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Kritik

Die kultische Null

Hamburg

In meiner Besprechung eines anderen Büchleins der Theoriereihe "Edition Poeticon" im Verlagshaus Berlin (nämlich Nummer 9, Daniel Falb, "Anthropozän") ging ich inhaltlich sehr ins Detail und bemühte mich, die dem Aufsatz zugrundeliegende Denkbewegung nachzuzeichnen. Dies war nötig, weil jener Aufsatz, wozwar poetisch-poetologisch motiviert, sich selber unzweideutig als akademischer Theorietext deklariert. Ganz anders Katharina Schultens' Beitrag zu der von Asmus Trautsch unter dem Motto "poetisiert euch" herausgegebenen Reihe von Hosentaschenbüchlein:

Schultens' Buch - Nummer 11 der Reihe, "Geld" betitelt - ist zu gleichen Teilen Poetologie (im Sinne akademisch-deskriptiven Erörterns), Poetik (im Sinne normativer Setzung durch literarische Praktiker, geäussert in pragmatisch/nichtliterarischer Weise) und literarischer Text (genauer: Erzähltext) eigenen Rechts. Deshalb wäre es verfehlt, hier die Folge der vertretenen Standpunkte und Argumente aufzulisten, als wäre damit für die Einschätzung des Textes etwas gewonnen. "Geld" funktioniert gut als Short Story im Gewand eines Theorieaufsatzes, der wiederum nah an der Anekdotensammlung angesiedelt ist.

Schultens organisiert ihr Material entlang von drei verflochtenen Strängen: (a) Etymologisch-archäologisches "Graben" in Begriffsgeschichten; (b) Umdeutung (Umbuchung) von buchhalterischen in poetische Operationen; (c) Aufdecken von Schichten der Familiengeschichte der Erzählerin. Zwei Begriffe, die für alle drei genannten Stränge wichtig sind, sind dabei die des "Opfers" und der "Gabe". Die Kulthandlungen der antiken Welt bilden den fernen Hintergrund des Narrativs ebenso wie den Ausgangspunkt der angedeuteten Wirtschafts- und Literaturgeschichten; "magische" Begriffs- und damit Weltaneignungsweisen gewinnen als ökonomische Kategorien Wirklichkeit und Wirkmacht...

So geht es passenderweise in einem Poetik-Büchlein mit dem Titel "Geld" um Sachzwang und Familie, rationales und irrationales Handeln, Verführbarkeit und Realismus:

Als ich nach dem Tod meines Vaters sein Arbeitszimmer sortierte, fand ich einen 34 Jahre alten Pferdewettschein über einen hohen Betrag. Es hat gedauert, bis ich dieses Detail mit der Illusion, die ich von meinem Vater als grundsolidem Menschen hatte, überein bekam.

Nun haben Erzählhandlung wie Erörterung wenig überraschend einen gemeinsamen Subtext, sagen wir, sie vermitteln eine Haltung. Diese ist kritischer gegen das herrschende Wirtschaftssystem als der manifest-abgeklärte Habitus der Erzählerin/Sprecherin, eine unaufgelöste Spannung, die stark zu der Wirkung von "Geld" beiträgt:

Wir bringen Opfer (dar). Wir nennen unsere Opferhandlung alternativloses Handeln.

(...)

Frankfurt, 2006: Wie passend, meine Firma sitzt in einem Haus namens Welle. Es ist drei Uhr morgens. Eben kamen aus Neuseeland Folien zurück, die ich als Kugelschreiberzeichnung vor einer Stunde hinfaxte. Es sind Grafiken, die zeigen sollen, wie ein Prozess laufen könne, bei dem es um viel Geld geht. Sie simulieren seinen Ablauf. Gleichzeitig bedeutet dieser Prozess, dass andere Geld verlieren werden, das sie brauchen: ihr Einkommen.

(...)

Der Prozess, dem wir - meine Firma, ich, unser Kunde - uns andienen, uns unterwerfen: Er ist schön. Er wirkt logisch. Er scheint unhintergehbar. Allein dadurch, dass er einen so eleganten Ritus ausbildet, besitzt der Prozess selber - genau - Relevanz.

Schultens befolgt die eiserne Regel der Drehbuchautoren - "Show, don't tell!" - so gut, wie das in einem Essay irgend möglich ist. Man kann "Geld" und der Autorin vielleicht vorwerfen, dass dadurch die von der Sprecherin in der Welt "entdeckten" Sachverhalte auf den jeweils ersten Blick unterkomplex dargereicht wirken, zumindest weniger komplex, als es das gewählte Niveau von Komposition und Gesamtargumentation ist. Überdies kann man sich vielleicht darüber mokieren, dass "Show, don't tell!" auch bedeutet, gelegentlich tue Schultens der Anschaulichkeit halber so, als hätte sie gerade das sprichwörtliche Rad neu erfunden:

Mein Gedicht ist, wenn es schließlich ist, funktionslos, zwecklos, aufgabenlos. Ich habe es gefunden. (...) ganz sicher ist es auch nicht brauchbar. Nur, weil es vielleicht für jemanden funktioniert, hat es noch lange keine Funktion.

Man kann diese Einwände bringen. Man muß aber nicht. Man kann es auch dabei bewenden lassen, dass Schultens' Büchlein bemerkenswert ist; nicht unbedingt als kapitalismuskritisches Brevier, nicht als Kreativkolportage "aus dem Bauch der Verwertungsbestie", auch nicht als poetologische Meditationsvorlage über das vorchristliche Europa und Herschreibungslinien "magischer", dh. künstlerischer Rede ...

... aber als ein Text, der uns trotz seiner Kürze von allen diesen genannten disparaten Feldern zugleich etwas zu bieten hat.

Katharina Schultens · Asmus Trautsch (Hg.)
Geld
Eine Abrechnung mit privaten Ressourcen
Verlagshaus Berlin
2015 · 48 Seiten · 7,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-04-2

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