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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Wie lebenslänglich

Beim Bachmann-Wettlesen ging Kerstin Preiwuß leer aus: Ihr Debütroman „Restwärme“ überzeugt durch lakonische Dialoge, krankt aber an Faschismus-Klischees.
Hamburg

Marianne ist Erdbebenspezialistin und lebt mit ihrer Teenie-Tochter in Ostberlin. Von ihrer Vergangenheit will sie nichts mehr wissen. „Immer, wenn sie nach ihrer Kindheit gefragt wurde, sagte sie, dass diese in einem anderen Land lag und von dort nicht einfach hervorgeholt werden konnte.“ Tatsächlich ist die DDR im Untergang begriffen – es ist die Zeit kurz nach dem Mauerfall. Konkrete Jahreszahlen nennt Kerstin Preiwuß in ihrem Debütroman „Restwärme“ nicht, allein die Umbruchstimmung zeichnet sich deutlich ab. Das Land ihrer Jugend gibt es nicht mehr – ihrer Vergangenheit entkommt Marianne trotzdem nicht.

Der Tod ihres Vaters holt sie zurück in die mecklenburgische Provinz, wo Mutter und Bruder noch immer in dem alten Haus am See leben, in dem Marianne aufgewachsen ist. Für beide scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der einzige Lebenssinn der Mutter besteht darin, den längst erwachsenen Sohn zu bekochen und seine Wäsche zu waschen.

„Ist wie lebenslänglich, ich komm hier nicht mehr weg“, lässt Preiwuß den Bruder in einem pointiert gesetzten Dialogfetzen sagen. In ihrer ausweglosen Banalität erinnern diese Gespräche an die Nonsens-Dialoge des absurden Theaters. „Ich muss Mittag machen. Hol mir mal Kartoffeln aus dem Keller“, gibt die Mutter tagtäglich in allen erdenklichen Variationen von sich. Niemand hört ihr zu, meistens nicht einmal sie sich selbst.

Marianne ist die Kuriosität inmitten dieser trostlosen Routine, die Abtrünnige, deren Lebensweise in jeder Facette („Isst du kein Fleisch?“) kritisch beäugt wird. Zunächst fühlt sie sich wie ein Fremdkörper. Weitaus bedrohlicher jedoch ist, wie schnell sie die Vergangenheit wieder am Haken hat. Von Tag zu Tag zieht sie sich enger um sie zusammen, „als ginge man durch einen Windkanal, als kröche man in den Geburtskanal zurück“.

In der Ecke steht immer noch das Luftgewehr, mit dem der Vater auf Krähen zielte, wenn er angetrunken war und ihn der Jähzorn packte. Allein der Anblick dieses Gegenstands schnürt Marianne die Luft ab und lässt sie in die Hölle ihrer Kindheit zurücktauchen.

Die klare, schnörkellose Sprache, die psychologisch-realistische Erzählweise, mit der Preiwuß Jetzt und Früher verwebt, machen vergessen, dass sie vor ihrem Romandebüt mit zwei Gedichtbänden in Erscheinung trat. Erstaunlich metaphernarm, ja geradezu auffällig konventionell, kommt „Restwärme“ daher – vielleicht auch in bewusster Abgrenzung zu Preiwuß‘ lyrisch-experimentellen Anfängen.

Eine Überlast an Faschismus-Metaphern, die Befrachtung des Textes mit einer Hypothek – der des kriegstraumatisierten Vaters – wurde Preiwuß trotz allem schon im Vorfeld vorgeworfen. Beim Bachmann-Wettlesen trug sie einen Ausschnitt aus ihrem Roman vor. Schauplatz des Grauens ist eine Nerzfarm in der DDR, Mariannes Vater für die Vergasung der Pelztierchen zuständig – schon sprach Jurorin Daniela Strigl vom „Nerz-KZ“.

