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Kritik

Flugschneisen über zugewachsenen Gärten

Hamburg

Wir gratulieren Klaus Merz zum Friedrich-Hölderlin-Preis 2012.

„Merz überzeugt als Lyriker und als Erzähler dank seiner Gabe, ebenso leicht wie knapp und präzise zu formulieren – eine Fähigkeit, die wir nur bei sehr wenigen Autoren antreffen“, sagt der Jury-Vorsitzende Jochen Hieber.

Klaus Merz, 1945 in Aarau geboren, lebt als freier Schriftsteller in Unterkulm. Seit seinem ersten Gedichtband Mit gesammelter Blindheit (1967) verfolgt er ein konsequentes und vielfältiges dichterisches Programm. Sein Werk umfasst mehr als 20 Gedichtbände, Erzählungen und Prosatexte. Nicht zuletzt sein 1997 erschienenes Buch Jakob schläft trug ihm großen internationalen Erfolg ein.

In jüngster Zeit sind von Merz die viel beachtete Novelle Der Argentinier (2009) und sein Gedichtband Aus dem Staub (2010) erschienen. Der Haymon Verlag bringt nun eine vollständige Werkausgabe von Klaus Merz heraus, deren erste drei Bände bereits erschienen sind. Damit werden auch unbekanntere und teils vergriffene Werke wieder zugänglich. Klaus Merz wurde mehrfach für sein literarisches Schaffen ausgezeichnet: u. a. mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung für seinen Roman LOS (2005), mit dem Gottfried-Keller-Preis für sein Gesamtwerk (2004), mit dem Aargauer Kulturpreis (2005) und mit dem Basler Lyrikpreis (2012). (Quelle: Haymon Verlag)

Mit manchem anderen teilt Klaus Merz den Umstand, daß sein lyrisches Werk bisher nicht vollends die Aufmerksamkeit erlangt hat, die es eigentlich verdient hätte. Die vom Haymon Verlag unternommene Werkausgabe, als deren erster Band die frühen Gedichte erscheinen, ist sicherlich in hohem Maße dazu geeignet, diesem Mangel abzuhelfen. Denn Klaus Merz ist nicht nur, wie oft in den Kritiken zu lesen ist, ein Meister der Lakonie, sondern auch der Kürze und Präzision. Vor allem ist bemerkenswert, daß seine Gedichte von Anbeginn, das heißt seit nunmehr beinahe fünfzig Jahren, in einer Tonlage sprechen, die bis heute kaum eine Spur von Patina angesetzt hat.

„In zugewachsenen Gärten / sitzen die Jünger / und warten auf einen / der kommt“, heißt es in einem bisher unveröffentlichten Gedicht aus dem Vorlaß. Die Sphäre von Gethsemane ist allerdings ihres ursprünglichen religiösen Kontextes beraubt, sie ist metaphysisch zeitlos und in unsere Gegenwart transportiert: Warten als existentielle Grundsituation. Jedes Flugzeug ist ein Versprechen, aber auch die Gewißheit, daß es fast unmöglich ist, sich vom Boden zu heben. Nur eines bleibt: „warten auf einen, der kommt / und sie schwerelos macht.“ Vielleicht sind die „Jünger“ diejenigen, die heute auf den Dichter warten? So könnte man ohne allzu große Gewalt interpretieren. Und er, der Dichter, ist es, der Flugschneisen in die überwucherten Gärten schlägt und ein Gefühl erdenschwerer Leichtigkeit vermittelt.

Nun verbergen manche von Klaus Merz’ Gedichten ihren religiösen Unterton nicht, aber sie gleiten niemals in gefühligen Kitsch ab, sind vielmehr ganz von religiösem Ballast befreit, und ihre Metaphorik nimmt sich wie kostbar geschnitzte Votivtafeln aus längst vergangener Zeit aus, die man mit Melancholie betrachtet. Überhaupt ist das Eindringen von Metaphern in die Beschreibung beinahe allen Gedichten gemeinsam und konstituiert ihren typischen Ton. Auf diese Weise gelangt Merz zu eben jener Verknappung, die das Gedicht an den Rändern faserig offen läßt für die Imagination des Lesers.

Ländliche Szenen, Schneemomente, Gefühle stellen die häufigsten Initialzündungen dar. Die ernste Betrachtung der frühsten Gedichte weicht indes nach und nach einem ironischen Unterton, der eine vom schreibenden Subjekt abgelöste Distanz hereinbringt. Merz scheut das Wortspiel nicht, doch es ist nicht platt oder lädt zu heiterem Lächeln ein, sondern ist im Gegenteil nicht ohne Bitterkeit: „Vier Vorwände / ergeben kein Haus. / Und tun als ob / da ein Dach wär / reicht nicht mehr aus.“ Dabei stört, bildlich gesprochen, das eine oder andere moralisch beschwerte Frage- und Zeigefingerzeichen den Verkehr über den zugewucherten Gärten kaum, denn es ist mit großer Zurückhaltung formuliert.

Der immer wieder heraufbeschworene Wechsel der Jahreszeiten steht gleichsam symbolisch für alle transitorischen Bewegungen, die das Gedicht festhält. „Ich höre dich den Verlust / des Laubes beklagen: / So findet deine Trauer / Nahrung, Jahr um Jahr.“ Was für die Natur gilt, das gilt auch für die menschlichen Gefühle, sei es Freude, sei es die Trauer. Der Brennstoff für die lyrischen Flugschneisen des Klaus Merz ist nämlich die — keineswegs verbrauchte — Hoffnung.

Klaus Merz · Markus Bundi (Hg.)
Die Lamellen stehen offen
Frühe Lyrik 1963-1991
Haymon
2011 · 240 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-852186542

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