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Kritik

Geschichten von der nachlässigen Routine des Todes

Katja Petrowskajas Buch »Vielleicht Esther« wird als Ereignis gefeiert. Es ist auch eines.
Hamburg

Sie sagt, sie schreibe keine Literatur. Vielleicht kann sie das nicht anders sagen. Denn in ihrer Muttersprache, dem Russischen, ist das Deutsche, die Sprache, in der sie schreibt, die Sprache der Stummen. Also kann man damit eigentlich nichts erzählen.

Dabei ist das Erzählen das einzige, was hilft. Und Katja Petrowskajas Familie hat über Generationen nichts anderes gemacht, als Stummen – taubstummen Menschen – das Sprechen, also das Erzählen beizubringen.

Seit Katja Petrowskaja 2013 mit einem Auszug aus ihrem Werk »Vielleicht Esther« den Hauptpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen hat, gilt das Buch als Ereignis. Das war schon vor Erscheinen im März 2014 so, seitdem erst recht. Die Autorin hat als Genrebezeichnung das schlichte Wort »Geschichten« gewählt. Treffender geht es kaum. Sie erzählt von ihrer Familie, von der Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Kiew, sie berichtet von Großmüttern und Großvätern und Onkeln und Tanten, und sie erzählt von der Suche nach den Einzelheiten aus deren Leben. Ihrer eigenen Suche. Die eine Suche nach dem ist, was passiert war, nach dem, was heute ist, nach einem Weg, all das in Worte zu fassen. Das ist möglicherweise keine Fiktion. Literatur ist es aber in jedem Fall.

Katja Petrowskaja wurde 1970 in Kiew geboren, sie hat den Niedergang und Zerfall der Sowjetunion miterlebt. 1990 kam sie mit ihrem Mann, einem Deutschen, nach Berlin, wo sie als Journalistin arbeitet. Für die Arbeit an »Vielleicht Esther« erhielt sie ein Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung und eines des Künstlerhauses Ahrenshoop. Und dann kam der Bachmann-Preis. Seitdem ist sie viel unterwegs, tourt, liest, wird im Betrieb herumgereicht. Anstrengend sei das, sagte sie neulich bei einer Lesung.

Das Schreiben wird anstrengender gewesen sein. Es ist eine Vergewisserung einer Familiengeschichte, die sich unvermutet eröffnete, als die junge Katja eine Schallplatte mit jüdischen Liedern nach Hause mitbrachte und Großmutter Rosa plötzlich anfing, auf Jiddisch zu singen. Da tat sich etwas auf, ein verborgene Seite, etwas Verschwiegenes. Die Großmutter, heißt es im Buch, hatte »nicht alle Tassen im Schrank«, direkt anschließend kommt der Hinweis, auf Russisch sage man, jemand habe »nicht alle zu Hause«. Und da liegt das Problem. Die Familie Petrowskaja hat nicht mehr alle zu Hause. Die Nazis haben dafür gesorgt.

Das bedrückendste Schicksal in diesem Zusammenhang hat die titelgebende »Vielleicht Esther« erlitten, Petrowskajas Urgroßmutter, deren genauen Namen man nicht kennt, weil der Vater der Autorin sie immer bloß »Babuschka« genannt hat – sie hieß nur vielleicht Esther. Sie war nicht mitgenommen worden, als die Familie 1941 vor den heranrückenden Deutschen floh, sie konnte nicht mitgenommen werden, ihre Beine machten nicht mit, sie konnte kaum laufen. Dann mußte sie, später, doch nach draußen, es war der Befehl ergangen, alle Juden der Stadt hätten ihre Wohnungen zu verlassen (es erwartete sie der Massenmord von Babij Jar). Die Urgroßmutter wandte sich auf der Straße an eine deutsche Patrouille, sagte: »Ikh kann nyscht loyfn azoy schnel.« Und da wurde sie sofort erschossen, beiläufig, ohne daß die Posten ihr Gespräch unterbrochen hätten, mit – wie es im Buch heißt – »nachlässiger Routine«.

Katja Petrowskaja hat diese und andere Geschichten aus ihrer Familie recherchiert und aufgeschrieben, mit einer meist nüchternen, mitunter humorvollen und manchmal sogar etwas kalauernden Sprache, aber immer respektvoll. Auch staunend. Erschüttert und erschütternd. Und mit einem Sinn fürs Erzählen, den vielleicht nur jemand aufbringt, der meint, er würde keine Literatur verfassen.

Kurz vor der Beschreibung des Todes der Urgroßmutter berichtet Katja Petrowskaja von der Flucht aus Kiew, wie die Familie noch auf einem schon vollgepackten Wagen untergebracht wurde, und damit der damals neunjährige Vater überhaupt mitgenommen werden konnte, mußte ein schon verladener Ficus wieder abgeladen werden. Wäre das nicht passiert, schlußfolgert die Autorin, wäre der Vater dageblieben und umgebracht worden, ergo gäbe es sie nicht, ergo verdanke sie diesem Ficus ihr Leben. Der Vater aber erinnert sich später nicht mehr an die Pflanze, vielleicht war sie Fiktion. »Es hat sich also herausgestellt, oder es könnte sich herausstellen, dass wir unser Leben einer Fiktion verdanken.«

Katja Petrowskaja
Vielleicht Esther
Suhrkamp
2014 · 285 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42404-9

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