Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Vertrauen in das Geschehen

„Seit 1998 wird unter Leitung des Schriftstellers Kurt Drawert die Darmstädter Textwerkstatt durchgeführt, ein Forum für junge Literatur, das inzwischen zu einer anerkannten Instanz der Nachwuchsförderung im Rhein/Main-Gebiet wurde und auch überregional frequentiert ist.“ erfahren wir auf den webseiten des „Literarischen März“. Diesmal hat man sich getroffen um den Jahrgang 2009/2010 zu verabschieden. Im Kennedyhaus findet die Lesung statt, es gibt Wasser und Wein und eine geheftete Broschür liegt kostenlos direkt neben dem Eingang aus: „Die Haltbarkeit des Glücks – Die Darmstädter Textwerkstatt 2009/2010“ – eine Anthologie mit Kurzprosa und Gedichten der Scheidenden.

Kurt Drawert findet einleitende Worte und findet sie zunächst nicht. Sichtlich bedrückt von neuesten Sparbeschlüssen der Stadt, die das ohnehin kaum vorhandene Budget weiter schrumpfen lassen. Mit ohne Geld muß es gehen. So wie im letzten Jahr als Bei Dao, einer der bedeutendsten Lyriker der chinesischen Gegenwartsliteratur, und sein Übersetzer Wolfgang Kubin von Berlin kommend Zwischenstation auf der Darmstädter Lesebühne machten und ohne Gage auftraten. Drawert ackert und müht sich und läßt phantasievoll Erstaunliches entstehen. So ist dieser Abschlußabend kein reiner Leseabend. Wundervolle Unterstützung erhält er durch Ulrich und Margit Pietsch, die moderne Stücke für Cello und Klavier in die Stille setzen wie Pflanzen. Und der Schauspieler und Rezitator Christian Wirmer hilft so manchem Text in den richtigen Raum.

Gleich zu Beginn ist es das fragende Vorwort der Anthologie: „Warum Schreiben?“ – eine Frage, die naturgemäß in einer Textwerkstatt auftaucht, und die immer eine indviduelle Antwort finden muß. Kurt Drawert: „Jeder, der einmal ein Gedicht geschrieben hat oder eine Geschichte oder irgend etwas, das Literatur genannt zu werden verdient, weiß, wieviel äußere Entbehrung und innere Kraft, wieviel künstlerische Disziplin und geistige Empathie dafür nörig waren…. Diese Energiefelder, wie sie zwischen Sprache und Person, Autor und Text im Vorgang des Erinnerns und Erzählens entstehen, gleichviel, ob lyrisch, prosaisch oder dramatisch, leisten etwas für unsere auf Wissen und Kommunikation basierende Gesellschaft so enorm Produktives, da sie neue Räume des Denkens und Handelns eröffnen, daß es überhaupt gar keine angemessene Würdigung für sie gibt. Sie sind, und ich sage es hier im ganzen pathetischen Tonfall des Wortes, kleine menschliche Wunder.“

Das saß. Als Wirmer diese Drawertschen Textzeilen vorbrachte, wußte sofort jeder, hier ist die Literatur nicht nur zuhause, sondern auch in all ihren Spielarten und Schattierungen gut aufgehoben. Drawert hat eine intime Verbindung zum Wort, kennt die lebendigen Schnittpunkte und weiß, daß sie nie gleich aussehen, sondern immer auch wie der Mensch, der sie auslegt und der ihre ganze filigrane Struktur nur darstellen kann, wenn er sich ihr sorgfältig und aufmerksam nähert. Text kann man nicht lehren, aber das Aufmerken und Wachsein, das Vertrauen in das Geschehen, das zum Text führt.

Wir finden in der Anthologie eine Mischung aus kurzer Prosa und Lyrik: Andreas Lehmann überzeugt mit einem essayistischen, sehr offenen Blick auf die Gründe für sein Schreiben, Ulrike Sabine Maier bringt es auf die Formel „Ich habe eine Geschichte; und sie muss erzählt werden.“, Ann-Kathrin Ast ist unterwegs „in den fallgassen des sommers“ mit musikalischen Gedichten und ganz irdischer Kurzprosa, Armin Steigenberger schafft es aus dem Wartestand in die übrige Welt mit gleichsam wunderbarer Lyrik, Bärbel Burck knüpft das Bildnerische gekonnt in ihre Gedichte, klare und doch überraschende Prosa kommt von Christina Stein, es wären alle Beiträger zu nennen und in ihren Eigenarten darzustellen, aber die wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen wie weitgespannt die Verwirklichungsfelder sind und wie stark personalisiert die Erscheinungen – ein sicherer Anhalt für ein gesundes und kreatives, aber auch tiefes Werkstattleben.

Andreas Lehmann

lebenslauf

so also geht es
so begegnet man sich

die hände: so berührt man sich
die zungen: so verführt man sich

die finger, haare, haut
die worte: so vertraut man sich

die tage, die wochen, die jahre: so
verliert man sich. die augen:
so sieht man sich

nicht wieder

Der nächste Jahrgang steht schon in den Startlöchern, Kurt Drawert konnte einige von ihnen an diesem Abend im recht voll besetzten Haus begrüßen. Es bleibt zu hoffen, daß die Stadt Darmstadt diese großartige Arbeit noch besser unterstützt.

Kurt Drawert
Die Haltbarkeit des Glücks
Literarischer März
2011

Fixpoetry 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge