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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Schüsse am Wannsee

Hamburg

Kleistfabrik heißt das Buch, dessen Titel verspricht, Kleist mit der Gegenwart abzugleichen oder eine Produktionsstätte zu beschreiben, in der lauter kleine Kleiste vom Band rollen. Beides wäre wünschenswert, aber leider erwartet den Leser etwas ganz anderes.

Goethe hat der Legende nach mit Penthesilea nichts anzufangen gewusst. Vielleicht war er beunruhigt, dass Liebe sich darin auch antikisch in einen schnöden Verwertungszusammenhang stellen lässt. Die Amazonen in Kleist Schauspiel bedienen sich der männlichen Herrlichkeit einzig zur Erzeugung ihrer Nachkommenschaft. Danach geht das Männchen den Weg des Gottesanbeters. Nun gut, es wird nicht verspeist.

Kann schon sein, dass Goethe Angst bekam vor solcher Fantasie, was ihn letztlich zur Bemerkung führte, dass das Romantische das Kranke sei. Jedenfalls lehnte er das Stück für sein Theater ab und es brauchte einige Jahrzehnte bis es nach Kleists und Goethes Tod 1876 zur Uraufführung kam. Kleist hatte das Stück 1808 geschrieben.

Es scheint, dass unsre Zeitgenossen zumindest in diesem Punkt gelehrige Schüler des Dichterfürsten Goethe sind.

Die Gemeinde Eisenhüttenstadt vergibt jährlich den Stahlliteraturpreis. Vielleicht erinnert sie damit an die sogenannte Ankunftsliteratur, deren Namen auf das Buch Ankunft im Alltag von Brigitte Reimann zurückzuführen ist, ein Buch das den Aufbau der Stahlstadt beschreibt und so etwas wie eine Utopie formuliert: die Ankunft der Intellektuellen im Alltag der Werktätigen. Gut, diese Utopie ist gescheitert. Zum einen, weil die Werktätigen keinen großen Wert auf die Anwesenheit der Intellektuellen in ihrem Alltag legen, zum anderen, weil die Intellektuellen mit Hitze und Staub nicht allzuviel anzufangen wussten. Also ziehen sich beide Seiten auf die ihnen angestammten Inseln zurück. Die einen nach Malle, die andern nach Mykonos.

Man verzeihe mir diesen etwas launigen Einstieg in eine Besprechung, aber ich war bei der Lektüre der gesammelten Wettbewerbstexte, die unter dem Namen Kleistfabrik im Verlagshaus J. Frank erschienen sind, ein wenig schockiert und fühlte mich zuweilen in düsterste Romantik versetzt.

Der Stahlliteraturpreis 2011 wurde entgegen den anderen Jahren als Einladungswettbewerb gestaltet. Aufgabe der Eingeladenen war es, sich in weitestem Sinne auf Kleists Werk zu beziehen. Soweit so gut! Aber was fällt den meisten männlichen Eingeladenen ein? Da war doch die Sache mit dem Wannsee und der gemeinschaftliche Selbstmord mit Henriette Vogel. Ratsch!

Entsprechend zeigt auch das Cover des Buches vor silbernem Hintergrund eine Patrone und zwei leere Hülsen. Als wäre Kleists Selbstmord sein literarisches Hauptwerk gewesen. Aber: ein Selbstmord ist nicht Literatur, sondern das Ergebnis einer psychischen Erkrankung und der Unfähigkeit der Gesellschaft, in einem solchen Fall zu helfen. (Es ist schon merkwürdig, so etwas formulieren zu müssen. Als wäre Goethes Werther das aktuellste zum Thema.)

Meiner Meinung nach gehört Kleist zu den anregendsten und auch rezeptabelsten Autoren deutscher Zunge überhaupt. Und so wie es scheint, sind es vor allem die Frauen, die das bemerken, während sich die Männer mehrheitlich in larmoyanten Weltschmerztexten ergehen. Einzig Linus Reichlin und Thomas Gsella ziehen ihre Köpfe aus der Schlinge, der eine reimend! der andre fabulierend, während Maik Lippert den seinen, noch anfangs akzeptablen Texten, im letzten Moment noch hineinbekommt. Gewissermaßen stellvertretend sei hier das Ende seines Beitrags zitiert, das an Sozialromantik kaum zu überbieten ist:

„.../ denunziert beim Jobcenter/ Wurde gegen ihn Regress erhoben./ Anzeige wegen Sozialbetrugs, /Eintrag ins Führungszeugnis folgten./ Mit einer vermutlich Krebskranken suchte er nun öfter die Nähe/ Des kleinen Wannsees./ Am 21. November führten sie eine Schusswaffe bei sich.“

Vielleicht hätte man hier auf den Kleistbezug einfach verzichten müssen, zumal der Text „LENIN FEHLT“ heißt.

