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Kritik

Etwas fehlt immer am perfekten Tag

Hamburg

Klaus Martens neuer Gedichtband „Abwehrzauber“ entführt den Leser in verschiedene Welten.

Rinderschädel und Rippenkäfig als Zaubermittel. Das Gedicht, das dem Band den Titel gab, findet der Leser im ersten Teil, in dem Klaus Martens Landschaft und Menschen in Arizona mit surrealen Bildern von Max Ernst assoziiert. Die Gedichte in den weiteren Kapiteln spannen hingegen einen großen Bogen voller Themen aus Alltag und Natur, wobei der Autor auch hier gleichsam augenzwinkernd seine Kommentare und somit einen anderen Abwehrzauber einfließen lässt. Die vorliegenden Gedichte sind, wie der Autor in einem Vorwort schreibt, seit 2009 entstanden, greifen aber auf Reisen und Erlebnisse aus vierzig Jahren zurück.

„Ort ist überall“. Und, so könnte man hinzufügen, jeder Ort verlangt einen ganz speziellen Ton. Neunzehn Gedichte enthält das Eingangskapitel „Landschaft mit Max Ernst“. Hier gelingt es dem Autor, Arizona mit Worten visuell vor Augen zu führen. „Ich bin in einer Landschaft / von Saguaro-Kakteen und Adobe Häusern. / Es ist ortsüblich heiß und ein alter Ford / mit vollgepacktem Anhänger poltert / in roter Staubwolke vorüber.“ In einem anderen Gedicht werden Kakteen zu „Orgeln, in denen der trockene Wind saust“, der Ford wird zu einem „schwarzen Ford“ und somit zu einem Bild, das sofort Erinnerungen an amerikanische Filme aus den Fünfziger Jahren abruft. Bezugspunkte gibt es viele. Die „engen Täler von Glas und Zement“ in Manhattan sind ein „Totenreich“ genauso wie das verlassene Leben in „Sedona, Arizona / mit seinen roten Spitzen und Riesenhocken“. Sedona ist allerorten in diesen Gedichten. In den roten „Erosionskathedralen“, die Gaudí in Barcelona nachbaute, und in „den Kalksteinhöhlen der Ardèche“.

Überhaupt die Farben der Natur. Martens liebt sie und gibt sie ausführlich wieder. In „Oben und Unten“ heißt es: „das oberirdische Rot bei Sedona, / das unterirdische Braun und Ocker, / die unirdischen Farbgebilde / unter dem steigenden, tiefgelben Mond / auf blutigen Mesas“ und, so schließt dieses Gedicht, „auf den Leinwänden von Max Ernst.“

In den anderen fünf Kapiteln dominieren Gedichte, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Natur und den Jahreszeiten befassen. Auch hier gelingen dem Autor sehr schöne Bilder. Diese stehen allerdings selten nur für sich. In dem Gedicht „Natter“ wird beispielsweise beschrieben, wie elegant und selbstsicher die Schlange ins Wasser gleitet, während sich das lyrische Ich auf „schwankendem Steg“ recht unsicher fühlt.

Mehrere Gedichte behandeln den Übergang der Jahreszeiten. „Es ist zugleich zu spät und zu früh“, schreibt Martens in „ Der Himmel kommt näher“ und „es ist / Sommer und wieder nicht, es ist Winter noch / nicht, Herbst liegt versteckt in den Regenrinnen“. Dann wird die Frage gestellt: „Was soll aus uns werden, wenn der erwartete / Zeitenlauf bricht, zerstörte Brücke im Jahresfluss?“

Viele Gedichte von Klaus Martens erzählen ganze Geschichten. Auch Geschichten, die nicht immer gut ausgehen, wie in dem Gedicht „Gewitter“. Trotz Blitzableiter, so wird hier beschrieben, kann die Naturgewalt „in der vollständig erklärten Welt“, in der jeder ein Held ist und sich „bombensicher geerdet“ fühlt, böse ausgehen. Denn „Mythologisch betrachtet, auch erledigt: Zeus, Thor – ach Gott, sehr pittoresk.“ Hier zeigt sich Martens’ Spaß an lakonischer Sprache und Ironie. Der „Donner, na gut“, sagt er und über sein Sternzeichen teilt er mit, er sei „im Zeichen der Jungfrau/ geboren, eine Jungfrauengeburt. Na, / nicht übermütig werden.“

Blickt ein Autor auf vierzig Jahre zurück, werden zwangsläufig auch Veränderungen reflektiert. Dies wird beim Lesen des Gedichts über die „Erinnerung an Dylan Thomas“ deutlich. „Heiß übersetzend“, so der Anglist Martens, habe er sich früher an ihn herangewagt, doch er sei ihm „mit dem Alter fremder geworden“, er könne nicht mehr „wie im Rausch mit ihm / den Kindheitshügel hinab eilen, besprenkelt / von Apfelzweigen im windabgeworfenen / Licht“.

In ihrer Vielfältigkeit bereiten die Gedichte von Klaus Martens ein großes Lesevergnügen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich seine Poetik, wie er in „Mein Gedicht“ darstellt, aus zahlreichen „Bausteinen“ zusammensetzt. „Alle Steine sind darin, die bunten Kiesel vom Strand / von Patmos“. „Und darin / füge ich meine erste Liebste / und meinen ersten Freund, / die vergangenen Eltern, Euch, / und all meine Tage, die werden.“

Klaus Martens
Abwehrzauber
Conte
2012 · 164 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-941657717

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