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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Ein Leben lang MERZ

Hamburg

Je größer das Werk, desto wahrscheinlicher ist es, dass es die Zeit nicht überdauert. Zumindest für die Kunst Kurt Schwitters‘ scheint das als Faustformel zu gelten. Selbst in Deutschland ist dieser Visionär der Moderne und Schöpfer des Gesamtkunstwerkes MERZ nicht mehr allzu bekannt.  Dabei ist er neben Marcel Duchamp wohl der einzige echte Konzeptkünstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine MERZ-Kunst umfasste Collagen, Installationen, Manifeste, Werbegrafiken, Lautpoesie und vor allem Bauten. Vier MERZ-Bauten schuf Kurt Schwitters in seinem Leben, keine davon ist im Original erhalten – eine kunsthistorische Tragödie. Allein am ersten MERZ-Bau in seinem Haus in Hannover werkelte er über 20 Jahre. Anfangs der 1940er Jahre erstreckte sich die als MERZ-Säule begonnene Assemblage mit ihren zahlreichen Höhlen, Grotten und Winkeln  aus Holz, Schrott, Gips, Leim und allerlei Fundsachen über drei Etagen. Welcher Gegenstand auch immer Schwitters Interesse erweckte, wurde irgendwie verklebt, vernagelt oder vergipst; eine Arbeitsweise, die von Beginn an das Abstrakte mit dem Gegenständlichen vereinte.

Aber was genau ist MERZ? Was will MERZ? Was bedeutet es? Diese und andere Fragen versucht der Norweger Lars Fiske mit seinen großartigen Comic über Schwitters‘ Leben und Werk zu beantworten. Eine Aufgabe, die ihm mit Bravour gelingt. Die einfachste, treffendste, aber auch tautologischste Antwort wäre: MERZ das ist Kurt Schwitters und Kurt Schwitters ist MERZ. Als zweite Silbe des Wortes „Commerz“ wurde der Begriff zum Synonym einer Kunst, die fernab aller Gattungsbegriffe entstand. Angetrieben wurde diese Kunst zunächst durch Schwitters Interesse am Maschinellen bzw. Industriellen. Mit künstlichen und natürlichen Gegenständen versuchte er das Wesen der Menschen zu definieren, die mit ihnen in Zusammenhang standen; sich selbst natürlich eingeschlossen. So klebte Schwitters Ende 1918 mitten in sein Portrait eines gewissen Dr. Scherzinger einen Bierdeckel, weil er der Meinung war, dieser charakterisiere ihn irgendwie. Scherzinger war außer sich, MERZ geboren. Bis heute wird seine Arbeit meist mit dem Begriff „Dada“ zu konkretisieren versucht, was so falsch nicht ist. Dennoch wurde Schwitters von den Berliner Dadaisten, allen voran Richard Huelsenbeck, aufs Schärfste abgelehnt. Fiske lässt in seinem Comic keinen Zweifel daran, dass diese Zurückweisung eher an Schwitters bürgerlicher Herkunft und Denkweise lag als an seiner Kunst. Denn ebenso wie Dada radikalisierte MERZ den Kunstbegriff, trieb ihn auf die Spitze und erklärte schlichtweg alles zur Kunst, was ein Künstler schuf. Doch wo MERZ noch am Kunstbegriff festhält, ist Berlin-Dada schon längst Antikunst mit selbstherrlicher Attitüde. Der gewiefte Geschäftsmann Schwitters deklariert seine MERZ-Kunst daher schon früh als „Anti-Dada“.

Unbeeindruckt von der Ablehnung und den Anfeindungen anderer Avantgardekünstler in Deutschland geht Schwitters seinen Weg weiter. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau Helma und den Künstlern Raoul Hausmann und Theo van Doesburg, mit denen er erfolgreiche MERZ- bzw. Dada-Abende in Holland und Böhmen gestaltete. Die happening-artigen Vorstellungen wurden in den Avantgardekreisen jenseits Berlins schnell zum Kult. Doch der Höhenflug währte nur kurz. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 wird Schwitters zum Geächteten, seine Kunst als „entartet“ diffamiert. Immer häufiger zieht es ihn nach Norwegen, wo er ungestört arbeiten kann. 1937 entschließt er sich endgültig ins skandinavische Exil zu gehen. Doch das norwegische Publikum kann mit MERZ nichts anfangen und so verdingt sich Schwitters als Portrait- und Landschaftsmaler. Es entstehen zwei MERZ-Bauten in einer Hütte auf der Insel Hjertøya bei Molde und in Lysaker, von denen der eine verfallen ist und der andere zerstört wurde. 1940 muss Schwitters vor dem deutschen Überfall auf Norwegen nach England fliehen. 1943 fällt sein Haus in Hannover und somit der Ur-MERZ-Bau einer Brandbombe zum Opfer. 1944 stirbt seine Frau. Im Comic bezeichnet Fiske seinen Helden als „verflucht“. Tatsächlich mutet es seltsam an, dass MERZ den Verfall und die Zerstörung anzuziehen scheint. Dabei handelte es sich doch um eine Kunst, die aus Dekonstruktion Rekonstruktion schuf.

In England bekam Schwitters noch einmal die Anerkennung, die sein Werk verdiente; wenn auch über Umwege. Das Museum of Modern Art in New York finanzierte ihm die Arbeit an einem neuen, vierten MERZ-Bau, der in Elterwater (Lake District, Nordengland) entstehen sollte. Schwitters, der mittlerweile an verschiedenen Krankheiten litt, arbeitete noch eine Weile wie besessen daran, konnte den Bau jedoch nicht mehr fertigstellen, falls sein MERZ-Konzept so etwas überhaupt zugelassen hätte. Er starb 1948 in England an Herzversagen.

Jan Fiske gestaltet mit Jetzt nenne ich mich selbst Merz, Herr Merz! eine persönliche Spurensuche, in die er sich selbst als Figur einbringt. Begleitet wird er dabei von seinem Freund Steffen Kverneland, der ebenfalls Comiczeichner ist und unlängst eine Graphic Novel über Edvard Munch veröffentlichte (Besprechung demnächst auf fixpoetry.com). Kverneland ist so etwas wie die skeptische Gegenstimme, die dafür sorgt, dass Fiskes Comic nicht zum unkritischen Fanartikel wird. Denn es wird im Comic überdeutlich, dass Fiske von Schwitters mehr als fasziniert ist. Als genial-verrückten Professor lässt er Schwitters über seine Seiten toben, sodass die einzelnen Bilder nicht selten selbst aussehen wie MERZ-Collagen. Der scharf geschnittene Zeichenstil gibt dem Ganzen etwas Konstruktivistisches und sehr Nervöses zugleich. Somit gelingt es Fiske die Zerbrechlichkeit einer klaren Idee vorzuführen wie es bei Schwitters MERZ-Kunst der Fall war. Ein großartiger Comic, der zudem eine wahre Entdeckungsreise ist.

 

Lars Fiske
Kurt Schwitters: Jetzt nenne ich mich selbst Merz. Herr Merz
Avant
2013 · 112 Seiten · 29,95 Euro
ISBN:
978-3-939080-79-4

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