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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Das Anprobieren von Orten

Hamburg

Was für ein Buch! Zuallererst muss der Verlag hochroth gelobt werden, der in Zeiten von e-book und self-publishing dieses sorgfältig gestaltete Bändchen „aus Papier“ vorlegt, das auch ein haptisches Geschenk ist.

Schmal ist das erste gebundene Werk der 1979 geborenen Kenah Cusanit, 36 Seiten, 27 Gedichte, um 6 Euro wohlfeil. Kaum erschienen wurde der Lyrikerin hierfür der mit 6000 Euro dotierte Bayerische Kunstförderpreis 2014 zuerkannt. Interessant die Begründung: Die Gedichte seien, mit suggestiven Klangmustern und Binnenreimen gesättigt sowie Techniken visueller Poesie einbeziehend, inspiriert von Natur und Häuslichkeit und würden in ihrer Tiefenstruktur psychologische Funktionsweisen des Erinnerns und die spannungsvolle Binomie des Vertraut-Eigenen und des Fremden bearbeiten. Häuslichkeit also! Ist schließlich eine Frau, diese Lyrikerin, und da passt die Punze offenbar (zu) den Begründern. Doch schon in den Zitaten am Anfang des Buches lesen wir von Desintegration und Entfremdung, die zur behaupteten Häuslichkeit so gar nicht passen wollen.

In vielen der Gedichte geht es um Orte oder, treffender, Ortszu- und –umschreibungen auf der Suche nach Verortungen. So heißt es etwa in einem Text:

Ort, der. / ursprüngliche Bedeutung: eine Stelle, die alle / anderen zusammenhält. / auch die vergessenen, / alten, ersetzten ...

Wohl ist ein solcher Ort auch das Haus, still und klein, aber nie im Sinne einer, vielleicht sogar putzigen, Häuslichkeit.

komme ich nach Haus, bin ich / allein ... lesen wir, dort geht es den / anderen wie mir: sie sehen nur mich. sich selbst / finden sie nicht.

Doch das Haus ist bloß ein Ort unter vielen (an)probierten. Ein solcher kann die alte Stadt sein, das Ende der Straße oder auch nur ein „sogenannter Ort“. Häufiger jedoch finden die Verortungen in der Natur statt. So heißt es etwa Ort über (oder hinter) dem Feld, hinter den Bäumen, zwischen den Eschen, dort wo das Gras wächst, der Wald, im Garten (mit Igel und Komposthaufen, trotzdem keineswegs Ausdruck irgendeiner Häuslichkeit), in den Apfelbäumen, hinter dem Zaun oder einfach „hier drüben“. Die Orte werden benannt und bleiben dennoch flüchtig wie Wind oder Himmel, unfassbar wie Wolken(abdrücke) oder ein Taganfang.

Es sind keine Idyllen, die Kenah Cusanit sich er- und verdichtet. Manches wirkt bedrohlich, ohne dass die Ursache der Bedrohung exakt fassbar würde, etwa wenn es heißt:

... die Erde drückte an den Ort / und der Ort an das Haus und dann sah das Haus / ganz tatenlos aus mit uns darinnen schon klein, / ganz klein gemacht.

Was macht es mit uns, wenn, an anderer Stelle, das Haus in den Ort wegrückt, wir lesend plötzlich vor einer Wand aus Luft stehen, wenn der Wind schief steht oder das Wetter durch den Ort fällt?

Gekonnt bedient sich Kenah Cusanit im Inventar der Natur und legt mit „aus Papier“ eindrucksvolle Gedichte vor, die sich beim wiederholten, auch lauten Lesen immer wieder anders entschlüsseln, manchmal rätselhaft bleiben oder sich neuerlich verrätseln. An einigen Stellen blitzt Schalk aus den Zeilen, der in der Aufforderung gipfelt: willst du mich verstehen, klapp die Ohren / ein, sei, unter den vielen, ein begabtes Schwein. Schließlich habe sich die Lyrikerin Mühe gegeben, denn ich habe mir extra für / diesen Aufwand eine Sprache erfunden. Der Lohn hierfür winkt beiden Seiten.

Kenah Cusanit
aus Papier
Hochroth, Berlin
2014 · 636 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-52-7

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