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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Maschinengeschrieben in zweifacher Ausfertigung

Kurt Schwitters doppelmoppel

Buchkunst geht eigene Wege. Sie liebt nicht nur das Wort, sondern auch Raum und Luft um das Wort, die Fläche, aus der es auftaucht und wohin es flieht. Sie ist dankbar für Texte, die sich auf die eine oder andere Weise typografisch  oder gestalterisch umsetzen lassen und die so zu einer Einheit verschmelzen mit dem Buch. Eric Erfurth, Kleinverleger und Raritätenaufspürer aus Obernburg am Main, der seinen nachhaltigsten verlegerischen Auftritt bislang mit einer CD hatte, auf der Arnulf Appel die berüchtigte Ursonate von Kurt Schwitters nach der Originalpartitur und dabei unnachahmlich wunderbar vorträgt, hat so einen Text gefunden und Sabine Schmekel, diplomierte Designerin aus Mainz, hat ihn  buchfähig umgesetzt. Ein kleines, in Vergessenheit geratenes Gedicht von Kurt Schwitters.

„Das Manuskript des Textes liegt maschinengeschrieben in zweifacher Ausfertigung auf einem Rechnungsformular von Kurt Schwitters vor (Schwitters-Archiv in der Stadtbibliothek Hannover), es weist handschriftliche Korrekturen auf, ist durchgehend in Kleinbuchstaben getippt und wurde, vermutlich von fremder Hand, mit dem Vermerk ‚Strassburg: 3.4.27’ datiert. Das Gedicht trägt die unterstrichene Überschrift ‚doppelmoppel’.“ So klärt uns Erfurth über seinen Fund auf und erzählt in seinem ausgiebigen Nachwort nicht nur die weitere Geschichte des Gedichtes, sondern ordnet es in die Literaturgeschichte ein. Schließlich resumiert er: „Es wäre .... verfehlt, ‚doppelmoppel’ für ein Kindergedicht zu halten. Das Gedicht handelt vom Elementaren der Literatur.“

Wenn das Elementare der Literatur das Spiel mit der Sprache ist, dann handelt auch das Kindergedicht vom Elementaren. Wir müssen, weil Spiel im Spiele ist, Schwitters nicht schützen. Und gerade Schwitters griff jede Möglichkeit auf, die sich ihm bot, die Welt zu gestalten und im Spiel mit allen Dingen sich neu zu definieren, ein Ich, das schließlich aufging im Begriff „Merz“ der nichts weiter bedeutete, als daß Schwitters einmal die Silbe Merz aus einer Anzeige der „Kommerz und Privatbank“ ausgeschnitten und auf eines seiner frühen genagelten und geklebten Collagen pappte. Ein Ich, das sich verflüchtigte im zufälligen Entstehen und Vergehen des Zuvorigen. Wenn es Merz war, dann eben Merz, es hätte auch Vatban sein können oder Priva. Die Welt ist da und geschieht. Im Spiel gewinnt sie die Zeit, die sie braucht, um sich zu ändern.

Das dünne Büchlein kommt mit ungezählten Seiten im Hardcover und trägt – wie alle Bücher des Verlags - ein spezielles, dem Buch zugemessenes Logo. Und es ist ein unscheinbares, aber durchaus anregendes Kunststück.

Kurt Schwitters · Simone Schmekel
Doppelmoppel
Logo
1998 · 28 Seiten
ISBN:
978-3-980308731

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