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Kritik

Geschichten einer neuen Generation

Migrationsliteratur in Großbritannien

Anders als in Deutschland, existiert in Großbritannien seit rund 30 Jahren eine kreative, innovative und nicht zuletzt produktive Migrationsliteratur – sprich: eine Literatur von Autoren, die aus einem anderen Land stammen als dem, in dem sie leben. Gemeint sind damit nicht nur Schriftsteller wie Salman Rushdie oder V.S. Naipaul, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nach England kamen, und deren frühe literarische Erfolge – Naipauls Durchbruch kam 1961 mit dem Roman „Ein Haus für Mister Biswas“,1971 erhielt er den renommierten Booker Prize für „In einem freien Land“ – lange Zeit als Einzelphänomene galten. Ab den 1980er Jahren avancierte das Label „british-asian writer“ zu einem regelrechten Qualitätsmerkmal, und zunehmend auch zu einem Garant für kommerziellen Erfolg.

Die Autoren, fast durchweg jung, indischer oder pakistanischer Abstammung, in Großbritannien geboren, aufgewachsen und ausgebildet, schrieben über ihre Erlebnisse in einer Gesellschaft, die sie als die ihre ansahen – was nicht immer auf Gegenseitigkeit beruhte –, und in der sich der eigene Erfahrungsraum in der Regel fundamental von dem der Elterngeneration  unterschied. Zuhause, das war für sie Birmingham, Manchester oder der Osten Londons, während Bombay oder Karachi unbekannte Orte darstellten, an denen man allenfalls für ein paar Wochen im Jahr die Verwandten besuchte – vorausgesetzt, diese lebten nicht längst in England, Australien oder den USA.

Die familiäre Kommunikation verlief häufig bilingual; die Eltern sprachen Hindi, Gujarati oder Urdu, die Kinder antworteten auf Englisch. Dass dabei Unverständnis und Spannungen nicht ausbleiben konnten, versteht sich von selbst. Die Konflikte sowohl der Kulturen als auch der Generationen sind das verbindende Element in den Arbeiten von Autoren wie Meera Syal („Anita and me“, 1996), Monica Ali („Brick Lane“, 2002) und natürlich Hanif Kureishi, dessen „The Buddha of Suburbia“ (1990, deutsch: „Der Buddha aus der Vorstadt“) bis heute als Schlüsselwerk für die Entstehung einer modernen britisch-asiatischen Identität gilt.

Der überwältigende Erfolg dieser Bücher – „The Buddha of Suburbia“ verkaufte sich allein in Großbritannien über 500.000 Mal – ist für eine neue Generation britisch-asiatischer Autoren Chancen und Bürde zugleich. Als vorteilhaft erweist sich, dass das Interesse der Verlage an Geschichten aus der Feder junger Autoren mit indischem oder pakistanischem Familienhintergrundungebrochen groß ist. Probleme können jedoch entstehen, wenn damit eine Erwartungshaltung verbunden ist – sowohl von Seiten der Verlage als auch der Schriftsteller an sich selbst –, die das literarische Schaffen hemmt. 

Eine Befreiung aus diesem Dilemma versucht die von Kavita Bhanot herausgegebene Anthologie von Kurzgeschichten, mit dem bezeichnenden Titel „Too Asian, not Asian enough“. In der Einleitung erfährt man, dass Bhanot selbst viele Jahre an einem Roman geschrieben hat, der von einem indischen Guru und seiner spirituellen Anhängerschaft in Großbritannien handeln sollte. Doch obwohl Verlage Interesse signalisierten, geriet die Arbeit zunehmend ins Stocken – Bhanot erkannte, dass das nicht die Geschichte war, die sie erzählen wollte. Heute räumt sie freimütige ein, lange Zeit einem Irrglauben aufgesessen zu sein: dem Klischee des indischen Schriftstellers, von dem erwartet wird, dass er ein exotisch-orientalisches Märchen, zumindest aber ein von Rassismus und Diskriminierung überschattetes Immigrantenschicksal erzählt. Beides jedoch spielt in der Lebenswirklichkeit Bhanots, die derzeit in Manchester ihre Doktorarbeit schreibt, keine Rolle.