Tatsächlich treten – kennt man den gesamten Text – Holocaust-Parallelen nur in dieser Szene derart plakativ zutage. Dass die sadistische Tyrannei des Vaters über Haus und Hof ihren Ursprung in seinen Kriegserfahrungen an der Ostfront nahm, wird zwar vorausgesetzt, jedoch an kaum einer anderen Stelle so deutlich ausformuliert.

Trotzdem hat die Jury nicht unrecht mit ihrer Kritik. Die Figurenkonstellationen sind altbekannt, und nicht immer schafft Preiwuß es, ihren Dynamiken neue Facetten abzuringen. Es gibt den mit harter Hand erzogenen Vater, der im Suff mit den Schussverletzungen aus dem Krieg prahlt und hernach Frau und Kinder schlägt. Es gibt die duldende Mutter, die zugleich Opfer und Komplizin ist. An einer Stelle bittet sie ihren Gatten, „es wenigstens unsichtbar zu tun, er sei doch bei den Nachbarn wie auf Arbeit ein angesehener Mann“. Dass unter diesen Umständen auch der Sohn zum Sadisten und Tierquäler heranwächst, ist so folgerichtig wie vorhersehbar.

Am nachhaltigsten wirken gerade die eher unspektakulären Szenen: Marianne, die stumm zusieht, wie der Vater den Bruder verprügelt, weil der nicht genug Klimmzüge geschafft hat. „Weil sie weiß, dass er eher von Hans ablässt, wenn sie aufmerksam ist, sieht sie immer ganz genau hin, denn es nutzt nichts, vom Ablauf des Schauspiels abweichen zu wollen.“ Die Überlebensstrategien der Kinder beleuchten den Sadismus des Vaters von einer anderen, erkenntnisreichen Seite, anstatt ihn mit Faschismus-Symbolik platt zu walzen.

Ein paar wenige schöne Kindheitserinnerungen brechen das Bild des brutalen Monsters auf und zeigen Mariannes zwiespältige Gefühl zu ihrem Vater. Stets spielt der nah gelegene See eine zentrale Rolle: Schwimmen und Krebse fangen im Sommer, Eislaufen im Winter. Selbst als der Vater einmal ins Eis einbricht und sich eine Lungenentzündung holt, hat das einen positiven Effekt: Er ist milde gestimmt während seiner Krankheit, nimmt sich sogar Zeit, mit seinen Kindern auf dem Schoß ein Pflanzen- und Tierbestimmungsbuch anzusehen.

Die Liebe zur Natur hat Marianne sich bewahrt; zumindest eine lebensbejahende Kraft blieb also aus der Kindheit erhalten. Im Jetzt unternimmt sie lange Spaziergänge zum See und durch die Wälder. Schön-melancholische Naturbilder dämmern herauf, wie etwa der „Friedhof der erfrorenen Schwäne“.

Die Katharsis hingegen wirkt platt und aufgesetzt: In ihrem alten Bett unterm Dach kann Marianne nach Jahren endlich wieder weinen (die Parallele zum Vulkanausbruch, ihrem Fachgebiet, ist kaum zu übersehen). Dann nimmt sie Nadel und Faden zur Hand und flickt den Riss im Fell ihres Teddybären.

Warum der Roman auf diesem abgegriffenen Bild der Heilung beharrt, wird nicht ersichtlich. Dass eine Reinwaschung der Seele so leicht nicht möglich ist, suggerieren bereits Mariannes Gedanken an die Rückkehr: Kurz vor der Abreise aus Berlin ist ihr im Streit mit ihrer Tochter die Hand ausgerutscht. Ein Teufelskreis scheint sich zu schließen. Mariannes Angst, den Jähzorn ihres Vaters geerbt zu haben, seine Traumata auf die nächste Generation zu übertragen, kann sie nicht in der mecklenburgischen Provinz zurücklassen. Sie wird diese Angst mit zurücknehmen nach Berlin und sich ihr stellen müssen.

Kerstin Preiwuß
Restwärme
Berlin Verlag
2014 · 224 Seiten · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-8270-1231-9

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