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Kritik

Verharren eröffnet Räume

Kurt Aeblis philosophische Gedichte über Einzelheiten
Hamburg

„Wenn ich für Augenblicke irgendwo / still / stehe, bin ich / immer noch / zu schnell“. Stehen bleiben, den Atem anhalten, schweigen und immer wieder der „Wunsch, jede Einzelheit wirklich / zu sehen“, sind die Eigenschaften, des lyrischen Ichs aus Kurt Aeblis neuem Lyrikband „Tropfen“. Vor allem in der Natur findet der Autor viele, normalerweise unbeachtete Kleinigkeiten, die er in seinen Versen so beschreibt, dass ihre Größe sichtbar wird. Da ist von einzelnen Regentropfen die Rede, von der „Sprache des kleinen Bachs“, von der „Schönheit / der kahlen Bäume“ und immer wieder vom Wald. Aber diese Begegnungen mit der Natur sind kein Selbstzweck, sondern die Suche nach neuen Möglichkeiten. „Der Wald: wie ein Haus, in dem man/ tagelang gehen kann von einem Zimmer zum / anderen und findet nie / zurück ins erste Zimmer, / denn als man es verließ, war es bald  / ein anderes: und so geh ich / (in der Hoffnung, selber ein anderer zu werden / immer einen zu finden, der mir noch neu ist)“.

Viele Gedichte handeln davon, wie der Mensch sich in der Natur (vereinzelt auch in Städten) bewegen muss, wenn er Details wahrnehmen will. Schlüsselwörter sind in diesem Zusammenhang „schweigen“, „stehen bleiben“ und  immer wieder „langsam gehen“: „setze ich einen Fuß / langsam / vor den andern“, schreibt er.  Gegensätze dazu bilden der Radfahrer, der so grell wie kein Wort ist und  die „Bestie“ Auto.   Die Zeilen „Schnell dreht / sich das Rad“ leiten ein Gedicht ein, das von der Gefährlichkeit eines Sprungs in der Autofrontscheibe handelt und es ist sicherlich kein Zufall, dass in diesem Zusammenhang von Vergänglichkeit die Rede ist. So steht die Hektik der Menschen, die ihr Handy wie ein Baby „an brutwarmem Ort“ verstecken, der Entdeckung der Langsamkeit gegenüber.  „Die meiste Zeit / machen wir / zu viel: / aber der Augenblick, / für den alles / sich lohnt, ist immer / der Augenblick / jetzt.“ Diesen Gedanken findet man wieder in einem der Gedichte, die sich mit dem eigenen Schreiben beschäftigen, die beschreiben, wie schwer es ist, genau für diese winzigen Augenblicke die richtigen Worte zu finden. „Seit Wochen stehe ich mir selber im Weg“, lautet die schöne Überschrift,  und  dann schreibt Aebli: „ Ich sehe nichts mehr. / Nur noch Hindernisse. // Alles / verfinstert mich. // Wie ein Messer, das ich plötzlich halte: // Alles, was ich schrieb.“

Mit diesen Worten ist der Autor allerdings zu streng sich gegenüber. Der Band enthält viele zarte Gedichte, die gerade in der Betonung des Kleinen schöne Bilder entwickeln. Der Mensch wird als Teil der Natur gesehen, einer Natur, die ihm oft überlegen ist.

Manche Gedichte nehmen überraschende, geradezu absurde  Wendungen. Das Gras steht hoch / auf dem städtischen / Friedhof. //Wo gemähnt wurde, liegen // Lebende. //Noch über der Erde, / noch üben sie ja nur.“

Der letzte sechste Teil des Lyrikbandes ist dem Schweizer Komponisten und Dirigenten David Philip Hefti gewidmet. Als einziges Kapitel hat es eine Überschrift. Sie heißt „Endloser Anfang von allem“. Hier hat  Aebli die Worte Klang und Farbe in den Mittelpunkt und in  den großen Zusammenhang von Geburt und Tod gestellt. „Wenn ich an den entscheidenden Augenblick denke: / was werde ich entscheiden wollen? / Wie wird dann die Welt klingen? / Wird alles nur noch Klang sein ohne Welt und ohne mich?“

Diese Gedichte  haben einen im wahrsten Wortsinn anderen Tonfall. Sie sind länger und abstrakter als die vorhergehenden. Insgesamt ist „Tropfen“ ein schöner Lyrikband, der zeigt, dass auch (teilweise sehr) kurze Gedichte große Wirkung haben können.

Kurt Aebli
Tropfen
Edition Korrespondenzen
2014 · 112 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-902951-04-5

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