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Kritik

Pate, Paste, Pastor, Pathos

Konstantin Ames, sTil.e(zwi) Schenspiele
Hamburg

Pathos ist ein hintergründiges, aber das zentrale Stichwort für diese Rezension:  Nichts hasst Ames mehr als das pathologische Missbrauchen der Sprache zum Beschweren der Dinge.

Ames ist in der Lage und stellt alles auf den Kopf, sogar das Selbstverständlichste, er dreht es rum und lässt es stehen und schüttelt schon längst am Weiteren. Er kürzt es ab und stellt es bloß, schneidet herum und verbuchselt, apostrophiert, beklammert, verwechselt (nein: bewechselt!). Er reminisziert, zitiert, skurrilisiert, imitiert, macht nach, äfft an, sticht zu, macht an, macht los, schafft bei, rafft weg, schüttet ein oder aus, luftwärts zischend, grummelt hinab zu den Gewichten. Ames lässt der Sprache nichts gefallen, verteidigt sie als längst nicht alt, als immerneu, schön und bizarr und sogar bedeutend. Aber er reißt sie vom Packtisch, zerreißt das Geschenk und streut für die Meute Knochen aus, weil sie kläfft. Ames‘ Sprache interagiert mit unseren Erwartungen und durchkreuzt sie, nicht um uns zu (ent)täuschen, sondern um das Enttäuschtsein zu verwinden, um auszuhalten, was man ihr andernorts antut in den Folterkammern der Pathosverwalter.

Ames hat ein feines Gespür dafür, wie billig es ist, Traditionen zu pflegen. Das kostet nichts, die notwendige Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, sie war gestern. Er verneint das nicht per se, aber er misstraut jedem Kostüm aus der Lade, misstraut der Fastnacht genauso wie dem Nikolaus, und setzt dem – oft zornig und oft trotzig bis rotzig - seine Gedichtzeilen entgegen:

Ach Träumen wird Pflichtfach?

Ames veranstaltet das nicht nur zum Spaß. Das sieht erst so aus, so völlig eigen und abgedreht, so ganz aus einem selbst geholt, mit null Bezug zum andern. Aber das stimmt nicht, er bezieht sich, bezieht Stellung und ist äußerst kämpferisch, angriffslustig – er beatet an und haut den Beat aber auch durch:

Wie die Scheiße in die Köpfe kommt wissen zu wollen ist eines / aber irgendwann muss dann aber auch eine Klärgrube dafür gefunden werden.

Und Ames ist alles andere harmlos! Er springt uns an aus seinen Texten, übt Verrisspraktiken und spielt (Vor-)Urteilssysteme durch. Er wechselt oft in eine Pseudounterwürfigkeit und bespielt Amtssituationen, also hierarchische Setups. Dabei zeigt er, wie viel Freiheit für uns verloren geht im alltäglichen Ja-Und-Amen. Ich vermute, er ist ein Anarchist, der die Herrschaft nicht akzeptieren kann, weil für ihn etwas anderes vorherrscht, also vor jeder Herrschaft kommt: die Freiheit der Sprache. 

Was ich verstanden habe und auch immer noch verstehe, ist, dass all das z.B. von der Jury des Darmstädter März 2015 NICHT gesehen wurde, und also eine so renommiert besetzte und überwiegend routinierte Jury (mit einem vorneweg reitenden Drawert an der Spitze) absolut unfähig war, solche Zusammenhänge herauszuschmecken. Das ist einem Festhalten geschuldet, das gar nicht so sehr mit Sprache zu tun hat, sondern damit, ob ich dem Pathos Definitionshoheiten in meinem Leben zugestehe oder nicht. Vergleicht man (nur zum Beispiel) Ames‘sche Texte mit den Krauseschen Siegertexten, tritt dieser Grundkonflikt offen zu tage. Während Ames weg will von den alten Tränen („Zetert nicht – zerrt!“), suhlt sich Krause im Blues – und so wurde die Darmstädter Veranstaltung eine Verteidigung der großen alten Gefühle gegen den Ansturm der Offenheit, die auch wund macht. Man hat nicht Krause erwählt, sondern Pathos verteidigt, um Anderes, Aufbrechendes zu verhindern; man ist starr geblieben und sollte doch im Vitalen fischen, da es um die Kollision der Zeit mit dem Prinzip Wort geht.

Mir jedenfalls haben die Kollisionslektüren in Ames‘ Buch ausnahmslos sehr viel Freude gemacht und Lust auf Nichtstille, Beat, Sprache, Spiel – und wer weiß, wo das hinführt?

( … da seh‘ ich ein Wortspiel: Wenn ich das Fragezeichen weglasse, und zwei Buchstaben tausche, bin ich nicht mehr bei Ames, sondern bei Drawert: Der weiß wo was hinführt. Das ist der fühlbarste Unterschied: trotz – und manchmal gerade wegen – aller ichigen Erzählung ist Ames bewusst ein Frager geblieben. Drawert tut sich als schwergewichtiger Wisser dar. Mir persönlich gefällt das spielerische Hier weitaus besser als das Gebet in der persönlichen Kirche und der seraphine Ton, den bereits Benn als Kennzeichen des unzeitgemäßen Gedichtes ausmacht und wie man ihn in David Krauses Lyrik reichlich findet. [Tja, und dann haben wir aber noch nicht von dem geilen Souljazz-Scheiß gesprochen, dessen groove ich derzeit verfallen bin, das ist alt UND gut]).

Das Schöne ist immer bizarr

sagt Baudelaire in einem Essay zur Weltausstellung 1855.

Das versiegelte Codewort meiner Intimität ist nicht Fastnacht

sagt Konstantin Ames. Und der Pastor drawert in der Girche: Passte mal auf! Dem Pathos heiligt die Middel.

 

Konstantin Ames
sTil.e(zwi) Schenspiele
Saarländisches Künstlerhaus
2016 · 108 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-945126-30-1

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