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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

The Horror. The Horror.

Kathrin Rögglas spekulativer Realismus am Ende des Glaubens an die Potentialität der Fiktion.
Hamburg

Unheimlich kann sie sein, die Gegenwart. So voller Widersprüche, Leerstellen, unvorhergesehener Ereignisse, Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erscheint sie, so unübersichtlich und so voller prekärer Zustände, die »jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist«,1 weitgehend beschränken und die gleichzeitig subjektive Empfindung und modallogische Auslegung der Gegenwart (die besagt, dass das Mögliche und das Notwendige in der Gegenwart übereinstimmen, weil das, was ist, nicht anders sein kann) weiter und weiter auseinanderdriften lassen. Es ist diese Verunsicherung, diese »Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute [!] zurückgeht«,2 diese plötzliche, zunächst kaum wahrnehmbare Schieflage, derer sich Kathrin Röggla in ihrem neuesten Erzählband Nachtsendung bedient und in die sie ihr aus dem Mittelstand geschöpftes Figurenpersonal variantenreich führt bzw. schlittern lässt, bis dieses sich schließlich notgedrungen in das eigene Schicksal ergibt. Doch Schicksal bedeutet in den 42 meist nur wenige Seiten langen Geschichten weniger den der Entscheidungsfreiheit entzogenen Ablauf von Ereignissen innerhalb einer alltäglichen und gleichbleibenden Welt, sondern den Lauf der Dinge, sobald Prekarität und Kontingenz den Ton angeben. So beginnt der Band etwa mit der rahmenden Erzählung Starter, in der die Passagiere eines auf der Startbahn harrenden Flugzeugs ergeben darauf warten, aus dieser ungewissen und angespannten Lage, aus diesem Schwebezustand erlöst zu werden – sei es durch den Abflug oder sei es, dass sie im Terminal warten dürften. Ihnen wäre jede andere, jede eindeutigere Situation lieber, schließlich ließen sich dann wenigstens noch Geschichten erzählen, die »Aufschub gewähren« und ihre Lage in einen Sinnzusammenhang stellen könnten. Doch – entgegen der populistischen Tendenz a la Trump, Farage, Hofer etc., vereinfachende Lösungen für komplexe Probleme bereitzustellen – gibt es weder in der Wirklichkeit ein unumstößliches großes Ganzes, einen absolut gesetzten Kontext, eine geheime Verschwörung, noch billigt Röggla ihren Fiktionen und ihren LeserInnen derartige Simplifizierungen zu. Stattdessen treibt sie die Komplexität und Informationsdichte der modernen Welt immer weiter auf die Spitze, kippt den bloßen Realismus hinein ins surrealistisch Komische und lässt nur in Andeutungen, in wiederkehrenden Namen, in Konjunktionen und offenen Enden vermeintliche Beziehungen der Erzählungen zueinander aufscheinen, um die Zufälligkeit und Austauschbarkeit von Individuum und Ort zu unterstreichen. Egal also, ob es sich um »Recyclinghöfe, Physiopraxen und Betonflachbauten«, um eine »zu einem Kongresscenter hochgemotzte[] Sportimmobilie«, um »ICE-Realität[en] zwischen Göttingen, Fulda und Kassel«, um einen halb Deutschland bedeckenden Flughafen oder bloß um Selbsthilfeforen zum Thema Herzrasen handelt – stets irren die Figuren in ihren ganz persönlichen Untergangsvisionen umher, auf der Suche nach Strukturen, Erklärungen, nach verloren gegangenen Donnerstagen, unsichtbaren Rednerinnen, nach Anzeichen der Katastrophe oder einem Ausweg aus „einer Vergangenheitsform [...], die sich niemals mehr in eine Gegenwart transportieren« lässt. Überall fehlt es an Sicherheiten, Eindeutigkeiten, an stabilen Identitäten, die sich trotz Konjunktiv und Futur II (worauf Kathrin Röggla wie bereits in ihren früheren Prosa- und Theatertexten zurückgreift) nicht mehr einstellen wollen, weil selbst der sprachlichen Imagination einer (besseren) Zukunft nicht mehr genug Vertrauen, nicht mehr genug tatkräftiger Optimismus entgegengebracht werden kann, um sie in die Tat umzusetzen. Dadurch aber scheint gewissermaßen auch der Glaube an die Potentialität der Fiktion verloren gegeben zu sein, und wie die Figuren bleibt man als LeserIn schließlich etwas ratlos in der eigenen unerträglichen Gegenwart zurück, etwas enttäuscht, etwas verunsichert, aber vor allem unfähig, etwas zu verändern.

 

  • 1. Pierre Bourdieu: Prekarität ist überall. In: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Frankfurt a. M./Wien: Büchergilde Gutenberg 1999. S. 116.
  • 2. Sigmund Freud: Das Unheimliche [1919]. In: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1999. S. 227-287, hier S. 231.
Kathrin Röggla
Nachtsendung
Unheimliche Geschichten
S. Fischer
2016 · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-10-403682-3

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