lahm. Dies ist die einzige handfeste Realität, an die wir uns klammern können, doch auch sie gerät zunehmend aus den Fugen. Indes versucht die Ich-Erzählerin Tabea mit allerlei Fantasiegeschichten an sich zu binden, in ähnlicher Weise, wie sie die anderen Aupairs, mit denen sie ab und an ausgeht, in Lügengeschichten über ihren Freund verstrickt.

So ist auch der Versuch, aus den Worten der übrigen Figuren ein Stückchen Wahrheit herauszufiltern, zum Scheitern verurteilt. Zu weite Kreise haben die Lügen bereits gezogen; nun werden sie der Erzählerin – und uns – in halb verdauten Häppchen zurück gefüttert.

Wer sagt die Wahrheit? Wessen Blick stimmt? Haben am Ende alle irgendwie Recht? Oder Unrecht? Mit diesen Fragen hält Bendixen ihr Publikum von Satz zu Satz auf Trab.

Erst im letzten Drittel verliert die Geschichte ein wenig an Drive, denn inzwischen ist allzu offensichtlich, dass die Erzählerin sich immer mehr in ihre paranoiden Wahnvorstellungen verstrickt. Nicht nur in ein Augenzwinkern des Gastvaters, auch in die langen ungarischen Sätze der Haushälterin interpretiert sie eine heimliche Komplizenschaft. Ihre heimlichen Beobachtungen verpackt sie in Nachrichten an ihren Freund, die sie jedoch nie abschickt.

Die Spannung indes lässt nach, denn nun gibt es kein Oszillieren mehr zwischen Aussagen, die gleichwertig nebeneinanderstehen. „Außer mir sagt in der Villa niemand mehr die Wahrheit“, ist lediglich der traurige Ausdruck eines persönlichen Realitätsverlusts.

Allerdings bleiben auch die Gasteltern bis zuletzt undurchsichtig: Ist an dem merkwürdigen Verhalten ihres Kindes wirklich gar nichts dran? Und warum organisieren sie mitten ins größte Chaos hinein ein rauschendes Fest?

„Ich sehe alles“ lässt uns mit allerlei offenen Fragen zurück – was bei dieser Versuchsanordnung definitiv kein Manko darstellt. Schade nur, dass die fiebrige Atmosphäre des bis dahin fein komponierten Vexierspiels gegen Ende hin einfach verpufft.

Katharina Bendixen
Ich sehe alles
poetenladen
2016 · 160 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-77-4

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