So einfach ist das also, steigende Repression führt flutsch zum Selbstmord. Naja,  es gibt Gegenden der Welt über die man sich wundert. Trotzdem sind sie bewohnt!  Es kann nichts schaden, liebe Kollegen, dass man sich mit zeitgenössischen Theorien über Selbsttötung befasst, bevor man einen solchen Akt als dramaturgisches Mittel einführt.

Natürlich will ich nicht verschweigen, dass der Band auch Texte enthält, die mich begeistert haben. Es wäre auch zu tragisch, wenn ein Autor wie Kleist die Menschen nur an den Selbstmord erinnert. Die Texte, die anregend sind und Spaß bereiten, sind die, die sich an den Rändern der Sprachkunst abarbeiten. Aber eben nicht zum therapeutischen Spracheinsatz oder zum Wahnsinn, sondern den anderen Künsten oder Wissensgebieten hingewandt.

Sarah Khans Text Hausentstörer beispielsweise untersucht auf quasi dokumentarische Art die Arbeit, die notwendig ist, um ein Haus von Gespenstern zu reinigen. Ein humorvoller Text, der die quasi ernsthaften Selbstmordtexte dahingehend ad absurdum führt, weil er nicht anders als sie einen Mythos zum Vorbild hat, aber eben nicht ins Alltagsmystische abgleitet. Er gibt nicht vor zu wissen wovon er keine Ahnung hat und basiert auch nicht auf einem Volksvorurteil, dass er als Wissen ausgibt. Eine gewisse Geisteraustreibung haben wir wohl alle nötig, so scheint es.

Uljana Wolf spielt in ihrem Beitrag „von den syncopen“ auf die Musikalität der Kleist’schen Sprache an und verbindet diese mit den oftmals fast irrwitzigen Wendungen in seinen Anekdoten. Virtuos erforscht sie hier die fulminante Gegenwärtigkeit der Kleist’schen Texte. Als sei der junge Mann, der er ja geblieben ist, ein Zeitgenosse.

„hinter jeder eins steht
                                  eine gute null
                                                          und hält den Rücken frei
welchen rücken
                       war ein strich und was entwich
                                                                      der Sprache logisch
durch die wir sanken
                                  mit unseren absencen
                                                          übten schwerkraft schwänzen“

So endet Wolfs Text und erinnert an Kleists Aufsatz über das Marionettentheater, der im Zentrum der lyrischen Beitrags von Silke Scheuermann steht.

Aber auch Scheuermann lässt es sich leider nicht nehmen, ihren Text mit Kleists Selbsttötung engzuführen. Kleists Schwester betrauert den Selbstmord, heißt der letzte Text in ihrem Zyklus und endet in romantisierenden Mystizismus:

„Das war der Augenblick: Da/ war es mir nicht länger möglich/ so zu tun, als ob ich/ es aushielte, dein Schreiben zu lieben,/ ohne die Hölle zu spüren, durch die du/ immerzu gehst.“

Na gut, meine Hölle wären zunächst die pathetischen Zeilenbrüche in Scheuermanns Text. Zum Glück ist der lyrische Siegertext des Wettbewerbes frei von derartigem Quark. kleistkubus, klandestin heißt der sechsteilige Zyklus von Kathrin Schmidt und kommt in seiner Annäherung an den Dichter ohne jede Mystifikation aus. Insofern hat die Stahlpreisjury eine akzeptable Entscheidung getroffen.

Stahlstiftung Eisenhüttenstadt (Hg.)
Kleistfabrik
Literatur der Gegenwart im Dialog mit Heinrich von Kleist
J. Frank
2012 · 168 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-940249845

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