Wie Bhanot geht es in Großbritannien vielen jungen Autorinnen und Autoren mit asiatischer Familiengeschichte. Sie haben in Oxford, Cambridge, Nottingham oder Liverpool studiert, kennen die einstige Heimat ihrer Großeltern oft nur vom Hörensagen, und sind in den allermeisten Fällen wohlbehütet und frei von Diskriminierung in den bürgerlichen Wohngegenden Londons oder anderer englischer Städte aufgewachsen. In „Too Asian, not Asian enough” (Untertitel: „Fiction from the new generation”) erzählen sie ihre Geschichten. Zu Wort kommen bereits etablierte Autoren, wie Gautam Malkani, dem 2006 mit „Londonstani“ ein vielbeachtetes Romandebüt gelungen ist, aber auch gänzlich neue Stimmen, die, wie Amina Zia, hier ihre erste Kurzgeschichte überhaupt veröffentlichen.

Das Themenspektrum der Beiträge ist vielfältig, was an sich schon eine Kontakarierung der Erwar-tungshaltung an eine Anthologie junger asiatischstämmiger Autoren in Großbritannien darstellt. Es finden sich Geschichten, die auf den ersten Blick von der Lebenswelt ihrer Autoren losgelöst sind, wie etwa der Text von Suhayl Saadi, der den Leser auf eine Reise ins antike Rom mitnimmt, und vom Familienglück eines jungen Legionärs berichtet, das jedoch durch den Ausbruch des Krieges ein jähes Ende findet. Bei einem letzten gemeinsamen Abendessen, für dessen Zubereitung die gesamte Gewürzpalette des Orients zum Einsatz kommt, verabschieden sich die Familienmitglieder voneinander.

In der Gegenwart ist die Geschichte von Madhvi Ramani angesiedelt. Sie handelt von der indischen Großmutter, die, nach unzähligen Jahren in einem asiatisch Einwandererviertel, ein Häuschen in einem gutbürgerlichen (und vorwiegend von Weißen bewohnten) Vorortviertel bezieht, das ihr ihre Kinder spendiert haben. Dort kommt es, von Langeweile und Neugier getrieben sowie in Unkenntnis des ausgeprägten Bedürfnisses ihrer neuen Umgebung nach Privatsphäre – in ihrem alten Viertel wusste man stets, was nebenan gerade vorging –, zu einer peinlichen Begegnung mit den verborgenen sexuellen Fantasien eines Nachbarn. Auf den ersten Schock folgt jedoch die rasche Besinnung – und es ist schließlich die Großmutter, die auf den völlig verstörten Rollenspieler zugeht und ihn amüsiert auf eine Tasse Tee einlädt.

Natürlich spielt die Frage nach der eigenen Identität in den einzelnen Geschichten auch weiterhin eine wichtige Rolle. Sie wird von den Autorinnen und Autoren jedoch anders behandelt als noch vor 20 oder 30 Jahren, als das Großwerden in den Straßen der Einwandererviertel, geprägt von Ausgrenzung, kulturellen Konflikten und Familienzwist, oder, am anderen Ende des erzählerischen Spektrums, die farbenfrohe Exotik des südasiatischen Kontinents, die dominierenden Themen waren.

Ishani Kar-Purkayastha stellt dergleichen Klischees in mancherlei Hinsicht sogar auf den Kopf, wenn sie in ihrer Geschichte davon erzählt, wie der Sohn, der von seinen Eltern zum Studium nach Delhi geschickt wurde, nach etlichen Jahren und mit einem Abschluss in der Tasche nach England zurück-kehrt, um eine gutbezahlte Stelle in einem multinationalen Unternehmen anzutreten. Einziger Wermutstropfen: Da die Rückkehr überraschend um einen Monat vorgezogen wurde, verpasst die Mutter, die am selben Tag nach Delhi reist, die Ankunft ihres Sohnes um wenige Minuten. Die beiden laufen am Flughafen aneinander vorbei – getrennt lediglich durch eine dicke Scheibe aus Plexiglas.

„Too Asian, not Asian enough“ ist nicht nur eine anregende Sammlung von Kurzgeschichten, sondern auch ein hochspannendes literarisches Projekt. Hier meldet sich eine neue Generation britisch-asiatischer Schriftsteller zu Wort, die in ihrer Lebenswelt längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, und dies auch für ihre Literatur in Anspruch nimmt. Die Autorinnen und Autoren erzählen ihre ganz eigenen Geschichten, die auf Erfahrungen oder Imagination beruhen, und die mal mehr, mal weniger, und mal gar nicht von den Einflüssen ihrer Herkunft oder Familie geprägt sind. Damit brechen sie bewusst mit den tradierten Vorstellungen, wie „asiatische“ Literatur in Großbritannien auszusehen habe – und lenken unsere Aufmerksamkeit auf eine neue, frische Entwicklung in der britischen Literatur.

Kavita Bhanot
Too Asian, not Asian enough
Tindal Street Press
2011
ISBN:
978-1-906994242

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