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Kritik

Die Frau stört immer

Kerstin Grethers Appell gegen Ignoranz und deren Konsequenzen
Hamburg

Ivor ist weg. Und doch ist Ivor noch voll da. Denn Ivor mag zwar Clarissa Underwood verlassen haben, mit Lilly Vegas aber muss er noch zusammenarbeiten. Im Studio feilen die Beiden am neuen Album von Lilly Vegas‘ Band Café Prag, dem Duo, das sie gemeinsam mit Benno gegründet hat. Auch mit dem war mal etwas, zwar kurz und nicht wirklich ernst, doch trotzdem verkompliziert es die Dinge. Denn Benno schlägt sich bald auf Seite des Pfaus, dem Radiojournalisten, der Lilly Vegas eigenhändig zum Stadtgespräch macht, um sie weiter und weiter zu diskreditieren.

Ja, Lilly Vegas hat es nicht leicht. Weder mit der Produktion der neuen Platten, noch dem Bollwerk von Kollegen, die nach der Devise »Die Frau stört immer« zu leben scheinen. Auch Clarissa Underwood, wie der Popstar Lilly Vegas bürgerlich heißt, muss ihre Bürde schultern. Nicht nur plagt sie plötzliche Beziehungsende, sie wird auch wieder und wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Eine Frau, die zwei Personen zugleich ist und sich auf beiden Fronten mit einem allgegenwärtigen Problem in doppelter Ausführung herumschlagen muss: strukturellen Sexismus.

Verbündete finden Clarissa wie Lilly nur wenige. In der Berliner Musikszene herrscht ein rauer Ton und der Opportunismus regiert. Solidarität zwischen den marginalisierten und systematisch ausgegrenzten Frauen? Fehlanzeige. Eine Verbündete hat Lilly in der verstorbenen Neo-Soul-Sängerin Amy Winehouse, einer Frau, der das Pop-Business das Rückgrat brach. Als Clarissa findet sie eine gute Freundin in Jasmina, einer punkigen Schülerin, die ihren Protest über ein Blog kanalisiert und sich gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Candice gegen die Vorurteile ihrer Mitschüler_innen zur Weht setzt. Die Beiden ergänzen sich bestens: Jasmina findet die Worte für die Ungeheuerlichkeiten, mit denen sich Clarissa wie Lilly konfrontiert sahen und immer noch sehen.

Kerstin Grether weiß, wovon sie in An einem Tag für rote Schuhe spricht. Weil sie, plump gesagt, wie Clarissa Underwood eine Frau ist und als Journalistin wie auch als Künstlerin wohl ähnliche Erfahrungen gemacht haben wird wie Lilly Vegas. Und weil sie ähnlich wie Jasmina überdies als unermüdliche Aktivistin oftmals die richtigen Worte finden und denen wiederum Taten folgen lassen musste. Es steckt viel Erfahrung, aber auch Wissen in Grethers zweitem Roman, gleichzeitig ist er aber mehr als nur eine bloße Bestandsaufnahme. Er ist vielmehr ein lebensbejahender Appell gegen die Ignoranz und deren Konsequenzen. Gegen Mobbing, Ausgrenzung, Vergewaltigung. Gegen Zustände, die eigentlich dem Allgemeinverstand bitter aufstoßen sollten und doch unsere Realität prägen.

Didaktisch wirken Grethers Ausführungen dadurch hier und dort schon, allerdings verpackt sie ihren Aufklärungsauftrag geschickt in die Empathie einfordernden Worte Clarissa-Lillys und lässt Jasmina die Aufgabe übernehmen, deren Ausführungen griffige Bezeichnungen zuzuordnen. Grether erklärt viel, erzählen tut sie aber umso mehr. Auch ist nicht eben alles so simpel, wie es zuerst scheinen mag. Die Welt, die Grether um erfundene wie reale Personen, echte Schauplätze und das notorisch halbseidene Pop-Paralleluniversum der Hauptstadt inszeniert, lässt sich nicht in ein Schwarz/Weiß-Schema pressen. Klar, es tauchen böse Männer auf, vor allem aber unreflektierte. Es gibt da aber auch die bösen Frauen und ebenso die unreflektierten. Selbst Clarissa-Lilly und Jasmina sind vor Makeln nicht gefeit.

Somit ist An einem Tag für rote Schuhe keine brachiale Anklageschrift, sondern eine Erinnerung daran, dass Fehler menschlich – das heißt: geschlechterunabhängig – sind. Grether unternimmt den gelungenen Versuch, ein Bewusstsein, Empathie und Verständnis zu schaffen, mögliche coping-Strategien zu entwickeln und schlussendlich diese Welt für Frauen wie Männer zu einer besseren zu machen. Ohne sich dabei jedoch im Spiegelsaal der Utopie zu verrennen: Am Schluss steht eben doch kein happy ending, höchstens ein halbes. Es kann eben keins geben, solange die Realität noch aussieht, wie sie es nun mal tut. Aber vielleicht, hoffentlich sogar, stellt Grethers Zweitwerk einen Beitrag zur Veränderung dar. Die Frau stört immer noch, sie möge es bitte weiterhin tun.

Kerstin Grether
An einem Tag für rote Schuhe
Ventil
2014 · 386 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-95575-015-2

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